«Etwas verrucht darfs schon sein»

DJ Richard Dorfmeister ist Teilhaber der neuen Bar Kanonaegass – der ehemaligen Sarina-Bar. Was reizt ihn am Milieulokal? Und wozu wird in Zürich getanzt?

Richard Dorfmeister, der musikalische Kurator der Kanonaegass, der hier auch un-clubbig spielen wird. Foto: Dominique Meienberg

Richard Dorfmeister, der musikalische Kurator der Kanonaegass, der hier auch un-clubbig spielen wird. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er kam wegen der Liebe, das war vor zwölf Jahren. Dann kam das erste Kind, später ein zweites, ein drittes. Und so lebte Richard Dorfmeister – kongeniale Hälfte des in den 90er-Jahren global populären Wiener Down­beat- und Electronica-Duos Kruder & Dorfmeister – halt plötzlich in Zürich. Und jettete fortan von hier aus zu DJ-Sets oder Liveauf­tritten mit dem anderen Soundprojekt Tosca, welches er mit seinem Wiener Spezi Rupert Huber unterhält.

Doch die Limmatstadt wurde nicht bloss zum Wohnort des 47-Jährigen, er fing auch an, hier musikalisch zu arbeiten, knüpfte berufliche Kontakte, fand private Kumpels. All dies führte schliesslich dazu, dass er jetzt gemeinsam mit befreundeten Zürcher Gastronomen Mitinhaber der neuen Bar Kanonaegass ist, die am Samstag eröffnet wird. Das Lokal befindet sich an der Kanonengasse 9 im Chräis Chäib, in den ehemaligen Räumlichkeiten der nicht ganz unbefleckten Sarina-Bar (um es im passenden Jargon zu formulieren). «Ich bin hier sozusagen der musikalische Kurator», beschreibt Richard Dorfmeister lachend seine Rolle, er will sich aber ab und zu auch am Bartresen versuchen.

Welcher professionelle Mix ist schwieriger: der als DJ oder der als Barkeeper?
Der als DJ, er ist viel komplexer. Es gilt, den richtigen Sound zu finden, die Leute zu spüren, für Stimmung zu sorgen. Und man muss auch an Orten funktionieren, die man nicht kennt, und in Zuständen, die auch mal suboptimal sein können (lacht). Darum klappt das auch nicht ­immer. Der Job des Barkeepers ist auch anspruchsvoll, aber doch einfacher.

Weshalb wurden Sie überhaupt Teilhaber einer Bar? Sie hätten hier doch auch ein typisches Wiener Kaffeehaus eröffnen können.
Ich bin kein Gastroprofi, war aber immer schon ein Freund der Gastronomie. Weshalb ich gegenüber Alex (Anm. d. Red.: Mitbetreiber Alex Taiganidis) stets signalisierte, dass ich gern dabei wäre, wenn sich im Gastrobereich etwas ergeben würde. Nun hat sich diese Bar ergeben, ich kann einen ersten Fuss in diese neue Welt setzen, worauf ich mich sehr freue. Gerade weil das für mich ein idealistisches Unterfangen und keine Geldmaschine ist. Abgesehen davon fänd ich es falsch, wenn ich mich als Österreicher hierher gepflanzt und keck ein Wiener Café eröffnet hätte. Bei solchen Ideen muss man lokal denken und handeln. Also mit Menschen zusammenarbeiten, die das Lebensgefühl und den Rhythmus der Stadt verinnerlicht haben.

Das Vorgängerlokal war die Sarina-Bar, ein derber Milieuschuppen. Ist das keine Hypothek?
Ich finde den Standort in diesem sich laufend wandelnden Quartier wie auch das Echo des ehemaligen Milieulokals sehr reizvoll. Ein gänzlich properer Laden in einem restlos sauberen Quartier, das wäre doch langweilig. Etwas verrucht und verwegen darfs bei uns schon auch sein, find ich (lacht).

Wofür steht die Bar Kanonaegass?
Für mich, und ich denke, meine Partner sehen das genauso, ist unsere Bar eine Kommunikationsplattform. Man trifft sich, tauscht sich aus, hört interessanten Sound, fühlt sich im besten Fall heimelig . . . und macht sich zur passenden Stunde auf den Heimweg. Das ist in unserer Alters­klasse ja gerade das Ding: In Clubs gehen wir immer seltener, weil es da zu spät wird. Also brauchts Lokale, in denen wir das Bedürfnis nach Ausgang und Gesellschaft zu vernünftigen Zeiten umsetzen können.

Dringt da jetzt die wohl genetische Wiener Gemütlichkeit durch?
(lacht) Der Bezug zu Wien besteht nur darin, dass ich dortige Freunde und DJs einlade, die hier zu Besuch oder zum Spielen kommen. Inhaltlich aber wollen wir Zürichs dynamische Musik- und Kreativszene einbeziehen, unter anderem die Leute rund um den Club Zukunft. An der Voreröffnung spielt beispielsweise Alain Kupper, den ich sehr schätze, als Künstler wie als Querdenker.

Nachdem Sie als Wiener jetzt seit zwölf Jahren in Zürich leben: Wie unterscheiden sich die zwei Städte?
Man kann sie eigentlich nicht vergleichen, allein schon wegen der anderen Grössen und geografischen Lagen.

Tun Sie es trotzdem!
Das heutige Wien ist komplett Ostblock mit einer adretten Monarchiefassade. Und Wien ist langsamer als Zürich. Und zynischer. Zürich ist «straight up», hier reden die Leute nicht durch die Blume, sie sagen direkt, was sie denken. Zudem ist Wien nicht pünktlich, anders als in Zürich heisst fünf Uhr da selten wirklich fünf Uhr. Und die Luft in Zürich ist an­genehmer, vor allem zur warmen Jahreszeit. Überhaupt, der Sommer in Zürich: Da lebt man ja quasi in einem Urlaubs­ort mit Seeanschluss, das ist doch der Wahnsinn! Zudem ist die Stadt eng­maschig und überschaubar, man kommt mit dem Velo überallhin, das ist super. Was mir aber fehlt, ist der Heurige, den sollte man in Zürich auch etablieren.


Richard Dorfmeister, Sofa Rockers. Quelle: Youtube


Was ist mit der Musik? Ist das coole Zürich tatsächlich inspirierend?
Find ich schon, ja. Gerade die Nightlifeszene. Was da in den letzten Jahren ­entstanden ist, dank Leuten wie Alex Dallas, Kalabrese oder Lexx, das ist top.

Hat sich auch Ihr Sound verändert, seit Sie in Zürich leben?
Ich denke schon, ja. Das Umfeld hat bei mir immer einen Einfluss gehabt.

Da Sie öfters hier auflegen, können Sie uns sicher verraten, wozu die Zürcher Clubber am liebsten tanzen.
Der elektronische Stil, der in Zürich ankommt, ist schnell, aber nicht allzu hart. Am besten klappts mit Stücken, die ­melodiöse Komponenten beinhalten.

Eine andere Frage zur Musik, um die wir nicht umhinkommen: Wird es jemals zum Comeback von Ihnen und Peter Kruder kommen?
(lacht) Das kann sein, das weiss man nie. Das ist ein Mysterium.

Kruder & Dorfmeister, High Noon. Quelle: Youtube


Mehr gibts dazu nicht zu sagen?
Lustig ist, dass Peter und ich fünfzehn Jahre lang gefragt wurden: Wann kommt das Album? Jetzt lautet die Frage bereits: Kommt überhaupt noch was? (lacht) Dabei wäre doch die wichtigste Frage: Weshalb wurde ein solch erfolgreiches und für die damalige Zeit auch wegweisendes Projekt nicht weitergeführt?

Gute Frage. Wie lautet die Antwort?
(lacht) Die weiss ich nicht. Vielleicht hat halt alles seine Zeit. Jedenfalls vertraten wir immer die Haltung: Wir finden es cool, richtig cool, von A bis Z – und sonst lassen wirs bleiben. Es gab bei uns nie die Verkrampfung, eine Platte machen zu müssen, weil wir zwingend Geld verdienen wollten. Eigentlich ein sehr luxuriöser Standpunkt, wenn ich mir das so überlege. Darum blieb das K&D-Projekt inhaltlich gesehen auch immer straight. Doch finanziell betrachtet war der Entscheid natürlich Schwachsinn. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2015, 21:43 Uhr

Kanonaegass

Eine neue Musikbar im Kreis 4

Dem fünfköpfigen Betreiberteam der Bar Kanonaegass gehören mit Peter Schilde (Gründer/Partner Restaurant-Bar Piazza am Idaplatz), Mischa Seeholzer (Gründer/Partner Piazza) und Alex Taiganidis (Partner Piazza) auch drei Personen mit langjähriger Zürcher Gastroerfahrung an. Die anderen zwei Mitinhaber sind der bekannte Wiener DJ und Musikproduzent Richard Dorfmeister sowie Kreativwerber Matthew Katumba. Als Geschäftsführer amtet Christian Marbach, der früher im Z am Park, im El Lokal und in der Jdaburg tätig war. Auf die angepeilte Kundschaft angesprochen, sagt Taiganidis: «Die Bar soll zum Treffpunkt für alle möglichen Leute aus dem Quartier werden, die abends noch Lust auf einen gemütlichen Drink verspüren. Ebenso wollen wir aber auch Gästen von ausserhalb einen inspirierenden Abend in Aussersihl bescheren.» Dazu beitragen dürfte auch der von Dorfmeister betreute und stilistisch breite Sound. Geöffnet ist die Kanonaegass (Kanonengasse 9, 8004 Zürich) immer von Dienstag bis Samstag ab 17 Uhr. Wann dann jeweils die letzte Runde eingeläutet werden wird, soll laut Taiganidis auch von der Stimmung und Gästezahl abhängen. (thw)

Offizielle Eröffnung: Samstag, 27. Juni, 17 Uhr

Artikel zum Thema

Lady Discotheque

Longform Die Schweizerin Sonja Moonear legt zwischen Tokio und New York in den angesagtesten Clubs ihre Platten auf. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Die Welt in Bildern

Schattenspiel: Biathleten trainieren im österreichischen Hochfilzen für den 10km Sprint im Weltcup. (13.Dezember 2018)
(Bild: Matthias Hangst/Bongarts/Getty Images) Mehr...