«Papa, wie ist dein Ei Fon Kot?»

Nur etwas wirkt noch direkter als Nachrichten auf dem Smartphone: Notizzettel von Kindern. Das zeigt ein Buch.

Amelie, 6 Jahre, beschwert sich bei Mama über ihren Bruder, 8 Monate. Foto: Heyne

Amelie, 6 Jahre, beschwert sich bei Mama über ihren Bruder, 8 Monate. Foto: Heyne

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es sind kleine Poetinnen der Nacht, so stellen wir sie uns vor, die morgens noch vor ihren Eltern aufstehen, die Küchenschublade nach Schreibmaterial durchwühlen, in Mamas Tasche einen Kugelschreiber finden, beim Bruder im Spielzimmer einen bald ausgetrockneten Filzstift erhaschen.

Die Poetinnen und Poeten setzen sich an ihr Pult, sie sind vielleicht sechs Jahre alt, acht oder neun, nur halb sitzen sie auf ihrem Stuhl, das Licht knipsen sie gar nicht erst an, weil sie jetzt dringend etwas zu erledigen haben, eine wichtige Mitteilung machen müssen. Der Paul hat nämlich wieder «in mainen Zima gekozo», zum Beispiel, «bite wisches ­sofoat auf». Der Ärger vom Vorabend ist nicht abgeklungen, im Gegenteil, er wächst zu zehn Ausrufezeichen heran, weil «Mattis und Eva-Lotta scheiss Aschlöcher!!!!!!!!!» sind. Das muss auch mal gesagt werden. Geht es dem Mädchen, das diese Zeilen geschrieben hat, jetzt besser? Hat es sich erleichtern können von der Wut, die es in der Nacht wach hielt?

Wer solche Zettel liest, auch jenen lakonischen: «Ich gehe, ich ziehe eus», kann den Aufruhr des Kindes nur erahnen. Vor allem sind wir aber erfreut und gerührt, dass die Kleinen einen Weg gefunden haben, ihren Ärger zu bannen. Der Post-it als Protestnote.

Kinder-Logik

Die Geschichten hinter den handschriftlichen Zetteln, welche die Münchner Auto­rin Cordula Weidenbach in ihrem Buch «Ein Bruder zu verkaufen mit Bett und Spielzeug» (Heyne-Verlag) gesammelt hat, erfahren wir nicht. Wir erfahren nur, wie die Schreibenden heissen, wie alt sie sind, und manchmal, an wen sich ihre Botschaft richtet.

Andererseits erfahren wir etwas Einzigartiges: die den Kindern ganz eigene Logik. Ein Mädchen schreibt der Zahnfee, dass sie ihren Zahn leider verschluckt habe. Als Alternative bietet es eine Wimper an, sorgfältig auf den Zettel geklebt. Nadine legt den Eltern Kleingeld hin, weil sie «zu viele Bibi und Tina folgen runtergeladen» habe.

Leopold schreibt einen modernen Wunschzettel: Was er sich wünscht, notiert er gewissenhaft als vollständige Webadresse. Emilia weiss, wer streitet, mag den anderen trotzdem noch: «Ich bin sauer auf Dich und rede heute und morgen nicht mehr mit Dir. PS: Den ganzen Tag! PSS: Ich hab Dich immer noch lieb.»

Noah giert mit seinen 7 Jahren schon nach Vaters Handy: «Papa, wie ist dein Ei Fon Kot?» Charmanter, ja, beiläufiger kann man wohl seine eigene Begehrlichkeit nicht formulieren.

Oder Ihr Kind etwa schon? Schicken Sie uns Fotos Ihrer lustigsten, schönsten privaten Nachrichten an bellevue@tages-anzeiger.ch.

Erstellt: 19.06.2019, 13:54 Uhr

Artikel zum Thema

Wenn ein Brief zum Gemälde wird

Das Zürcher Künstlerduo Veli & Amos verschickt Kunst, die aus dem Rahmen fällt. Hinter ihrem Konzept steckt aber mehr als kindliche Freude am Spiel. Mehr...

Für Drinks schlief sie unter dem Tisch

Die Zürcherin Daniela Huber reiste vom Nordkap nach Gibraltar und besuchte Trinklokal um Trinklokal. Mehr...

Ein Klotz ist plötzlich Kunst

Der Zürcher Tobias Brunner besass einen praktischen Granitblock, den er als Beschwerer nutzte. Jetzt ist dieser ein Ausstellungsstück geworden. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ausstellungseröffnung: «Schatten»!

Mit einer Auswahl von fast 140 Werken zeigt die Ausstellung «Schatten» in der Hermitage 500 Jahre Kunstgeschichte.

Kommentare

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Auf Händen getragen: Eine handgeschnitzte Statue der Jungfrau Maria wird anlässlich des Fests zu Ehren der «Virgen del Carmen» durch die andalusische Stadt Málaga geführt. (16. Juli 2019)
(Bild: Daniel Perez / Getty Images) Mehr...