Ganz ohne am Zürichberg

Noch vor etwas mehr als 100 Jahren schickte es sich nicht, an den sonnigen Hängen der Stadt zu wohnen – weil man hier gerne nackt badete.

Freikörperkultur 1909: Männer im Sonnenbad der «Volksgesundheit Zürich». Foto: CC BY-SA 4.0 (Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

Freikörperkultur 1909: Männer im Sonnenbad der «Volksgesundheit Zürich». Foto: CC BY-SA 4.0 (Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich)

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Gesund sein und vor allem gesund essen: Danach strebten Züricherinnen und Zürcher schon Ende des 19. Jahrhunderts. Während viele die Nähe zum See und zum Geschehen rund um die aufblühende Bahnhofstrasse suchten, hielten sich an den unverbauten Hängen an bester Höhenluft jene auf, denen Volksgesundheit wichtig war.

«Die ersten Akteure verfolgten sehr moderne Gedanken», sagt Stefan Rindlisbacher. Er erforscht am Departement für Zeitgeschichte der Universität Freiburg die Anfänge der Freikörperkultur-Bewegung in der Schweiz und sieht im Streben von damals Parallelen zum aktuellen Körperkult und Ernährungswahn unserer Gesellschaft.

Tobelhof

Zürichs erstes Luft- und Sonnenbad entstand 1901 am Zürichberg zwischen Tobelhofstrasse und Krähbühlweg. Schon zehn Jahre zuvor hatten sich einige Anhänger der Naturheilkunde, ­darunter einige «Vegetarianer» – so hiessen die Vegetarier damals –, zum Verein für Volksgesundheit zusammengeschlossen. Auf der kleinen Fläche am Tobelhof legten sie Schrebergärten an, um ihr eigenes Gemüse zu pflanzen, auf einer Wiese standen Turngeräte.

Mit dem Bad wollte man eine breite Bevölkerung ansprechen; sie sollte sich an der frischen Luft bewegen und sich vom städtischen Treiben sowie der Arbeit in den Fabriken erholen. Der Verein baute geschlechtergetrennte Liegewiesen mit Nacktbereichen – gegen aussen mit Büschen abgetrennt. Den Körper fast unbedeckt Luft und Sonne auszusetzen, galt damals als gesund: «Bade Körper und Geist im Lichte der Vernunft», hiess es in den Vereinsstatuten. Das Bad war bei der Bevölkerung beliebt. Im Juli/August 1933 kamen rund 15'000 Gäste. Die Liegeflächen im Tobelhof wurden zum Vorbild für später gebaute Badeanstalten in der Stadt.

Den Körper fast unbedeckt Luft und Sonne auszusetzen, galt damals als gesund: «Bade Körper und Geist im Lichte der Vernunft».

In der Nähe entstanden weitere Institutionen, die den Städtern ein gesünderes Leben boten. Der Zürcher Arzt und Ernährungsreformer Bircher-Benner eröffnete an der Keltenstrasse sein Sanatorium «Lebendige Kraft», wo sich Gutsituierte erholten, etwa die Schriftsteller Rilke, Hesse und Thomas Mann. Der Zürcher Frauenverein baute das alkoholfreie Hotel Zürichberg, in dem Städter aller Bevölkerungsschichten ihre ­Ferien verbringen konnten und das bis heute ein beliebtes Ausflugsziel ist.

Rossweid

In derselben Zeit eröffnete der Könizer Pfarrer Theodor Stern auf der ehemaligen Rossweid hinter der Waid, wo sich heute das Tessin-Grotto und Tennisplätze befinden, eine Kneipp-Kuranstalt. Stern baute fünf Lufthütten, dazu je ein Herren- und ein Damen-Sonnenbad mit Sichtschutz und einen Tennisplatz. Stern schien die Höhenlage auf 600 Metern mitten im Wald der ideale Ort für kränkelnde Zürcher.

Das Kurhaus war bald über die Stadtgrenzen hinaus bekannt und fand bei den Monte-Verità-Gründern Ida Hofmann und Henri Oedenkoven Beachtung, die ob Ascona eine Freikörperkommune aufbauten. Der Deutsche Richard Ungewitter, ein Pionier der Freikörperkultur, lobte die Institution 1908 in seinem Werk «Nackt» als fortschrittlich: «Dort ist es üblich, dass die Kurgäste in der Luftbadtracht stundenweise Spaziergänge ausserhalb der Anstalt machen, woran sich die umliegenden Dorfbewohner schon lange nicht mehr kehren, da sie es gewöhnt sind.»

Loge Eden

Ab den 1920er-Jahren prägte der Berner Lebensreformer und Reformpädagoge Werner Zimmermann die Zürcher Freikörperkultur-Bewegung. Er liess sich von den deutschen FKK-Pionieren inspirieren und schrieb 1922 das Standardwerk «Lichtwärts», in dem er eine Anleitung für ein «naturgemässes» Leben als Lösung diverser Wohlstandsprobleme liefert. Um ein gemeinsames Nacktsein von Mann und Frau zu ermöglichen, muss aus Sicht von Zimmermann bei Frauen die Nacktheit von der Erotik getrennt werden. «Der weibliche Körper muss auf die Mutterpflichten reduziert werden», zitiert Forscher Rindlisbacher den Lebensreformer. Wer ein Lichtkämpfer der FKK-Bewegung sein wolle, müsse deshalb seine Triebe kontrollieren können.

Bereits 1920 hatten sich in Zürich ein Dutzend Akteure zur Loge Eden, der Vereinigung zur Gesundung des persönlichen Lebens, zusammengeschlossen. Sie gilt als erste eigene FKK-Gruppierung der Schweiz, lebte aber nach den Ideen der Lebensreformbewegung. Forscher Rindlisbacher sagt: «In der Schweiz war die FKK-Bewegung viel länger mit dem Lebensreformgeist verknüpft als in Deutschland, wo nacktbadende Gruppierungen schon in den 1920er-Jahren auf lebensreformerische Forderungen verzichteten.»

Die Loge löste sich zwar bereits nach wenigen Monaten wieder auf, doch in dieser Zeit waren die Ideen der Freikörperkultur populär. 1927 wurde der Schweizer Lichtbund gegründet, der 1938 in Organisation der Naturisten in der Schweiz umbenannt wurde und den es heute noch gibt.

Föhrli und Schönhalde

Auch ausserhalb von Zürich wurden die Naturisten aktiv. In Nänikon auf dem 25'000 Quadratmeter grossen Gelände Föhrli erstellte der Verein Natur und Sport Zürich (Naspo), ein Zusammenschluss aus Naturisten, 1932 eine Anlage mit Schwimmbecken, Volleyballfeldern, Pétanque-Bahnen und der Möglichkeit zum Bogenschiessen. Die Anlage ist bis heute in Betrieb und zählt rund 500 Mitglieder.

Zwischen Aeugst und Affoltern am Albis liegt das Sonnenbad Schönhalde. Es wurde 1950 unter dem Namen ZLK Zürcher Lichtkreis gegründet. Auch dieses ist bis heute in Betrieb, der Zutritt ist jedoch wie in der Anlage Föhrli Mitgliedern vorbehalten. In beiden Anlagen werden die Grundsätze der Lebensreformbewegung von Vegetarismus, Verzicht auf Rauchen und Alkohol aber nicht zwingend vorausgesetzt – auch wenn es Vegetarier und Anhänger der Naturheilbewegung waren, die den Grundstein für die Freikörperkultur-Bewegung in und um Zürich legten.

Erstellt: 20.08.2019, 21:33 Uhr

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