«Geburten können süchtig machen»

Marie Zürcher ist 90 und war ihr Leben lang Hebamme. Marina ist 23 und junge Mutter. Beide werden in einer erfolgreichen Frauenleben-Buchreihe porträtiert. Jetzt unterhalten sie sich über das Muttersein.

Ein volles und ein halbes Leben: Marie Zürcher (l.) in ihrer Stube in Wynigen und Marina. Foto: Ruben Wyttenbach

Ein volles und ein halbes Leben: Marie Zürcher (l.) in ihrer Stube in Wynigen und Marina. Foto: Ruben Wyttenbach

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Nachdem Susanna Schwager in ihrem Bestseller «Das volle Leben» die Lebensgeschichten älterer Frauen erzählte, ­widmet sie sich in «Das halbe Leben» nun den jungen Frauen. Wir haben ­Vertreterinnen beider Generationen zum Gespräch geladen: Die 90-jährige Hebamme Marie Zürcher unterhält sich mit Marina, einer 23-jährigen Mutter (die ihren Nachnamen nicht in der ­Zeitung lesen möchte). Das Gespräch zeigt, was sich im Verhältnis von Frauen zur Geburt in den letzten Jahrzehnten verändert hat – und was nicht.

Marie Zürcher: Wie hat dein Freund auf deine Schwangerschaft reagiert?

Marina: Ich war 22 Jahre alt. Mein Glück ist, dass er mutig ist und ein Familienmensch. Eine Abtreibung war nie ein Thema. Wir waren uns einig, dass wir das Kind wollen und die Verantwortung dafür übernehmen.

Zürcher: Hast du gestillt?

Marina: Ein halbes Jahr voll und bis zu 15 Monaten abends und in der Nacht.

Zürcher: Wunderbar, ein richtiges Muttermilch-Baby. Wie schaffst du es, neben dem Kind zu arbeiten?

Marina: Nach der Geburt blieb ich ein ganzes Jahr zu Hause und hatte viel Zeit für den Kleinen. Mein Freund arbeitete damals 100 Prozent. Jetzt arbeitet er 50 und ich 60 Prozent. Unser Sohn ist an zwei Tagen in der Krippe. Und am Montag hütet jeweils meine Schwester, so haben wir einen Tag nur für uns. Doch wir waren uns von Anfang an einig, dass wir uns die Betreuung und die Hausarbeit aufteilen.

Marina: Jetzt habe ich eine Frage: Als Hebamme hast du Tausende von Babys auf die Welt gebracht. Wolltest du nie ein eigenes Kind?

Zürcher: Das hat sich einfach nicht ­ergeben. Nach der Schule war ich im Welschland, und dann lernte ich Wöchnerinnen- und Säuglingspflege. Das brachte zwar kaum Geld, aber diese Arbeit hat mich befriedigt. Dann hatte ich einen Freund. Als er mich fragte, wie viel Geld ich auf meinem Kassabüchlein habe, bin ich ein bisschen erschrocken. Doch ausgerechnet dieser Mann brachte mich auf die Idee, Hebamme zu werden.

Marina: Wie ist es dazu gekommen?

Zürcher: Er sagte: «Am Schluss wirst du noch Hebamme.» Und so kam es. Meine Mutter war mit meiner Weiter­bildung einverstanden. Der Vater nicht. Er verabschiedete sich nicht einmal von mir. Im Dorf hatte vorher kein Mädchen einen Beruf erlernt. Mädchen wurden Mägde oder warteten, bis man sie ­erlöste, also heiratete – oder beides.

Marina: Wie verhielt sich dein Freund, als du ihm erzähltest, dass du nun ­Hebamme wirst?

Zürcher: Er hat nie gesagt, dass er mich unbedingt will. Doch mein Vater wäre froh gewesen, wenn ich Bäuerin geworden wäre.

Zürcher: Jetzt bin ich wieder an der Reihe. Wie war das für dich, als du feststelltest, schwanger zu sein?

Marina: Es ist eher speziell, mit 22 Jahren ein Kind zu bekommen. Eigentlich wollten wir die Berufsmatura machen. Ich musste mich damit ab­finden, dass mein Leben auf den Kopf gestellt wird.

Zürcher: Wie hat es deine Familie aufgenommen?

Marina: Wir waren bei meiner Mutter eingeladen. Ich sagte: «Ich muss euch etwas mitteilen.» Meine Schwester wollte sofort wissen, was. Und meine Mutter rief: «Du bist aber nicht etwa schwanger?» Aber es gab kein Drama. Meine Mutter sagte, wie wichtig sie es finde, dass ich die Ausbildung abschliesse, um im Leben unabhängig zu sein.

Zürcher: Und – hast du die Ausbildung abgeschlossen?

Marina: Ja, und er auch. Ich bin froh darüber. Wir wollen beide studieren.

Zürcher: Wie haben dich die beiden Familien unterstützt?

Marina: Sie haben uns alle unterstützt. Auch als das Baby auf der Welt war. Sie hüteten unseren Sohn, kochten für uns oder brachten Esswaren vorbei. Darüber waren wir sehr froh.

Marina: Jetzt darf ich wieder eine Frage stellen: Wie machte man das früher als Familie, wenn eine unver­heiratete Frau schwanger wurde?

Zürcher: Wenn eine Frau nicht zu Hause bleiben konnte, gab es für sie im Frauenspital in Bern die Abteilung «Hausschwangere». Eine Schwangerschaft ohne verheiratet zu sein, war damals ein Tabu. Aber natürlich gab es auch Familien, die das Kind akzeptierten, sodass es bei den Grosseltern aufwachsen konnte.

Marina: Wie ging man mit ungewollten Schwangerschaften um?

Zürcher: Einst telefonierte mir eine Bündnerin, weil sie ein Kind erwartete, was keiner wissen durfte. Sie wolle es nie sehen, sondern es sofort zur Adoption freigeben. Ich konnte nichts dagegen tun.

Marina: War das die einzige Adoption?

Zürcher: Nein, es gab noch eine zweite. Eine Bauersfrau meldete sich bei mir und sagte, Vreni, ihre Jungfer erwarte ein Kind. Sie könnten es nicht aufnehmen. Als ich zur Geburt gerufen wurde, sah ich, dass Vreni behindert war. Als das Kind da war, sprach Vreni es mit seinem Namen an, liebevoll und selbstverständlich. Doch die Bauersfrau holte die Jungfer ohne Kind ab.

Marina: Hast du es je bereut, Hebamme geworden zu sein?

Zürcher: Niemals. Ich habe zwar wenig verdient, aber Geld war nebensächlich. Es gibt keine grössere Freude, als wenn ein Kind gesund zur Welt kommt. Es gibt nichts Schöneres als diesen Moment. ­Davon kann man süchtig werden.

Zürcher: Wie war deine Geburt?

Marina: Sie war anstrengend. Im Spital haben sie die Geburt eingeleitet. Dann folgten lange Stunden mit sehr starken Wehen, und am Schluss mussten sie den Kleinen mit der Saugglocke holen. Aber dann war er da: Das werde ich nie vergessen, das war einmalig.

Susanna Schwager, «Das halbe Leben», Wörterseh 2017, 36.90 Fr. Vernissage: Theater Rigiblick, Do 27. April, 20 Uhr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.03.2017, 20:17 Uhr

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