Genug gejammert

Eine Gruppe von Utopisten will sich nicht mit dem Klagen über die Gentrifizierung abfinden. Stattdessen versucht sie, den vorderen Kreis 5 neu zu entwerfen.

Sind sie die neue Kalkbreite? 5im5i um den Ethnologen Heinz Nigg (mit kariertem Hemd und Mütze). Foto: Urs Jaudas

Sind sie die neue Kalkbreite? 5im5i um den Ethnologen Heinz Nigg (mit kariertem Hemd und Mütze). Foto: Urs Jaudas

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Wo frühstücken wir? Wann haben alle Zeit? Und wer bringt Käse mit? Mit solchen Fragen muss sich herumschlagen, wer eine städtebauliche Revolution anzetteln will.

Unter linken Zürchern macht sich seit längerem Niedergeschlagenheit breit: Ihre Stadt glauben sie verloren zu haben. Ans Geld. An die Immobilien-AGs. Mieten entschwinden in unerreichbare Höhen. Zürich, einst ein Ort der sozialen Gegensätze, verwandle sich zu einem St. Moritz im Mittelland. Man kann dagegen demonstrieren. Man kann dagegen abstimmen. Nützt es? Wenig.

Nun formiert sich im Kreis 5 eine Gruppe, die sich nicht mit dem «Gentrifizierungs-Gejammer» abfinden will. Eine Gruppe, die Zürich nicht abschreibt, sondern «neu denkt». Es sind ungefähr 15 Menschen, zwischen 25 und 70 Jahre alt, die meisten aus der Stadt, viele aus dem Kreis 5, alle begeistern sich für alternative Stadtentwicklung.

Sie treffen sich in einem Quartierhaus am Sihlquai, sitzen im Kreis, tauschen Ideen, Ahnungen, Einwände aus. Draussen lockt die Frühlingssonne, aus dem Kellerproberaum dröhnen die Gitarren einer Heavy-Metal-Band. Man muss etwas lauter reden, um sie zu übertönen. In der Runde fallen Sätze wie: «Unsere Ideen sollen die Menschen begeistern.» «Es gibt nicht nur die Wahrheit der ­Architekten und Stadtplaner.»

Zwei Profis im Hintergrund

Die Gruppe startet nicht aus dem Nichts. Im Hintergrund wirken zwei erfahrene Zürcher Aktivisten. Den Anstoss gab Heinz Nigg, 66-jähriger Ethnologe mit Vorliebe für Protestkultur. Unter dem Titel «Wem gehört der Kreis 5» organisierte er eine Diskussionsreihe, die städtische Quartierkoordination unterstützte ihn dabei. Aus den Gesprächen ist die Gruppe gewachsen, die sich gerade 5im5i getauft hat.

Das theoretische Fundament liefert Hans Widmer, 68-jähriger ehemaliger Gymilehrer, bekannt unter dem Pseudonym P. M.. Widmer erfand die Wohn­utopie Bolo’bolo, seine Ideen prägen seit den frühen 80er-Jahren die alternative Zürcher Wohnbewegung. Vor kurzen hat Hans Widmer eine neue Genossenschaft mitgegründet: Nena1.

Diese will dichte, selbstverwaltete Miniquartiere schaffen, sogenannte Nachbarschaften, eine Weiterentwicklung der Bolo’bolos. In solchen Nachbarschaften begnügt man sich mit wenig Wohnraum. Läden, Werkstätten, Büros, Treffpunkte gehören zur Siedlung. Das macht Wege unnötig, spart viel Energie.

Nena1 ist ein Ideengenerator. Wann immer ein städtisches Areal frei werden könnte, zückt die Genossenschaft ihre Pläne, ungefragt. Hardturm, Kasernen­areal, die Kehrrichtverbrennung neben den Viaduktbögen – für alle hat sie Nachbarschaften entwickelt.

Als Nigg Hans Widmer um Anregungen für den vorderen Kreis 5 bat, nahm sich dieser zuerst den Carparkplatz vor, eine Brache mit ungewisser Zukunft. Widmer hat die Nachbarschaftsidee auf das Areal zwischen Sihl und Limmatstrasse angepasst. Seine Wunschsiedlung für 500 Menschen reicht bis direkt ans Sihlufer. Der Sihlquai und die Cars kommen unter den Boden. Als Vorbild dient der unterirdische Busbahnhof an der 42. Strasse in New York.

Doch der Carparkplatz genügt Widmer nicht. Den ganzen vorderen Kreis 5 will er umgestalten. Die bestehenden Wohnhäuser sollen sich zu Nachbarschaften zusammenschliessen, mit eigenen Lebensmittelläden, Kleingewerbe, besser genutztem Wohnraum. Etwas Ähnliches hat die Genossenschaft Dreieck Ende der 90er-Jahre mit bestehenden Häusern im Kreis 4 gemacht. Zusammen mit dem Carparkplatz entstünden so fünf Nachbarschaften, daher der Name 5im5i.

Damit würde der vordere Kreis 5 zu einer «ökologischen Experimentierzone», sagt Widmer, zu einer «Lokomotive», die Zürich in die 2000-Watt-Gesellschaft ziehe. Da ein Grossteil der Häuser Privaten gehört, müsste die Stadt zur Umsetzung der Pläne im grossen Stil Liegenschaften aufkaufen. «Das würde mehrere 100 Millionen Franken kosten. Das Geld ist dank tiefen Zinsen heute billig», sagt Widmer.

Stopp. Spätestens jetzt drängen sich die Einwände auf. Der Carparkplatz, bestens gelegen, ist ein begehrter Flecken. Private Investoren wollen hier ein Kongresszentrum hinstellen, die Stadt als Besitzerin hält sich alle Möglichkeiten offen. Dann gibt es noch den Stadttunnel, die Planungsleiche eines 50er-Jahre-Autobahnprojekts. Eine Tunnelausfahrt würde auf den Carparkplatz hochführen. Dass der Tunnel je gebohrt wird, scheint unwahrscheinlich. Doch er steht in den Richtplänen und blockiert damit die Entwicklung des Areals.

Ausserdem: Kommt ein unterirdischer Busbahnhof nicht zu teuer? Welcher Hausbesitzer im Kreis 5 verkauft freiwillig an die Stadt? Können solche Ideen je politische Mehrheiten finden?

Solche Zweifel zählen wenig in der 5im5i-Runde. «Man darf sich das Denken und Fantasieren nicht verbieten lassen», sagt Heinz Nigg. «Sonst entsteht nie etwas Neues.» Ausserdem: Die Stadt muss den Anteil an gemeinnützigen Wohnungen von 26 auf 33 Prozent hochwuchten. Das haben die Zürcher Stimmbürger mit einer Dreiviertelmehrheit beschlossen. «Um die 33 Prozent zu erreichen, muss man richtig klotzen. Unser Projekt wäre genau richtig», sagt einer in der Gruppe.

Ideen sind wie Viren

Mit Hans Widmer haben sie einen Paten, der weiss, wie man Ideen zur Wirklichkeit erweckt. Die meisten seiner Utopien scheiterten. In anderen, wie dem Kraftwerk 1, kann man heute wohnen. Widmers Methode setzt Geduld voraus. Wie Viren sollen sich Ideen verbreiten, langsam, aber hartnäckig. Widmer verpackt seine Utopien in lustige Namen, lässt sie Fantastisches verheissen. So sollen sie Menschen anstecken, bis sich diese zu Gruppen zusammenschliessen und das Anliegen weitertragen. Politiker gehören nicht zum ersten Zielpublikum. «Sobald sie sich für eine Vision einsetzen, wirkt diese parteilich. Und das sind wir nicht», sagt Widmer.

Trotzdem. Viele werden die Gruppenmitglieder als Träumer abtun. Dagegen verweisen sie auf etwas sehr Wirkliches: die neue Kalkbreite-Siedlung. Auch diese startete damit, dass Menschen in einem Kreis sassen und herumspannen. Lange hiess es: Wohnen über dem Tramdepot? Unmöglich. Heute leben dort 250 Menschen, die Siedlung gilt als Vorbild­projekt für innovative Wohnformen.

Momentan besteht 5im5i aus wenigen Menschen mit vielen, vagen Ideen. Vielleicht werden sie bald mehr, ihre Ideen anschaulicher. Vielleicht gibt es die Gruppe bald nicht mehr. Zumindest haben sie einen Termin zum gemeinsamen Ideen-Frühstück gefunden. Und jemand bringt Käse mit.

Erstellt: 23.04.2015, 17:47 Uhr

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