«Gratulationen vor Preisvergaben sind ehrlicher»

Der 26-jährige ZHDK-Student Johannes Bachmann erhält für seinen Kurzfilm den Publikumspreis des renommierten Max-Ophüls-Festivals. Er erklärt, weshalb ihm dieser nicht zu Kopf steigen wird.

Trailer zu Bachmanns Publikumsliebling «Stilles Land Gutes Land».


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Wir gratulieren. Am Samstag gab es für Ihren Kurzfilm «Stilles Land Gutes Land» am Max-Ophüls-Festival den Publikumspreis. Wo präsentieren Sie Ihre Auszeichnung?
Da ich eben erst aus Saarbrücken zurückgekommen bin, steht sie derzeit noch auf dem Küchentisch. So kann ich sie noch etwas in Ruhe bestaunen.

Und welches Plätzchen erhält sie später?
Gute Frage. Die Preise, die ich bisher einheimsen konnte, waren alle ausserordentlich hässlich und landeten deshalb in einer Kartonkiste im Keller. Doch die Ophüls-Auszeichnung ist nicht nur hübsch, sondern auch die grösste Auszeichnung, die ich erhalten habe. Ich werde diese wohl in meinem Zimmer unterbringen, jedoch versteckt. Nicht, dass ich noch Gefahr laufe, selbstverliebt zu wirken.

Nehmen Sie uns mit in diesen Moment der Siegesverkündigung.
Kurz zuvor war ich extrem angespannt: Man rechnet niemals mit einem solchen Sieg, und doch hofft man insgeheim darauf und versucht sich immer wieder einzureden, dass man gleich verlieren wird. Bei der Verkündigung haben meine netten Studienkollegen zuerst losgejubelt und mich mit ihren Umarmungen aus einer Art Trance geholt. Trotzdem ist rückblickend alles wie in eine Wolke gebettet: Ich weiss einzig noch, dass ich auf der Bühne nach Worten suchen musste und mir eine technische Panne wertvolle Sekunden Überlegenszeit schenkte.

Welche Reaktionen auf den Film haben Sie besonders berührt?
Die Rückmeldungen, die mich vor der Preisverleihung erreichten, bedeuten mir mehr. Ich glaube, diese sind natürlicher und ehrlicher. Nach der Krönung hatte ich das Gefühl, dass sich alle Personen, denen ich in meinem Leben bisher begegnet bin, gemeldet haben – es war eine grosse, wunderschöne Masse an Gratulationen.

Und jetzt mal unter uns: Sind Sie am Sonntag mit einem Kater aufgewacht?
Ha, ehrlicherweise gar an jedem Tag des Festivals. Solche Events sind nämlich unglaublich anstrengend: Da musst du nicht nur viel trinken und essen. Nein, nein, da muss auch «genetworked» werden. Da wird das Feiern eine Art Hochleistungssport mit der Preisverleihung als grande finale.

Das Max-Ophüls-Filmfest gilt als wichtigstes Treffen der deutschsprachigen Nachwuchsfilmer. Steigt Ihnen der Preisgewinn jetzt zu Kopf?
Niemals! Klar, im Moment fühlt sich die Aufmerksamkeit gut an. Doch diese wird nach zwei Wochen wieder verraucht sein und mich selbst dabei nicht weitergetragen haben. Jeder meiner kommenden Filme wird derweil eine neue Herausforderung darstellen.

In Ihrem 25-minütigen Film geht es um eine Schulleiterin, die während des Wahlkampfs zur Gemeindepräsidentin mit Problemen rund um ihren Sohn konfrontiert wird.
Genau. Eine Mitschülerin wirft ihm vor, sie belästigt zu haben. Die Mutter steht nun vor der Frage, wie sie damit umgeht: Sie sorgt sich einerseits um ihren Sohn; andererseits ist sie eine Politikerin, die sich als potenzielle Aufsteigerin solche familiären Probleme nicht leisten kann. Dann ist sie aber auch Schulleiterin, die ihre Schülerin schützen muss.

Und, verraten Sie uns, ob Moral oder Karriere siegt?
Am Ende eben doch die Karriere – hoffentlich nicht wie im echten Leben.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, diese Geschichte zu erzählen?
Das Drehbuch kommt von meiner Studienkollegin Lea Pasinetti. In einem Seminar an der ZHDK bestand die Aufgabe, gemeinsam einen Kurzfilm zum Thema Fake News zu erstellen. Pasinetti hatte die Idee, eine Geschichte rund um Falschnachrichten als Instrument in der publizistischen Politik entstehen zu lassen.

Sind weitere Filmscreenings geplant?
Derzeit läuft er gerade noch an den Bamberger Kurzfilmtagen. Doch leider hat er es in kein Programm eines Schweizer Festivals geschafft, obwohl es ein Schweizer Film in Schweizerdeutsch ist.

Wie erklären Sie sich das? Sind Sie ein Prophet, der im eigenen Land nichts gilt?
Vielleicht guckt sich ein Publikum Filme, die politische Problematiken ansprechen, lieber an, wenn sie nicht das eigene Land betreffen. Dann ist die Situation vielleicht einfacher zu abstrahieren. Es kann aber auch sein, dass die Botschaft, die hinter dem Film steckt, die Deutschen mehr anspricht als die Schweizer.

Welche Pläne haben Sie für die 5000 Euro Preisgeld?
Mit der einen Hälfte investiere ich weiter in die Distribution von «Stilles Land Gutes Land», die andere stecke ich in meinen ZHDK-Abschlussfilm.

Und was kommt nach dem Abschluss?
Dann habe ich ein Diplom und bin offiziell arbeitslos. Oder in der Sprache der Filmbranche: selbstständig. Ich werde Produktionsfirmen suchen, die meine Projekte wollen. Ein Wunschszenario wäre, dass in zwei Jahren mein erster Langspielfilm in einem Kino läuft. Und für einen solchen Traum bietet der Max-Ophüls-Preis die besten Voraussetzungen.

Erstellt: 24.01.2019, 11:05 Uhr

Johannes Bachmann

Der 26-Jährige Johannes Bachmann ist im Filmregie-Masterstudium an der ZHdK. Er wuchs in einer Schweizer Musikerfamilie in München auf. Neben seiner Regiearbeit ist er auch als Drehbuchautor, Editor und Schauspieler tätig. (Bild: Anna Efanova - zVg)

Zwei Schweizer holen Preise an Max-Ophüls-Fimfestival

Neben Johannes Bachmann wurde am vergangenen Samstagabend in Saarbrücken auch der Tessiner Filmemacher Francesco Rizzi ausgezeichnet. Für sein Liebesdrama «Cronofobia» erhielt er den Preis für die beste Regie und zusammen mit Daniela Gambara ausserdem den Drehbuchpreis. Das Max-Ophüls-Filmfestival gilt als das wichtigste Festival für den jungen deutschsprachigen Film und steht für die Entdeckung junger Talente aus Österreich, Deutschland und der Schweiz. Der Hauptpreis am Festival für den besten Spielfilm ging an den deutschen Streifen «Das melancholische Mädchen» von Susanne Heinrich. Ebenfalls nominiert gewesen waren Francesco Rizzis «Cronofobia» und «Der Läufer» des Zürcher Filmemachers Hannes Baumgartner. Am Festival waren aus der Schweiz insgesamt sieben Regisseurinnen und Regisseure sowie sechs Schauspielerinnen und Schauspieler vertreten. (saf/SDA)

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