Heimweh nach Marseille

Auf der ersten Etappe ihres Trips nach Afrika verlässt unsere Autorin ihre zur Liebe gewordene Sommerresidenz – und reist, viele Gedanken wälzend, nach Genua.

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Wenn Sie denken, ich hätte in Marseille ja einfach auf die Fähre steigen können, haben Sie recht: 20 Stunden dauert die Überfahrt bis Tunis. Ich würde aussteigen, et voilà: Afrika läge mir zu Füssen. Ein Kontinent, den ich bisher nur aus Erzählungen kenne. Und aus den Nachrichten. Es sind selten News, die mein Herz erwärmen. Es geht meist um Krieg, Radikalisierung und Desorientierung nach anfänglich hoffnungsvollen Revolutionen. Und jetzt, im Sommer, fast täglich Meldungen von Menschen, die sich Schleppern anvertrauen (die die eigene Moral längst im Meer versenkt haben), sich in lottrige Boote setzen, weil sie Afrika um jeden Preis verlassen wollen. Es waren noch nie so viele wie 2014. Über 80'000 haben es laut offiziellen Angaben geschafft . . . Wie viele bei der Überfahrt gestorben sind, weiss niemand.


Wieso also die umständliche Tour mit Zug, Fähre und letztlich einem Schiff, das mich, wenn ich Glück habe, von Lampedusa nach Tunesien verfrachtet? Weil ich etwas erleben und Ihnen davon erzählen will! In Zürich ist mein Leben friedlich. Niemand nimmt mir was weg. Doch was ausserhalb meiner Sichtweite passiert, fordert mein Gewissen heraus. Die Meldungen über die Toten im Meer, auf das ich so gerne schaue, lassen mich nicht kalt. Dass ich die «Route der Migranten» rückwärtsreise, hat aber nicht nur symbolischen Charakter: Ich will mir die Orte einmal anschauen, wo jene Menschen stranden, die wir bei uns lieber nicht haben wollen. Und während ich reise, habe ich Zeit, mir Gedanken zu machen: übers Menschsein, über das «Fremde» – und über die Angst davor.


Den Sommer in Marseille zu verbringen, war ein Bauchentscheid. Ich wohne in Noailles, dem Araberviertel. Für die Einheimischen ist das Quartier «pas top!». Und für mich? Mir wird Noailles als ein Ort in Erinnerung bleiben, wo immer ­irgendwo jemand schreit.


Am Markt um die Ecke stinkt es wieder einmal nach Fisch. Doch zum Glück riecht es auch nach Pfefferminze und Honigmelone. Ich atme noch einmal tief ein, bevor ich das Quartier verlasse, wo für viele die Reise endete, auf die ich mich nun begebe. Ich lasse mich ein letztes Mal die Hafenpromenade entlangtreiben; gerade sind die Fischer zurückgekehrt und bereiten ihren Fang aus.


Lange war die grosse Treppe zum Bahnhof Saint-Charles meine Lieblingstreppe – nach 105 Stufen habe ich fast so einen fantastischen Blick über die Stadt wie die Heilige Jungfrau, die zuoberst auf der Notre-Dame de la Garde auf dem ­gegenüberliegenden Hügel thront. Doch inzwischen weiss ich nicht mehr, was ich von der Treppe halten soll – denn sie ist eine Machtdemonstration, der Stolz ­einer Kolonialherrschaft. Rechts die Statue, welche die afrikanischen Kolonien repräsentiert, eine nackte Afrikanerin mit Tigerzähnen um den Hals. Links die Asiatin. Zeugen einer Zeit also, in der sich Europa das «Fremde» unterworfen hat. Und deshalb auch Zeugen einer zweifelhaften Geisteshaltung.


Der Zug fährt pünktlich. Heute geht es bis Genua. In Ventimiglia habe ich zwei Stunden Aufenthalt. Ach Italia, du machst es mir wieder einmal leicht mit deiner Freundlichkeit.


Während ich am Strand picknicke, nähert sich ein dunkelhäutiger Mann. Was er mit sich trägt, glitzert in der Sonne, es ist Schmuck für kein Geld und ohne Qualität. Bisher wollten mir Schwarzafrikaner an italienischen Stränden stets Schrott andrehen. Dieser Mann aber hat kein afrikanisches Gesicht. Um mehr über seine Herkunft zu erfahren, lasse ich mich auf den Handel ein, am Ende habe ich zwei Armbänder und er einen Euro. «Bangladesh», sagt er.Vielleicht ist auch er übers Meer gekommen.


Dieses liegt vor mir, es wirkt etwas grau heute. Ich blicke nach Westen, von wo ich herkomme. Ein Gefühl macht sich breit: Heimweh. Nicht etwa nach Zürich, nein, nach meinem temporären Zuhause: Marseille. Sie denken sich sicher: «Die hat sich doch da verliebt!» Sie haben recht: Ich habe mich in eine Stadt verliebt, die schöner sein könnte, als sie ist. Marseille ist kein Idyll. Marseille ist Realität. Marseille repräsentiert das, was Städte in Westeuropa künftig noch vermehrt sein werden: Eine Mischung aus Menschen, Sprachen und Kulturen.

Erstellt: 28.07.2014, 09:59 Uhr

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