«Heute kann das die Masse geniessen»

1998 wollte Regisseur Mark Christopher der berühmtesten Disco der Welt ein hedonistisches Denkmal setzen. Doch das Studio entschärfte den Film. Nun hat er «seine» Version doch noch realisiert – und zeigt sie in Zürich.

Anders als in der alten Version dürfen sie nun richtig ran an den Speck:  Breckin Meyer (l.) und Ryan Philippe. Foto: zvg

Anders als in der alten Version dürfen sie nun richtig ran an den Speck: Breckin Meyer (l.) und Ryan Philippe. Foto: zvg

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Mark Christopher? Noch nie gehört? Gut möglich. Der Regisseur, 1963 in Iowa geboren, gehört nämlich nicht zur Hollywoodschickeria. Er dreht in aller Regel auch nicht fürs Massenpublikum, sein frühes Filmschaffen spielte ausnahmslos im Homo- und Bisexuellenmilieu, weshalb er auch zur wichtigen Stimme des New Queer Cinema wurde.

Einmal allerdings, es war 1998, stand Christopher tatsächlich am Entree der Traumfabrik – doch sein Traum wurde von der Produktionsfirma Miramax jäh zerstört. Dabei sah es zu Beginn verheissungsvoll aus: Mark Christopher hatte die Miramax-Leute überzeugen können, seine selbst verfasste «Hommage» an die legendäre New Yorker Disco Studio 54 (für die er fünf Jahre lang recherchierte, als einstiges Club-Kid gar mittendrin) zu realisieren. Er bekam ein Budget von rund 13 Millionen US-Dollar und konnte mit Selma Hayek, Neve Campbell, Mike Myers und Jungstar Ryan Philippe ein ­renommiertes Cast zusammenstellen. Zudem gabs Gastauftritte von Berühmtheiten wie den Supermodels Cindy Craw­ford und Heidi Klum oder Immobilientycoon Donald Trump.

Explizit bisexuelle Ménage-à-trois

Allerdings hatte Christopher den Plot auf eine explizit bisexuelle Ménage-à-trois angelegt, zudem huldigte er dem orgastischen Studio-54-Hedonismus und der schummrigen Seventies-Ästhetik. Dem Testpublikum ging all das entschieden zu weit, die Produzenten bekamen kalte Füsse. Letztlich wurden über 40 Minuten des Originalfilms herausgeschnitten, etliche Szenen wurden nachgedreht oder neu eingesprochen. Der Film wurde also nicht einfach entschärft, er hatte einen neuen Charakter, er wurde zu einer anderen Geschichte. Und diese war von derart mediokrer Qualität, dass sie bei Kritikern wie auch bei den Kinogängern durchfiel; Hauptdarsteller Ryan Philippe wurde gar für eine Goldene Himbeere (das sind sozusagen die Anti-Oscars) als «schlechtester Schauspieler» nominiert.

Es dauerte 17 Jahre, bis Christopher seine Version – notabene finanziert von Miramax! – doch noch realisieren durfte. Weltpremiere feierte sie unter dem Titel «54: Director’s Cut» im Februar an der Berlinale, die Resonanz war äusserst positiv. Am Freitagabend läuft der Film am Zürcher Pink-Apple»-Festival.


Erinnern Sie sich noch an das Gefühl vor 17 Jahren, als Sie begreifen mussten, dass man Ihren Film kaputtmacht?
So etwas vergisst man nie, es tat elend weh. Und es war auch kein Trost, dass das in Hollywood dauernd passiert, auch grösseren Filmemachern als mir.

Offensichtlich war die damalige Gesellschaft nicht bereit für ein Werk mit expliziter Bisexualität.
Zumindest das Testpublikum war nicht bereit dafür. Wobei nicht nur die Bisexualität, sondern auch die inneren Widersprüche der Figuren und die obskure Bildsprache angeprangert wurden. Es wurde deshalb nicht nur nachgedreht und rausgeschnitten, die Bilder erhielten auch einen freundlicheren Look.

Vieles, was heute im Trend liegt, auch in gefeierten TV-Serien wie «True Detective», wurde also ­entfernt. Sie waren wohl schlicht zu avantgardistisch.
(lacht) Eine nette Sichtweise. Aber ich will gar nicht mehr klagen. Vielmehr freue ich mich über die neue Version – denn das ist jetzt wirklich mein Film.

War es für Sie immer klar, dass Sie Ihre Fassung eines Tages zeigen werden – komme, was wolle?
Nein. Denn ohne Geld und ohne das Einverständnis von Miramax hätte ich gar nichts tun können. Aber ich habe stets dafür gekämpft und daran geglaubt. Und im letzten Sommer gab es plötzlich grünes Licht, ich konnte mit einem kleinen Team endlich loslegen. Doch da lag das grösste Problem noch vor uns.

Das war?
Die exakte Erklärung würde zu stark ins technische Detail führen, aber ich versuche es so einfach wie möglich darzulegen: Zuerst mussten wir die damals entfernten Szenen wiederfinden oder -herstellen. Das war schwierig, weil das noch vorhandene Material in Lagern und Kellern über halb Los Angeles hinweg verstreut war, ein paar Szenen mussten wir gar von alten VHS-Bändern rauskopieren und technisch in die Neuzeit übertragen. Weil wir jedoch zu Beginn keine Originalversion mit Timecode mehr hatten, wussten wir nicht genau, was wohin kommt. Zum Glück fanden wir irgendwann doch noch eine VHS-Kassette mit Timecode. Und natürlich wollten wir auch die ursprüngliche Bildsprache und das Originallicht wiederhaben. Das ist leider nicht ganz überall geglückt.

Dann ist der «Director’s Cut» ein komplett neuer Film?
Definitiv! Da sind 45 Minuten drin, die vorher nicht da waren, dafür ist viel bisheriges Material weg. Und der Film ist nicht bloss schwuler, wie in Programmheften gern geschrieben wird. (lacht) Auch Rollen kommen anders zum Tragen. Und er hat jetzt die genuine 70er-Jahre-Ästhetik. Man könnte sagen: Die Version, die 1998 ins Kino kam, war wie eine CD, die durch Rauscheffekte vorgaukelte, eine Vinylplatte zu sein. Mein Film aber ist eine echte Vinylplatte.

Mussten Sie bei den Schauspielern eine Genehmigung einholen?
Nein, denn das war ja der Film, den Sie damals gemacht und für den Sie bei der Abnahme unterschrieben hatten. Und ihnen geht es wie mir: Sie sind begeistert, dass der richtige Film doch noch auf die Leinwand kommt, Ryan Philippe sagte in einem Interview, er freue sich, dass er Breckin Meyer nun endlich küssen dürfe (lacht) , in der alten Fassung wurde das ja entschärft. Ryan wird mich übrigens heute Abend (Anm. d. Red.: Das Gespräch fand letzten Freitag statt) als freiwilliger Promotor an eine Vorführung in San Francisco begleiten.

Die Masse peilen Sie mit der ­expliziten Fassung aber kaum an.
Weltpremiere war nicht zufällig an der Berlinale, also an einem Festival fürs Massenpublikum. Ich denke, unsere Gesellschaft kann heute einen solchen Film problemlos geniessen, gerade dank seiner eigenwilligen, tollen Ästhetik. Aber selbstverständlich zeigen wir ihn mit grosser Freude auch an schwul-lesbischen Festivals wie Pink Apple.

Gehen wir zum Schluss nochmals zurück an den Anfang: Wie haben sich die damaligen Vorkommnisse auf Ihren Regieberuf ausgewirkt?
Wie so viele, die einen harten Einschnitt gewärtigen müssen, habe ich mich dahin zurückgezogen, wo ich herkam: zu kleineren Independent-Produktionen. Doch nun bin ich wieder bereit zum Angriff – und für grosse Filme! (lacht)


«54: Director’s Cut», 1. Mai, 20.45 Uhr, Arthouse Movie, Zürich. Regisseur Mark Christopher wird anwesend sein. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2015, 18:30 Uhr

Mark Christopher

Regisseur

Pink Apple Festival

«Star Trek», Gay-Sport und Politik

Schon bevor das 18. Pink-Apple-Festival heute Abend offiziell eröffnet wird, setzten die Veranstalter ein (sportpolitisches!) ­Ausrufezeichen: Letzten Samstag zeigten sie nämlich Noam Gonicks Dokumentarfilm «From Russia with Love», der auf eindrück­liche Weise die homosexuelle Diskriminierung des Putin-Regimes rund um die Olympischen Winterspiele 2014 in Sotschi thematisiert. Dem Gay-Sport wird am 1. Mai auch ein Pink Talk gewidmet sein – moderiert von Blick.ch-Chefredaktor Rüdi Steiner diskutieren Sportlerinnen, Sportler und Filmschaffende über Outings und andere Erfahrungen.

Aus dem restlichen Festivalprogramm – es findet von heute bis zum 7. Mai in Zürich und vom 8. bis 10. Mai in Frauenfeld statt – stechen drei Filme heraus. Neben Mark Christophers Neufassung von «54» ist das einerseits «Boulevard», der letzte Leinwandauftritt von Robin Williams vor seinem Suizid im August 2014, in dem er sich als desillusionierter Bankangesteller unversehens in einen Strichjungen verliebt; andererseits die sehr persönliche Doku «To Be Takei», in der George Takei, weltbekannt geworden als Mr. Sulu in der Serie «Star Trek», über seinen Kampf für Gay-Rechte und seine Kindheit in einem Internierungslager für japanstämmige Amerikaner spricht. (thw)
www.pinkapple.ch

Video

«54: Director’s Cut», Ausschnitt. Quelle: Youtube

Video

«54», Trailer. Quelle: Youtube

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