«Hoffentlich habe ich alle 14 Minuten eine Erektion»

Die Rapper E. K. R. und Skor und der Moderator Hannes Hug machten alle die gleiche Lehre. Jetzt «bewältigen» sie ihre Vergangenheit.

Training fürs anstehende Verkäufer-Reenactement: E. K. R., Hannes Hug und Skor (v. l.) im Pusterla-Laden. Fotos: Samuel Schalch

Training fürs anstehende Verkäufer-Reenactement: E. K. R., Hannes Hug und Skor (v. l.) im Pusterla-Laden. Fotos: Samuel Schalch

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Hannes Hug, E. K. R., Skor: Drei stadtbekannte Figuren, die sich schon lang kennen und schätzen... und die doch erst kürzlich herausgefunden haben, dass sie – Zufall oder Schicksal – alle drei eine Lehre als Unterhaltungselektronikverkäufer machten: Hug bei Radio-TV Burkhardt-Strittmatter in Solothurn, Thomas Bollinger alias E. K. R. bei Güttinger & Ryter im Shoppingcenter Tivoli in Spreitenbach, Daniel «Skor» Bachmann im Eschenmoser (heute: Fust) in Zürich.

Aus dieser Tatsache kreieren sie jetzt in einem Innenhoflokal im Kreis 4, das sie fragmentarisch in den «Radio-TV 123» (Bar inkl.!) ummodeln, ein dreitägiges Reenactment (sprich eine theatralische Installation mit offenem Ausgang), dessen Atmosphäre Hug in einer Vorschau wie folgt charakterisiert: «Chromglänzende Gerätefronten, blinkende Pegelanzeigen, sirrende Grossbildschirme – die Weltraumzukunft der 80er-Jahre wird im teppichseligen Ambiente des Radio-TV-Geschäfts manifest, der Laden wird zum Echoraum elektronischer Träume aus der Vergangenheit.» Das wirft natürlich Fragen auf, hier sind sie:

Was gab den Ausschlag für die Lehre als Verkäufer in einem Fachgeschäft für Unterhaltungselektronik?
E. K. R.: Es war die kürzeste Lehre, sie dauerte nur zwei Jahre.
Hannes Hug: Ich wollte Elektroniker werden, wegen den vielen Lämpchen und dem ganzen «Schiselwisel» an den Geräten, das faszinierte mich total. Dummerweise hatte ich in Algebra einen Zweier. So meinte der Berufsberater, ich solle doch Verkäufer für Unterhaltungselektronik machen, das sei nah dran.
Skor: Ich machte zwei Schnupperlehren, bei der einen konnte man Musik hören, also entschied ich mich für das.

Wie lautet das Fazit dieser Lehrzeit, reduziert auf ein Wort, einen Satz?
Skor: Die Frage lass ich aus.
E. K. R.: Langweile.
Hug: «Uuseloo, uuseloo, uuseloo!» Das war das Standardmotto meines Basler Chefs, ich hörte es nach jedem Kunden, der ohne Gerät den Laden verliess. Er wollte mir auch beibringen, dass man einen Fernseher aufgrund der Wohnwandfarbe des Kunden verkauft. Doch darauf ging ich gar nicht erst ein, mein Wissen wollte präsentiert sein, meine Kundenberatungen dauerten ewig.
Skor: Deine Interviewantworten übrigens auch.

«Die Verkaufslehre ist Schritt eins in der Karriere eines guten Rappers.»E.K.R.

Bleiben wir bei den Beratungen: Gibt es eine, die unvergesslich war?
Skor: Als ich in der TV-Abteilung arbeitete, kam mal ein Immigrant zu mir und fragte: «Händ Si Autoschiba?» Ich erklärte ihm, dass er für Autoscheiben zu einem Autohändler oder Garagisten gehen müsse, doch er insistierte: «Nei, Kolleg hät gseit, Si händ Autoschiba!» Um ihn zu überzeugen, dass er wirklich falschlag, lief ich dann mit ihm durch die Abteilung. Plötzlich rief er «Da!» und deutete auf ein Gerät des japanischen Herstellers Toshiba. Ich checkte: Au Toshiba gleich Autoschiba, irgendwie logo.
E. K. R.: Bei mir waren es Trickbetrüger. Zwei gut gekleidete Herren, sie kauften eine Batterie, bezahlten mit 500 Stutz, ich gab das Rausgeld, sie wollten es wieder gewechselt haben, und dann nochmals, nun wieder in grössere Noten. Es ging total schnell, und als sie davon liefen, wusste ich: Fuck-fuckfuck, die haben mich verarscht! Mir war genau das passiert, wovor wir in der Berufsschule gewarnt worden waren.
Hug: Mein Lieblingskunde war Herr Räber. Er war Patient in der Rosegg, das ist die Psychi in Solothurn. Er kam jeden Samstag kurz nach Ladenöffnung für dasselbe Ritual: Sagte, sein Radio benötige neue Batterien, und man müsse bitte die Skala reinigen, auch von innen.
Skor: Was für eine Skala?
Hug: Voilà, der Generationenkonflikt! Die Radios, die Kollega Bachmann verkaufte, hatten keine Skala mehr! Jedenfalls war ich natürlich bei der ersten Begegnung mit Herr Räber arg irritiert, bis mich mein Chef beiseitenahm und erklärte, ich solle nach hinten gehen, eine Zigi rauchen, danach mit dem Radio zurückkommen und Räber sagen, es sei alles erledigt. Tatsächlich klappte das so, Samstag für Samstag für Samstag.

Habt ihr auch etwas gelernt, von dem ihr später profitieren konntet?
Skor: Nach zwei Jahren in einem solchen Stollen ohne Tageslicht...
Hug: ... und Teppich an der Wand...
Skor: ... verkauft man auch einem Elefanten ein Zundhölzli. Und das mein ich ernsthaft: Zu lernen, wie man verkauft, auch wie man sich verkauft, das ist eine wertvolle Lebensschule.
E. K. R.: Seh ich auch so: Man lernt, die Menschen zu lesen, auf sie einzugehen, mit ihnen zu kommunizieren, egal, wie sie drauf sind. Man kann es auch so sagen: Die Verkaufslehre ist Schritt eins in der Karriere eines guten Rappers.

«Irgendwann kommt man einfach nicht mehr raus, das ist ein Frust»: Radiomann Hannes Hug zwischen den Rappern E. K. R.(l.) und Skor.

Der Laden ist quasi die erste Bühne?
Skor: Das ist voll die Bühne!
Hug: Man muss hinstehen und auf Anhieb überzeugen, sonst laufen die Leute davon – genauso geht Showbusiness.
Skor: Es gab aber auch die, bei denen man sofort merkte, dass sie nur einsam waren, einfach reden und abladen wollten. Ich hab da das Analysieren und Beobachten von Menschen gelernt, das hilft beim Songtexten enorm.
Hug: Und es hilft auch beim Interview: Wann hakt man nach, wann lässt man reden? Interveniert man charmant oder heftig? Das ist Verkaufspsychologie pur.

Ist das heute noch derselbe Job?
Skor: Nein. Der heutige Verkäufer verkauft nur noch Garantieverlängerungen.
Hug: Oder er darf noch den Zusatzverkauf versuchen. Batterien und Co. Bitter.
Skor: Und es trifft viele, die das seit 40 Jahren machen. Wie Herr Brühwiler, den ich kürzlich im Media-Markt traf, als ich einen Heizkörper kaufen wollte. Mit dem hab ich zusammengearbeitet, als ich die Lehre machte.
Hug: Irgendwann kommt man einfach nicht mehr raus, das ist ein Frust. Dabei geht mir noch heute das Herz auf, wenn ich von einem Profi bedient werde, der alle Skills draufhat.
Skor: Das gibts leider nicht mehr oft.
E. K. R.: Viele haben gar kein Wissen mehr, müssen alles im Computer nachlesen. Auch deshalb hatte der Job früher ein anderes, besseres Renommee. Ein guter Verkäufer wurde bewundert.

 «Als ich ging, war der Eschenmoser an die Wand gefahren.»Skor

Aber wohl trotzdem nie gut bezahlt.
Skor: Nein, schon ich verdiente nach der Lehre nur den Mindestlohn.
E. K. R.: Wo hast du gearbeitet? Eschenmoser? Der Laden hat auch gesuckt! Das war kein Detailhandel, das war Bullshit.
Skor (E. K. R. ignorierend): Durch dieses Mindestlohnsystem konnten die Chefs ihre Fehleinkäufe korrigieren, weil man teils satte Provisionen bekam, wenn es gelang, den Kunden dieses Zeugs anzudrehen. So wurde es kompetitiv, das hat die Atmosphäre vergiftet. Als ich ging, war der Eschenmoser an die Wand gefahren, da hat der Fust übernommen.
E. K. R. und Hug (lachend, im Kanon): Hey, super, guet gmacht!

Offenbar dient dieses Interview der Vergangenheitsbewältigung – wird das beim Reenactment auch so sein?
Skor: Klar, wir werden exklusiv Röhrenfernseher verkaufen!
E. K. R.: Ich hoffe schon, dass ich, wie damals in der Lehre, etwa alle 14 Minuten eine Erektion haben werde. Aber ich werde bestimmt weniger abstauben.

«Radio-TV 123»
Badenerstrasse 123a
14. bis 16. 12., 18 bis 22 Uhr
Programm: 14. 12.: «Sterneis»: Bandmaschinen-DJ-Set (19 und 21 Uhr).
15. 12.: Q & A «Untreue in der High Fidelity» mit Christian Rintelen (19 und 21 Uhr).
16. 12.: Hot-Sale mit dem Verkaufspersonal (19 und 21 Uhr).

Erstellt: 13.12.2017, 10:37 Uhr

Die Protagonisten

Hannes Hug, E. K. R. und Skor

Hannes Hug (49), gross geworden in Herzogenbuchsee und heute «kurz hinter der Stadtgrenze» zu Hause, stellte in den 90er-Jahren in der Sendung «Zebra» mit flotten Sprüchen und schnellen Schnitten die brave helvetische Fernsehlandschaft auf den Kopf. Seither wirkte er als Filmemacher («Generation Teleboy», 2013), Moderator/Redaktor bei Radio SRF 3 oder als Ansager/Host an Kulturund Firmenanlässen.
Thomas Bollinger alias E. K. R., aufgewachsen in Wettingen («schreib beim Alter 87, das passt») und nun wohnhaft in Wiedikon, ist unser aller Hip-Hop-Urvater: 1995 veröffentlichte er mit «E. K. R.» das erste Rap-Album der Schweiz, später machte er auf Radio Lora die erste Rap-Sendung und amtete als Produzent, DJ und grafischer Gestalter des Hip-Hop-Magazins «14 K».
Daniel Bachmann – Pseudonym Skor –, 34 Jahre alt, in Horgen sozialisiert und jetzt in Zürich daheim, ist eine der prägendsten Figuren der lokalen Hip-Hop-Kultur, unter anderem als Mitinitiant des famosen Projekts «Temple of Speed». Zudem hostete er 2015 die SRF-Sendung «Gadget Box». (thw)

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