«Holzblusen sind seidig weich»

Claudia Simione führt den ersten veganen Online-Fashionshop in der Schweiz. Sie überlässt es den Leuten, ob sie auf tierische Produkte verzichten wollen – ihr Mann zum Beispiel isst Fleisch.

«Zuerst flogen meine Gucci-Schuhe raus», sagt Claudia Simione. Foto: Sabina Bobst

«Zuerst flogen meine Gucci-Schuhe raus», sagt Claudia Simione. Foto: Sabina Bobst

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Weshalb haben Sie sich für ein veganes Leben entschieden?
Vor fünf Jahren hatte ich ein einschneidendes Erlebnis. Bei einem Weihnachts­essen bestellte eine Frau einen Teller Fleisch und liess zwei Drittel stehen. Das konnte ich nicht verstehen. Ein Tier hatte sich für die Frau geopfert, um dann respektlos auf dem Teller liegen gelassen zu werden.

Waren Sie da schon Vegetarierin?
Nein, eben nicht. Ich verurteilte diese Frau, ohne meinen Teil zum Vegetarismus beizutragen. Ich habe mich danach intensiv mit dem Thema befasst und handelte radikal.

Das heisst?
Ich habe meine Ernährung umgestellt und meinen Kleiderschrank geräumt. Zuerst flogen meine Gucci-Schuhe raus.

Was haben Sie mit den Schuhen gemacht?
Weggeschmissen.

Dann hat sich ein Tier vergebens für Ihre Schuhe geopfert?
Das stimmt. Mir war früher zu wenig bewusst, welches Tierleid hinter der Kleiderindustrie steckt. Ich habe im Internet recherchiert, Filme angeschaut und Bücher gelesen. Eine Kuh zum Beispiel hat eine Lebenserwartung von 20 Jahren und älter. Doch wir beuten sie wegen der Milch aus, schlachten sie nach fünf Jahren, essen das Fleisch und verarbeiten das Fell zu Leder.

Nun verkaufen Sie vegane, ­ökologische Kleider. Ist das sexy?
Darin bestand unsere Motivation bei der Gründung des Onlineshops. Ich bin gelernte Schneiderin und liebe Mode. Meine veganen Kleider kaufte ich in Deutschland oder England ein. In der Schweiz gab es nichts. Wir sprechen die modebewusste Frau an, die sich bei einem Schuh für 29 Franken hinterfragt: Welche Materialien sind verwendet worden? Unter welchen Produktionsbedingungen ist der Schuh entstanden? Vegan heisst nicht, Jesussandalen zu tragen.

Aber es heisst, rund 300 Franken für Stiefel ausgeben.
Es geht um Ressourcen, um die Umwelt. Wir arbeiten mit Marken, die Ansprüche erfüllen: gute Arbeitsbedingungen, faire Löhne, keine Kinderarbeit, keine Verwendung von Tierprodukten. Das macht die Herstellung teuer.

Welche Materialien werden ­verwendet?
Kork zum Beispiel wird aus Korkeichen gewonnen. Alle neun Jahre wird die Rinde geschält. Unsere Lieferanten produzieren daraus Taschen, Portemonnaies, Gürtel, Hüte. Weitere Materialien sind PET, Bambus, Hanf und Holz.

Holz?
Aus Holz haben wir Blusen im Sortiment. Sie glauben kaum, wie seidig weich sich eine Holzbluse anfühlt.

Wieso soll man in Ihren Augen vegan leben?
Der Tiere wegen. Sie haben eine Seele, und wir lassen sie leiden und umbringen – für unseren Genuss.

Sind Sie ein Moralapostel?
Nein, aber ich biete den Leuten die Möglichkeit, sich auf meiner Website über die Kleiderindustrie zu informieren. Wenn sich jemand einen Pelz kauft, steht es mir nicht zu, darüber zu urteilen. Veganismus ist wie eine Religion. Klar, zu Beginn wollte ich alle «konvertieren» und mein neues Wissen weitergeben. Mittlerweile weiss ich, dass jeder für sich selber entscheidet.

Leben Ihre Freunde und Familie auch vegan?
Mein Mann isst Fleisch und fährt ein Auto mit Ledersitzen. Wir leben glücklich zusammen. Ich habe diese Lebensphilosophie für mich gewählt.

Fühlen Sie sich nicht eingeschränkt?
Nein. Wenn ich im Restaurant esse oder bei Freunden eingeladen bin, mache ich eine Ausnahme und esse vegetarisch.

Vegan sein ist trendy. Was machen Sie, wenn der Trend vorbei ist?
Veganismus ist kein Trend, es ist ein Lebensstil. Und der wird bald völlig normal sein.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2015, 18:39 Uhr

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