«Ich bin kein Medienopfer»

Svenja Goltermann hat den Opferbegriff erforscht. Und wehrt sich jetzt dagegen, durch die «Gerüchtepresse» selbst zu einem zu werden.

Sie spricht nicht laut, aber eindringlich: Svenja Goltermann. Fotos: Dominique Meienberg

Sie spricht nicht laut, aber eindringlich: Svenja Goltermann. Fotos: Dominique Meienberg

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Als Thema unseres Gesprächs wählt sie «Medienopfer». Da liegt die Vermutung nahe, dass sich Svenja Goltermann, selber als solches sieht. Die «Weltwoche» berichtete letzten Sommer, dass die Professorin für Geschichte der Neuzeit ihren Lehrstuhl in Zürich einer früheren Liebesbeziehung zu Philipp Sarasin verdanke, dem Co-Vorsteher des Historischen Seminars und Mitglied der Berufungskommission für neue Professoren. Die Anschuldigung wird der Journalist entweder zurückziehen oder vor Gericht beweisen müssen. Bis anhin fehlen Beweise. Es gibt nur Gerüchte, Sarasin selber habe einst im Institut von der Affäre erzählt, und die Vermutung im Nachhinein, weil die beiden heute ein Paar sind.

Ohne Belege sind die Berichte der «Weltwoche» rufschädigend, sie unterstellen, dass Goltermann nicht die Beste und Passendste ihres Fachs war. Dabei genoss sie unter deutschen Historikern hohes Renommee, hatte für ihre Arbeiten verschiedene Preise gewonnen. Ausserdem ist sie eine sehr muntere und stets reflektierende Gesprächspartnerin. Wir treffen sie am Zürcher Kreuzplatz im Bohemia, wo sich die Gäste schon frühmorgens um die kleinen Tische drängen und der Geräuschpegel beachtliche Phonstärken erreicht.

Ihre Sätze sagt sie nicht laut, aber eindringlich. Zum Beispiel: «Ich bin nicht Medienopfer, sondern Geschädigte.» Mit derselben Eindringlichkeit legt sie dem Gesprächspartner den geschicht­lichen Hintergrund des Opferbegriffes dar, gut vorbereitet mit ausgedruckten Infografiken aus dem Internet.

1980 wurde das Trauma offiziell

Es ist eine Geschichtslektion auf hohem Niveau: Der moderne Opferbegriff ist eng verknüpft mit der Entstehung der Bürgergesellschaft. Das hat Goltermann anhand der Kriegsopfer erforscht. Einst waren Soldaten Kanonenfutter. Starb einer oder war so schwer verletzt, dass er sich nicht mehr regen konnte, liess man ihn liegen. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts führten Heere mehr Veterinäre für die Pferde mit als Ärzte für die Menschen.

Die Angst vor Seuchenansteckung durch die Verletzten und Toten war grösser als die Hilfsbereitschaft. Leichenfelder wurden gemieden und die Knochen der Toten später zu Dünger verarbeitet. Erst mit der Bürgergesellschaft, dem Erbrecht und der Rente für Kriegsinvalide entstand das Bedürfnis, die Identität der Toten und Verletzten festzustellen. Dazu trat in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die Sorge um die Bevölkerung, die im Krieg litt. Diese Sorge manifestierte sich in der Genfer Konvention und der Rotkreuzbewegung.

Erst die Psychologie machte der Gesellschaft bewusst, dass Soldaten ohne körperliche Verletzungen, durch das Erlebte allein traumatisiert werden können. Ab 1970 wuchs unter dem Eindruck der Vietnamkrieg-Veteranen das Bewusstsein, dass Soldaten, die getötet hatten, oft traumatisiert durch die eigenen Gewalttaten zurückkehrten und sich in der Zivilgesellschaft nicht mehr zurechtfanden. Die Diagnose der «posttraumatischen Belastungsstörung» wurde 1980 in den USA offiziell anerkannt.

Damit vervielfältigte sich der Opferbegriff. Die schrecklichen Erlebnisse der Holocaust-Opfer wurden breit abgehandelt, wie es sich aktuell am Auschwitz-Gedenktag zeigt. Opfer von sexuellem Missbrauch forderten nach Jahrzehnten Wiedergutmachung. Fahrende, denen man die Kinder weggenommen hatte, stiessen mit ihren traumatischen Geschichten auf neues Verständnis.

Und eben die Medienopfer. Auch dieser Diskurs entstand nach 1968. «Ich wollte Ihnen gerne etwas zeigen», sagt Svenja Goltermann und schiebt ein Blatt mit einer Infografik über den Tisch. Es zeigt, wie oft dieses Wort in den von Google erfassten deutschsprachigen Dokumenten auftaucht: Bis 1970 war es unbekannt, dann stieg der Gebrauch stark an. «Verleumdung gab es immer schon», sagt Goltermann, neu kam ihre massenmediale Verbreitung dazu.

Inzwischen sieht die Gesellschaft das Phänomen der Medienopfer umfassender. Personalisierung und Kostendruck haben dazu geführt, dass sich nicht nur Boulevardmedien gelegentlich dazu verleiten lassen, auf die Privatsphäre überzugreifen. Svenja Goltermann spricht dabei von der «Gerüchtepresse». Anwälte haben darauf ein Geschäftsmodell aufgebaut. Den Presseräten und Gerichten wird die Arbeit nicht ausgehen.

Eine Antwort ohne Zögern

Svenja Goltermann ist gegenüber diesem Opferbegriff ambivalent, das zeigen die Denkpausen vor ihren Antworten; und die Tatsache, dass sie sich durch keine Nachfrage auf ungesichertes Terrain locken lässt. Ob auch die 68er-Parole, wonach das Private politisch sei, zur Verwischung der Grenze zwischen Privatem und Öffentlichem beigetragen habe? «Das habe ich nicht untersucht.»

Am Opferbegriff gefällt ihr nicht, dass er die Identität eines Menschen prägen kann, die Persönlichkeit neu konfiguriert. Opfer verharren deshalb oft in der passiven Rolle. Wenn sie kämpfen, bleiben sie stark auf die eigene Geschichte fixiert. Vielfach sind sie kaum in der Lage, das erlebte Unrecht zu verallgemeinern und in einen politischen Zusammenhang zu stellen.

Als wegweisend betrachtet Svenja Goltermann eine gefolterte türkische Menschenrechtlerin, die sich vor deutschen Feministinnen dagegen wehrte, nur als Opfer wahrgenommen zu werden. Sie stellte das Unrecht, das ihr widerfahren war, ins Umfeld der politischen Lage in der Türkei. So gewann sie ihre Handlungsfähigkeit wieder.

Diesen Schritt hat auch Svenja Goltermann gemacht in ihrem vergleichsweise weniger dramatischen Fall. «Ich bin Geschädigte, wurde mehrfach verleumdet, auch davon kann man krank werden.» Goltermann und ihr Partner Philipp Sarasin waren nach der Kampagne der «Weltwoche» für einige Wochen krankgeschrieben. «Aber das tangiert meine Identität nicht, macht mich nicht zum passiven Opfer.» Goltermann will den Zusammenhang dieser Berichte nicht «individualisieren», wehrt sich gegen die «Gefahr einer Engführung der Wahrnehmung». Damit fordert sie den Gesprächspartner stillschweigend auf, dem politischen Hintergrund der Schädigung nachzugehen: dass dem Wochenorgan nationalkonservativer Prägung eine kluge, eigenständig denkende deutsche Professorin auf dem Zürcher Lehrstuhl für Geschichte der Neuzeit womöglich einfach nicht passt.

Fordernd wirkt sie aber nicht beim Morgenkaffee im Bohemia, bloss dezidiert. Auf die Frage, ob sie die Klage gegen die «Weltwoche» durchziehen wird, sagt sie für einmal – ohne zu überlegen – ein einziges Wort. «Ja.»

Erstellt: 29.01.2015, 23:40 Uhr

Visionäre Zürcher Köpfe

Unter dem Titel «Zürichs Köpfe: Ein Kaffee mit . . .» treffen wir Tüftler, Intellektuelle, Grübler und andere spannende Zürcher Zeitgenossinnen und reden mit ihnen an einem Ort ihrer Wahl über ihre Erkenntnisse.

Svenja Goltermann (49) ist Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Ihre Habilitation schrieb sie über die Wahrnehmung von Kriegsopfern («Die Gesellschaft der Überlebenden», 2009).

Am 3. Februar, 18.15 Uhr, diskutieren Experten im ETH-Hauptgebäude über «Fairness in den Medien» (Audimax, Beginn 18.15 Uhr, Eintritt mit Apéro 30 Franken). (TA)

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