«Darin machten wir schliesslich dieses eine sehr persönliche Bild»

Ari Marcopoulos fotografiert seit 40 Jahren die Subkultur in New York. Das sei schwieriger geworden, sagt er.

Der New Yorker Fotograf Ari Marcopoulos leitet derzeit einen Kurs im Fotomuseum Winterthur. Foto: Samuel Schalch

Der New Yorker Fotograf Ari Marcopoulos leitet derzeit einen Kurs im Fotomuseum Winterthur. Foto: Samuel Schalch

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Sie geben Kurse, in denen Leute lernen, selber Magazine zu machen, sogenannte Fanzines. Was genau interessiert Sie daran?
Als ich in den Neunzigern Skateboarder fotografierte, stiess ich auf eine lebendige Fanzine-Szene. Interessant an diesen selbst gemachten Magazinen fand ich, dass sie sehr direkt zu einem kleinen Kreis von Eingeschworenen sprachen. Die Themenwahl war sehr persönlich und damit kompromissloser als jene in den grossen Magazinen. Das war ein guter und kostengünstiger Weg, mit Gleichgesinnten in Kontakt zu treten.

Wäre ein Blog heute nicht viel zeitgemässer?
Blogs irritieren mich. Man scrollt sich da ohne Ende durch. Stellen Sie sich 60 Seiten auf einem Blog vor, das ist doch unübersichtlich. Es ist einfach schöner, etwas in den Fingern zu halten, als sich durch eine Seite zu scrollen. Ich mag auch die Exklusivität von Fanzines; das Wissen, dass nur 50 Leute eines besitzen, macht es wertvoll für mich.

Geht es Ihnen auch um den Vintage-Aspekt? Etwas, das an die Achtziger erinnert, heute aber verloren zu gehen droht?
Ich bin kein Nostalgiker. Der Sinn für solche Überlegungen geht mir ehrlich gesagt völlig ab. Ich kann zum Beispiel auch nicht in Secondhandläden einkaufen gehen.

Sie dokumentieren mit Ihren Bildern seit 40 Jahren die Jugendkulturen. Heute sind Sie 60. Wie gelingt es Ihnen, mit den Jugendlichen in Kontakt zu bleiben?
Gute Frage. Wie sich junge Leute in einer bestimmten Zeit ausdrücken, fand ich schon immer spannend. Und dieses Interesse ist geblieben. Ebenso meine Passion für Kunst, Musik oder Mode. Und in einer Stadt wie New York wird man damit andauernd fündig. Dazu kommt, dass ich mittlerweile eine Art Fanbase habe, die mich auf immer neue Phänomene aufmerksam macht. So bleibe ich am Ball.

Man hört oft, dass New York heute weniger spannend ist als noch in den Achtzigern. Was sagen Sie dazu?
Eine Frage, die mir sehr oft gestellt wird. Scheinbar gibt es eine romantische Vorstellung vom New York der Achtzigerjahre. Klar, als ich 1979 von Holland aus nach New York ging, war das für mich sehr aufregend. Rap und Graffiti waren am Entstehen, Punk war wichtig. Die Stadt hatte noch viele Ecken, die als gefährlich galten. Auch waren die Szenen noch viel übersichtlicher, und es gab mehr Verbindungen zwischen ihnen.

Wie ist es denn heute für Sie?
Na ja, New York ist ein gewaltiges Shopping-Paradies geworden. Millionen von Leuten kommen in die Stadt, um einzukaufen. Schauen Sie sich einmal die Schlange vor dem Supreme-Store an. Das ist zwar auch auf eine Weise interessant, doch nicht unbedingt für mich. Aber trotzdem ist diese kulturell sehr durchmischte Stadt immer noch elektrisierend und aufregend.

Sie hatten damals mit Andy Warhol gearbeitet und die junge Hip-Hop- oder die Skater-Szene fotografiert. Gibt es heute noch vergleichbare Phänomene?
Heute sind es weniger die einzelnen Szenen, die jung, frisch und aufregend sind. Doch sie verändern sich inhaltlich, vor allem in Genderfragen.

Was meinen Sie damit?
Man kann an den einzelnen Szenen heute sehen, wie sehr sie sich mit dem Geschlecht befassen; dass das Geschlecht nicht das Einzige ist, was Menschen definiert. Die Gendergrenzen weichen sich immer mehr auf. Skateboarden zum Beispiel war in den Neunzigern hauptsächlich männlich konnotiert, nicht selten auch homophob. Heute ist das alles viel offener, die Grenzen durchlässig. Das Gleiche gilt auch im Hip-Hop, wo die Codes heute immer mehr verschwimmen. Das fasziniert mich.

Wäre eine Karriere wie Ihre heute noch möglich?
Es gibt immer noch eine interessante Kunstszene, und auch die Skater haben nichts von ihrem Spirit eingebüsst. Klar, im Zuge einer weitgreifenden Kommerzialisierung ist es schwieriger geworden, das Witzige, Smarte, Neue bei einem Phänomen herauszuschälen. Auch kann man als Fotograf heute nicht mehr in völlig unbekannte Gefilde vordringen, da man sich jede Art von Subkultur längst auf Instagram anschauen kann.

«Ich mag die Bauweise in Europa, diese rechtwinkligen, brutalen Formen.»

Das war noch anders, als Sie die Skateboarder fotografierten. Was hat Sie an der Gruppe interessiert?
Ich finde die Gruppe nach wie vor interessant, auch wenn der Sport längst zu etwas anderem geworden ist, weil jeder ihn kennt. Die Skater sind aber noch immer eine recht geschlossene Gruppe, zumindest jene, die richtig gut sind. Um es als Skater zu etwas zu bringen, muss man sehr viel üben und eine Leidensfähigkeit entwickeln. Zudem interessierte mich an den Skatern immer der Zusammenhalt innerhalb der Gruppe, der nur übers Skaten geht. Alter oder Bildung sind zweitrangig. Es ist eine sehr eng verbundene Gruppe, wie eine Familie.

Sie haben auch von Dutzenden Berühmtheiten Bilder gemacht. Jay-Z, Basquiat, Chloe Sevigny. Nach was suchen Sie, wenn Sie ein Porträt schiessen?
Nach einem Moment, in dem die Person ruhig ist und sozusagen ihren Schutzschild abgestreift hat. Einmal wollte ich John Travolta fotografieren in einem Scientology-Center in Florida. Travolta schläft tagsüber und ist in der Nacht wach, daher begannen wir erst um Mitternacht. Nach dem Shooting bemerkte ich auf dem Weg raus einen weissen Gang. Darin machten wir schliesslich dieses eine sehr persönliche Bild.

Haben Sie in den letzten Tagen auch hier in der Gegend fotografiert?
In Winterthur, wo ich den Kurs gebe, habe ich ein paar Bilder gemacht. Vor ­allem Häuser. Ich mag die Bauweise in Europa, die sich von jener in den USA unterscheidet. Diese rechtwinkligen, brutalen Formen hier.

Die Kurse von Ari Marcopoulos finden im Rahmen der Ausstellung «The Hobbyist» am 24., 25. und 26. Januar im Fotomuseum Winterthur statt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.01.2018, 07:32 Uhr

Ari Marcopoulos

Der Szene-Fotograf

In Holland geboren und 1979 nach New York gezogen, arbeitete Ari Marcopoulos Anfang der Achtzigerjahre in New York zusammen mit Andy Warhol. Später dokumentierte der heute 60-Jährige eine in den USA entstehende Skate- und Snowboard-Szene und lichtete Stars wie Jay-Z oder die Beastie Boys ab. (dsa)

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