«Ich fühle mich als höhere Person»

Seit fünf Jahren wohnt Helena Becker (10) in Pfaffhausen und nicht mehr in Deutschland, seit zwei Jahren läuft sie am Kinderumzug des Sechseläutens mit – auch wenn ihre Freundinnen das etwas öde finden.

Vor dem Umzug lächelte Helena Becker noch, nachher weniger. Fotos: Urs Jaudas

Vor dem Umzug lächelte Helena Becker noch, nachher weniger. Fotos: Urs Jaudas

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14 Uhr Sonntag, beim Formieren am Stadthausquai vor dem Kinderumzug.

Helena, dir als edles Burgunderfräulein darf ich die Frage stellen: Wie fühlst du dich vor dem Umzug?
Als höhere Person.

Du lachst? Was meinst du mit höherer Person?
Ja, irgendwie habe ich das Gefühl, ich sei vornehmer als sonst, wegen des tollen Kostüms.

Was gehört denn alles zu deinem Kostüm?
Ein langes, dunkelblaues Samtkleid, silberne Armstulpen und Kragen und ein silberblauer Spitzenhut mit Schleier.

Ist es dein Lieblingskostüm?
Nein, ich hätte lieber das tannengrüne Kleid gehabt, aber ich war zu gross.

Und was findest du so toll an deinem Kostüm?
Ja diese Farben und Verzierungen und weil es so speziell aussieht. Es ist einfach anders als das, was ich sonst so trage. Und man kann damit so gut in andere Rollen schlüpfen.

Da spricht eine, die sich zu Hause am liebsten verkleidet. Stimmts?
Nein.

Wirklich nicht?
Also doch, manchmal bei Freundinnen daheim. Und zum Fasching.

In welche Rollen bist du denn schon geschlüpft?
Ich war schon Spinnenfrau oder Prinzessin. Und einmal hatte ich einen Haarreif mit Discokugeln im Haar.

Du läufst das zweite Mal am Kinderumzug des Sechseläutens mit, obwohl du erst seit fünf Jahren in der Schweiz wohnst. Woher kommt diese Faszination?
Ich weiss auch nicht, aber ich habe eben zugeschaut und gedacht, das will ich auch einmal machen. Obwohl: Manche meiner Freundinnen sagen, es wäre öde. Aber mir ist egal, was andere sagen.

Weisst du, was das Sechseläuten für ein Brauch ist?
Ja, man zeigt mit den Kleidern so die Zeiten, wie es früher war. Mehr weiss ich nicht.

Gibt es einen ähnlichen Brauch in Thüringen, wo du herkommst?
Nein.

Im Korb hast du ganz traditionell Rosen und Tulpen zum Verteilen dabei. Weshalb keine Süssigkeiten?
Süsses liegt nachher herum. Das finde ich schade. Es kann auch mal passieren, dass man zu hoch wirft, dann fallen die Süssigkeiten jemandem auf den Kopf. Aber bei den Blumen muss ich auch aufpassen. Die haben so kleine Dornen.

An wen verteilst du die Blumen?
Weiss nicht. An irgendwen. Meine Lehrerin wollte kommen, aber sie ist krank.

Und du bist kein bisschen nervös?
Nein. Ich bin stolz und freue mich auf den Umzug.

15 Uhr, während des Umzugs auf der Bahnhofstrasse.

Wie gehts?
Gut.

16 Uhr, nach dem Umzug.

Wie wars?
Anstrengend.

Anstrengend? War es zu heiss?
Nein, die Schuhe waren zu eng. Es hat an der Ferse so gerieben.

Lass mich raten: Es sind deine Sommerschuhe vom letzten Jahr, die du heute das erste Mal getragen hast?
Ja. Mit etwas Einlaufen.

Fandest du, es war weit?
Auf der langen, geraden Strasse in der Innenstadt schon.

Wem hast du deine Blumen ­gegeben?
Irgendwelchen Leuten. Ich weiss aber nicht mehr, wem.

Haben dich die Zuschauer angefeuert?
Ja, sie haben geklatscht und gewinkt.

Läufst du nächstes Jahr wieder mit?
Ich muss es noch überlegen. Den Reifrock würde ich gerne ausprobieren.


Vive la France!

496 aller 2697 Kinder des diesjährigen Kinderumzugs des Sechseläutens marschierten bei der Gruppe Weltoffenes Zürich mit, der letzten des Umzugs. Mit dabei war erstmals auch eine zwanzigköpfige Gruppe aus Frankreich. Sie trugen traditionelle Kostüme aus der Bretagne, dem Elsass, aus Guadeloupe und Martinique. Diese hatten ihre Eltern alle selbst genäht. Unter allen teilnehmenden Kindern waren auch elf mit einem Handicap. Der Grottowagen wurde auf dieses Jahr hin speziell rollstuhlgängig umgebaut. Neben den Kindern ergänzten 780 Musikanten in 15 Musikgesellschaften und 156 Umzugsbegleiter, sogenannte Chäfer, den Umzug.


Moderne trifft Tradition

Kostüm mit Sonnenbrille – diesen Stilbruch erlaubten sich gestern nur wenige am Kinderumzug. Und wer es tat, fiel auf, stiess aber auf Verständnis, denn die Sonne schien den Kindern während des ganzen Umzugs ins Gesicht. Der oberste zünftige Wetterfrosch, Felix Blumer, hatte das gute Wetter im Sechseläuten-Bulletin so angekündigt: «Der Petrus hat ein Herz für Kinder. Es wird zwar nicht wolkenlos, aber doch ziemlich sonnig und 18 Grad. Für alle übermotivierten Mütter: Die Kinder brauchen abschliessend keinen dicken Pullover. Dafür ist für die begleitenden ‹Käfer› ein gutes Deo gefragt!» Dito gilt heute ab 15 Uhr auch für die Zünfter – und stände auch dem Böögg nicht schlecht an.


Sugus, Carambar, Fizzers und Co.

Die eigentlichen Stars des Kinderumzugs tragen keine feinen Perücken, geschmückte Beile oder edle Handschuhe, sondern sie zeigen sich in leuchtend roten, gelben oder durchsichtigen Hüllen und heissen Sugus, Carambar oder Fizzers. Sie werden in Körben stolz zum Umzug getragen und dann in grossen Fäusten in die Massen geworfen. Die jungen Zuschauer, bereits mit dem nötigen Täschchen im Gepäck angereist, konzentrieren sich während des Umzugs eigentlich nur auf eines: die Süssigkeiten. Je mehr, desto zufriedener heisst das Motto, Umzug hin oder her. Anders geht es den Erwachsenen: Sie schauen konzentriert zu, und trifft sie ein Sugus versehentlich, erschrecken sie.


Schellenursli als Gast

Wird in und um Zürich neuerdings (auch) ein Chalandamarz gefeiert?, werden Sie sich fragen, schliesslich ist der Kanton Zürich Gastkanton am diesjährigen Sechseläuten. Die Antwort lautet: nein (noch nicht). Aber das Motto des Gastkantons hiess heuer «Züri mitenand» – und dessen Umsetzung: Vier Gruppen (mit 206 Kindern) aus Zürcher Partnerdörfern in den Bergregionen marschierten gestern am Kinderumzug mit, namentlich aus dem Greyerzerland – in schriller Skimontur und auf Rollski –, aus der oberen Leventina, aus dem Schächental – Heu tragend und Krumme rauchend – und aus dem Val Müstair mit den Glocke schwingenden Schellenursli-Kopien. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.04.2015, 15:59 Uhr

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