Zehn wichtigste Ereignisse

«Ich möchte kein Hitparadendenken»

Der Künstler Mats Staub befragt seit 2012 wildfremde Menschen nach den zehn wichtigsten Ereignissen ihres Lebens. Jetzt, da aus dem Projekt ein Buch wird, befragen wir ihn nach dem tieferen Sinn der Sache.

Der Berner Erinnerungssammler Mats Staub in der Zürcher Altstadt. Foto: Urs Jaudas

Der Berner Erinnerungssammler Mats Staub in der Zürcher Altstadt. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Sie stöbern seit Jahren den ­Erinnerungen von Menschen nach, die Sie gar nicht persönlich kennen. Eine seltsame Passion.
Ich würde eher sagen: Eine natürliche Neugier, mit der ich vermeintlich simple Fragen beantworten möchte. Zum Beispiel: Wie schaffen die anderen das ­Leben? Was treibt oder trieb sie an und um? Hinzu kommt, dass ich gute Ge­spräche, wie ich sie beim Projekt «Meine Grosseltern» zuhauf führen durfte, etwas vom Grössten finde. Ich bin fast ein bisschen süchtig danach.

Beim aktuellen Projekt fordern Sie die Teilnehmer auf, zehn wichtige Ereignisse ihres Lebens zu nennen. Müsste es nicht DIE zehn ­wichtigsten Ereignisse heissen?
Nein, ich möchte eben gerade nicht zu diesem Top-Ten-Listen- oder Hitparadendenken verleiten: Es geht mir um die wichtigsten, nicht um die allerbesten Ereignisse.

Und doch führt auch diese Art der Ereignisauswahl zu einer Liste.
Ja, und das macht Sinn, denn Listen helfen beim Sortieren. Manche Teilnehmende haben beim ersten Entwurf 20 oder 30 wichtigste Ereignisse. Erst dann beginnen sie diese zu gewichten und chronologisch einzuordnen. Besonders spannend ist natürlich das Unbekannte, sprich die Lücken zwischen den Ereignissen: Sie regen die Fantasie und die Neugier an, man beginnt sich als Leser vor dem inneren Auge auszumalen, was da alles passiert sein könnte.

Dennoch interessieren Sie sich für Realitäten, konkret für subjektive Wichtigkeit. Weshalb dieses Thema?
Weil ich finde, dass wir uns im Leben zu häufig von unwichtigem Kram zumüllen lassen. Eine Reflexion über Wesent­liches und Wichtiges, eine Auseinandersetzung mit der Frage, wie man seine Zeit verbringt oder verbringen könnte, die ja endlich ist, rege ich gerne an.

Was bedeutet überhaupt «wichtig»?
Das ist die Kernfrage des Projekts. Jeder Mensch beantwortet sie nach einer individuellen Skala, das gefällt mir. Für mich sind es Ereignisse, die an die Seele gehen, die mit Menschen zu tun haben, mit denen ich mich tief verbunden fühle.

Spielen auch erschütternde ­Weltereignisse eine gewisse Rolle?
Ja, aber eher als Gedankenstütze, seltener wegen persönlicher Betroffenheit. 9/11 wird beispielsweise oft erwähnt – weil die meisten Menschen genau wissen, wo sie waren, als es passierte. Wenn jemand im Spital den kranken Vater besuchte, als die Türme einstürzten, ist die Chance gross, dass sich das im Projekt widerspiegelt.

Sie haben inzwischen mehr als 3000 wichtige Ereignisse ­zusammengetragen. Haben Sie gewisse Muster feststellen können?
Es macht natürlich einen Unterschied, auf wie viele Lebensjahre jemand zurückblickt. Die älteste im Buch vorkommenden Dame hat Jahrgang 1922, die jüngste ist 1994 geboren.

Zwischenfrage: Hat die 92-Jährige Frau den Fragebogen auf der ­Website tatsächlich ­eigenhändig ausgefüllt?
Da half die Enkelin mit. Da wir im Buch ein breites Altersspektrum ab­bilden wollten, mussten wir alternative Wege beschreiten. Am fruchtbarsten war die Idee, Enkel zu fragen, ob sie ihre Grosseltern von einer Teilnahme überzeugen könnten. Der schöne Nebeneffekt: Viele Enkel kennen nun die Lebensgeschichte der Grosseltern in zahl­reichen Details.

Wir waren noch bei den ­analysierten Mustern.
Genau. Wobei mich Einzigartigkeit eigentlich eher interessiert als die Muster. Aber es fällt schon auf, dass berufliche Ereignisse seltener genannt werden als persönliche Beziehungen oder Lebenseinschnitte, die oft einen traurigen Hintergrund haben. Klar ist, dass Eltern die Geburten ihrer Kinder erwähnen. Doch es ist faszinierend zu sehen, wie unterschiedlich sie diese darstellen.

Unterschiedlich in Bezug auf was?
In Bezug auf die Bildhaftigkeit, die Emotionalität. Die Regel ist, dass jedes Ereignis in der Ich-Form und im Präsens beschrieben werden muss, zudem möchten wir nicht zu viel Kommentierendes.Eigentlich soll es eine Art Bildbeschreibung sein. Wir haben festgestellt, dass Frauen zu einer bildhafteren Sprache tendieren als Männer: Man liest ihre Zeilen und sieht das Ereignis vor sich. Bei Männern braucht es tendenziell mehr Redigierarbeit, sie beschreiben faktenzentrierter, es brauchte einige Mails, bis die Formulierung uns und ihnen passte.

Wie steht’s um den Wahrheitsgehalt der Ereignisse? Kann man ihn ­überhaupt überprüfen?
Die Frage, ob es damals tatsächlich so war, bleibt bei Erinnerungen grundsätzlich offen. Mich interessiert aber weniger die historische Wahrheit als die Gegenwart der Vergangenheit: Ich möchte wissen, wie jemand die Ereignisse aus heutiger Sicht bewertet. Dass Geschehenes geschönt oder ausgeblendet werden kann, ist klar. Allerdings macht es gar keinen Sinn, als Prahlhans aufzutreten.

Weshalb?
Weil die Teilnehmer anonymisiert sind. Die Prahlerei wäre reiner Narzissmus.

Aber der Zeitgeist lechzt doch nach voyeuristischen Enthüllungen. Ist die Anonymisierung unter ­diesem Blickpunkt kein Handicap?
Für das Projekt ist die Anonymisierung ein Vorteil, weil es einen gewissen Schutz braucht, damit man sich öffnen und auch schlimme Ereignisse preisgeben kann. Es geht nicht darum, wie das auf Facebook oft der Fall ist, sein Leben in lauter tollen Schnappschüssen darzustellen. Dennoch versucht man sein Leben natürlich auch als anonymisierte Person als ein gutes zu sehen. In den meisten Fällen ist denn auch das jüngste, letztgenannte Ereignis ein Positives.

Als Treffpunkt für das Gespräch ­schlugen Sie das Neumarkt-Theater vor. Ist die Annahme korrekt, dass eines Ihrer wichtigsten Ereignisse hier stattgefunden hat?
(lacht) Das ist richtig. Da aber auch ich im Buch anonymisiert bin, bedarf es einer Spurensuche, um herauszufinden, was es war. Doch dies macht auch einen Reiz des Projekts aus.

Buchvernissage: Montag, 24.11., 20 Uhr, Kaufleuten (Festsaal). Mit einer Lesung und einem Gespräch von Patrick Frey mit Mats Staub. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 21.11.2014, 19:21 Uhr

Zehn wichtigste Ereignisse

Ein sinnig-sinnliches Erinnerungsspiel

Überspitzt gesagt, stochert Mats Staub am liebsten in fremden Biografien herum – wobei er dies nicht nur auf charmante Weise tut, sondern aus den Fundstücken auch stets originelle Kunstformen zu gestalten weiss. Im Fokus steht immer die subjektive Erinnerungsleistung einer Person, beim aktuellen Projekt, das Staub Ende 2012 lancierte (und das bis heute weiterläuft), sind es zentrale Ereignisse des Lebens. Publik gemacht wurde die Aktion über eine Website (www.zehn-wichtigste-ereignisse-meines-lebens.net), über Unikat-Plakate, die in Theaterfoyers aufgehängt wurden, sowie dem einen oder anderen Medienbericht. Gefragt sind Vorname (er kann auch erfunden sein) und Geburtsjahr des Teilnehmenden, alle Orte, an denen er gelebt hat, alle Geldjobs – und natürlich die zehn wichtigsten Ereignisse, die möglichst präzis beschrieben werden sollen. Bevor eine Liste online geht, wird sie von Staub und seinem dreiköpfigen «Redaktionsteam» geprüft und redigiert: Wegen der sprachlichen Prägnanz und zum Schutz von Personen, die mitbetroffen sind.

Bis dato haben 320 Personen am Erinnerungs­spiel teilgenommen. 100 von ihnen hat der 42-Jährige nun in einem Buch versammelt: «Es ist eine Art persönliche Weltgeschichte, die auf Ereignissen basiert, die unbekannte Menschen zu den essenziellsten ihres Lebens zählen.» Er hoffe, dass das Buch die Leser dazu animiere, nach eigenen wichtigsten Ereignissen zu suchen – und darüber zu diskutieren. (thw)

Artikel zum Thema

Ui, ui, ui!

Festival Gedankensprünge: Verschiedene Performer stellen in der Gessnerallee in Zürich heikle Fragen. Mehr...

Wenn das Leben so pointiert wäre wie die Erinnerung

Die argentinische Autorin Claudia Piñeiro spürt in «Ein Kommunist in Unterhosen» ihrer Familiengeschichte nach. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Kommentare

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Die Welt in Bildern

Unendlich: Die Kunstinstallation «Wald der nachhallenden Lichter» im Mori Building Digital Art Museum in Tokio. (21. Juni 2018)
(Bild: Shuji Kajiyama/AP Photo) Mehr...