«Ich würde ‹Wahmsinn› schreiben»

Wie ist es eigentlich, jemanden zu treffen, den man bewundert – und desillusioniert zu werden? Unser Autor hat genau das mit dem Facebook-Phänomen Willy Nachdenklich erlebt.

Willy Nachdenklich hat massgeblich zur Verbreitung des letztjährigen Jugendworts «I bims» beigetragen. Foto: Matthias Kimpel (Imago)

Willy Nachdenklich hat massgeblich zur Verbreitung des letztjährigen Jugendworts «I bims» beigetragen. Foto: Matthias Kimpel (Imago)

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Das Theater am Bahnhof in Reinach AG: gut vierzig Stühle, davor eine kleine Bühne, darauf eine grosse Plüsch-Schlumpfine auf einem Sofa, Beistelltisch, Lampe, künstliche Pflanze. Hier wird am Abend Willy Nachdenklich auftreten. Willy Nachdenklich, von dem ich so etwas wie ein Fan bin. Wie er wirklich heisst, weiss die Öffentlichkeit nicht. Mindestens 350'000 Menschen finden ihn aber lustig, zumindest haben sie seine Facebook-Seite «Nachdenkliche Sprüche mit Bilder» gelikt.

Der deutsche Mittdreissiger wurde mit seinen Parodien auf bedeutungsschwangere Posts bekannt: schöne Fotos, mit einem ironisierten, stets mit Fehlern zum Unsinn getriebenen Sinnspruch versehen. Zum Beispiel so: «Wenn man das Leben nochmal Pürre massieren lässt, wird einem klar, dass es trotz all der Probleme doch eine super Sache ist.» Oder: «Die meisten Menschem werden in 1 sehr junge alter ­gebohren.» Willy hat massgeblich zur Verbreitung des letztjährigen Jugendworts «I bims» («Ich bin» oder «Ich bin’s») beigetragen und tourt jetzt mit seinem zweiten Kurzgeschichtenband durch den deutschsprachigen Raum. Wie er hier in den tiefsten ­Aargau gelangt ist, weiss er selbst nicht genau, als er verspätet zum Interview auftaucht.

Willy, ich nehme an, du bist ein Fan der deutschen Sprache.
Durchaus. Man möchte es nicht meinen, aber doch.

Nur ein Sprachliebhaber kann das Deutsch so gezielt verhunzen. So wie Helge Schneider wissen muss, was lustig ist, um die Pointe gekonnt zu verfehlen.
So ist es. Und Helge ist mein Idol, seit ich 10 bin, er hat mich sehr beeinflusst.

«Als meine Posts dann von Jan Böhmermann oder Elias M’Barek geteilt wurden, hat das Ganze eine Eigendynamik entwickelt.»

Du machst dich über – Achtung! – Pseudo-Poesiealbum-Poesie lustig.
Ich habe mich über Leute geärgert, die nicht geistreich sind, aber die geistreichsten Sprüche auf Facebook posteten, inklusive Rechtschreib- oder Grammatikfehlern. Das wollte ich überspitzt darstellen. Und habe dazu eine Seite erstellt, ohne Ambitionen. Als meine Posts dann von Jan Böhmermann oder Elias M’Barek geteilt wurden, hat das Ganze eine Eigendynamik entwickelt.

Man könnte dir Verunstaltung des Deutsch vorwerfen.
Das denke ich nicht. Weder sind meine Follower dumm, noch ist die Jugend zu unterschätzen.

Wer sind denn deine Follower?
Leute, die Lust am Quatsch haben. Die nicht unbedingt den Sinn hinter allem erkennen wollen. Die meisten sind Studenten zwischen 20 und 30 Jahren.

Quatsch. Das trifft es ganz gut, oder?
Ja. Unsinn mit ab und zu Sinn. Ich habe lange überlegt, wie man das nennen könnte, was ich mache.

 «Wenn ich zu lange brauche, um auf einen Spruch zu kommen, dann wird das nichts.»

Ich hätte nicht gedacht, dass man ihm die Antworten quasi aus der Nasenbrille ziehen muss. Wobei man sagen muss, dass das Gespräch mit ihm sehr nett und locker ist. Nur frage ich mich stets, wann es jetzt richtig in Fahrt kommt.

Wie kommst du zu deinen Sprüchen?
Indem ich mich durch Bilder scrolle. Meine Prämisse dabei: Wenn ich zu lange brauche, um auf einen Spruch zu kommen, dann wird das nichts. Höre ich im Alltag etwas Banales oder mir kommt etwas in den Sinn, speichere ich es als Memo ab.

Tönt gar nicht mal so ausgefuchst.
Nö. Viele unterstellten mir ja, ich hätte das minutiös ausgeklügelt und jemanden angestellt, der das so macht, dass es möglichst schlecht aussieht. Das habe ich aber ganz gut selber hingekriegt.

Sprüche wie «Der Amerzonas ist der meiste Fluss der Welt» ...
... ich sah das Bild vom Amazonas, fragte mich: Was könnte ich da schreiben? Der meiste Fluss der Welt, klare Sache.

«Einige meinen zwar, je mehr Fehler, desto besser – was ich gar nicht finde.»

Als Grosshandelsfachmann warst du also im falschen Job?
Privat rede ich unheimlich viel Quatsch. Nun kann ich das auch beruflich, seit kurzem arbeite ich beim Bayrischen Rundfunk. Da habe ich den Podcast «True Klein Crime», indem ich mir Geschichten zu echten Polizeimeldungen ausdenke. Ausserdem bin ich da so etwas wie der Meme-Lord. Dazu kommen die Lesungen. Das ist schon toll.

Schau, ich habe dir dieses Bild von ein Bild von Wolfgang Petry als Hommage geschickt: «Das ist 1 Wahnsinn von Gefühlen her ­gesehen.» Korrekt?
Klar. Es gibt da ja keine fixen Regeln. Ich würde vielleicht eher «Wahmsinn» schreiben und «gesehem». In deiner Variante hat es ja keinen einzigen Fehler.

Ein Sakrileg. In den Kommentaren zu deinen Posts wirst du immer kopiert.
Ja. Einige meinen zwar, je mehr Fehler, desto besser – was ich gar nicht finde. Aber es gibt da schon viele Fans, die das auch sehr gut und lustig hinkriegen.

Jetzt nimm doch die Chance, zu zeigen, dass mehr hinter deiner Comedy steckt als nur Quatsch! Doch Willy will nicht. Oder kann nicht. Und kommt so nie an das heran, was ich mir unter dem Menschen hinter «Nachdenkliche Sprüche ...» vorgestellt habe. Das entzaubert ihn aber nicht gänzlich, sondern macht ihn authentisch und angenehm.

«Wenn ich mal nicht weiss, wie man ein Wort schreibt, ist das egal. Das ist schon sehr komfortabel.»

Du hast eine tiefe Hemmschwelle und keine hohen Ansprüche. Richtig?
Richtig. Ich kann machen, was ich will. Wenn ich mal nicht weiss, wie man ein Wort schreibt, ist das egal. Das ist schon sehr komfortabel.

Du bist auch ein Zeitgeistphänomen: Du hast mit Mist Erfolg.
Das beschreibt es wohl ganz gut.

Sind das Sich-lustig-Machen oder die Verballhornung eine Art Therapie?
Therapie, ich weiss nicht recht. Für die Fans vielleicht.

Sollte man das Leben weniger ernst nehmen?
Auf jeden Fall. Überall, wo ich mir Sorgen gemacht habe, war es am Ende nicht ganz so schlimm.

Ich wäre ja noch zum Programm geblieben, ich höre Willy nämlich gerne zu. Aber es hätte bedeutet, in Reinach noch zwei Stunden auszuharren und spät nach Hause zu kommen, und darauf hatte ich nur wenig Lust. Nach seinem Auftritt schicke ich ihm ein Mail und frage ihn, ob viele Leute zur Lesung gekommen seien. Ich hätte gerne gewusst, wie seine Verhunzung des Deutschen ankommt in einem Land, das dies ungewollt selbst schon sehr gut hinbekommt. Doch ich erhalte keine Antwort.

Ich finde, Willy hätte nach Zürich gehört. Vong Auftritt her. In der, wie wir hier finden, meisten Stadt der Schweiz. Er hätte es verdient. Es wären sicher auch mehr Deutsche im Publikum gewesen. Vielleicht hätte er dann auch mehr zu sagen gehabt. Vielleicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 05.12.2018, 21:03 Uhr

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