«Ich zeige die Rückseiten»

Radio- und TV-Original Hannes Hug überlistete einst einen Velodieb hinter dem Landesmuseum. Jetzt führt er Besucher durch das Haus – zu wilden Männern und toten Kindern.

In Hannes Hugs Kindheit waren Museumsbesuche nie Pflicht, seine Mutter sagte einfach: «Schau mal.» Sie wäre darum sein Wunschgast. Foto: Reto Oeschger

In Hannes Hugs Kindheit waren Museumsbesuche nie Pflicht, seine Mutter sagte einfach: «Schau mal.» Sie wäre darum sein Wunschgast. Foto: Reto Oeschger

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Das Landesmuseum hat ein verstaubtes Image, daran ändert auch der neue Anbau wenig. Sie planen eine ­«Ver-Führung» durch die Sammlung. Was haben Sie vor?
Tatsächlich, beim Landesmuseum denken viele an Rütlischwur, Kappeler Milchsuppe und geistige Landesverteidigung. Es ist mit Pflichtbesuch verbunden. Davon möchte ich es befreien. Denn hier lagert ein unglaublicher Schatz. Auf meiner «Ver-Führung» zeige ich die Rückseiten und Fussnoten des Museums.

Was meinen Sie damit?
Ich beginne im ersten Obergeschoss, bei einer 400-jährigen Skulptur. Sie heisst «Zum vielten Mann», also «Zum wilden Mann». In der Schweiz heissen unglaublich viele Gaststätten so. Auch an der Basler Fasnacht taucht der wilde Mann auf. Eine archaische Figur, die nur mit Alkohol, Zauber oder von einer Frau ­gezähmt werden kann. Aber alles will ich nicht verraten. Ich frage lieber Sie ­etwas: Wie viele Stadtheilige gibt es in Zürich?

«Dass Angehörige Bilder von Verstorbenen anfertigen lassen, ist nicht verschwunden.» 

Ähm, Felix und Regula.
Stimmt. Und es gibt noch einen dritten Schutzpatron: Exuperantius, auch bekannt als Häxebränz. In der Sammlung gibt es mehrere Bilder von ihm, Felix und Regula. Nach den letzten beiden sind sogar zwei Limmatschiffe benannt, aber niemand kennt Exuperantius. Er ist quasi ein «sans bateau». Vielleicht, weil er ein wilder Mann ist?

Sie sind Berner. Was war das ­Landesmuseum für Sie, bevor Sie es besser kennen lernten?
Als Berner hat man es nicht so auf dem Schirm. Wir gingen häufig ins Naturhistorische Museum, wo es einen Blauwal und den legendären Barry zu sehen gibt. Als ich nach Zürich zog, kam mir das Landesmuseum vor wie eine Mischung aus Cinderella und Schloss Neuschwanstein. Bald wohnte ich in der Nähe. Damals war auf der Rückseite die offene Drogenszene auf dem Platzspitz. Oh, dazu fällt mir eine Geschichte ein!

Erzählen Sie!
Ich ging einmal auf den Platzspitz, weil jemand mein Velo gestohlen hatte. Tatsächlich fand ich es an der Hand von einem Typen. Ich sagte: «He, du hast mein Velo», und er so: «Nein, das kannst du nicht beweisen. Beweis, dass es deins ist.» Und ich: «Willst du eine Zigi?», und er: «Ja», und ich: «Feuer hab ich keins», und da musste er das Velo loslassen, und ich nahm es und fuhr davon. Das ist meine Erinnerung an die Rückseite.

Zurück zu Ihrer «Ver-Führung». Was zeigen Sie noch?
Wir landen auch noch beim Fotoalbum einer Basler Familie, die 1947 eine Reise durch Deutschland gemacht hat. Ein schräges Exponat: Darin gibt es Wein­etiketten und Kommentare auf Baaseldytsch. Auch die Jimmy-Choo-Mules von Shawne Fielding besuchen wir.

Welches Exponat hat Ihnen besonders Eindruck gemacht?
Neben dem Fotoalbum hängt das Totenbild eines Kindes. Die Aufnahme hat mich sehr berührt, nicht nur, weil ein totes Kind zu sehen ist. Auch weil es für das Foto im Sterbebettchen inszeniert wurde. Früher war der Tod so alltäglich. Man machte sogar ein Foto als Souvenir in dem einschneidenden Moment. Die Totenfotografie war Ende des 19. Jahrhunderts weit verbreitet.

«Das Landesmuseum steckt voller existenzieller Geschichten.»

Totenfotografie – ein Brauch, der heute seltsam anmutet.
Dass Angehörige Bilder von Verstorbenen anfertigen lassen, ist nicht verschwunden, es ist einfach nicht mehr so präsent. In Herzogenbuchsee, wo ich aufwuchs, gibts heute noch ein Unternehmen, das Totenmasken anfertigt.

In der Öffentlichkeit sieht man aber kaum Totenbilder.
Ja, der Tod findet nicht mehr öffentlich statt. Ein Bestatter erzählte mir, dass er oft gebeten wird, erst zu kommen, wenn es dunkel ist. Niemand soll den Leichenwagen vor dem Haus sehen. Nichts soll uns an unsere Sterblichkeit erinnern. Das Kindertotenbild zeigt, wie sich das Verhältnis zum Tod verändert hat. Wer sich auf die Sammlung einlässt, merkt: Das Landesmuseum steckt voller existenzieller Geschichten.

Welche dieser Geschichten hat Ihnen am besten gefallen?
Die von Genoveva von Brabant. Als ihr Ehemann Siegfried im Krieg ist, umwirbt sie der Statthalter. Als sie ihn abweist, bezichtigt er sie des Ehebruchs und verurteilt sie zum Tod. Doch der Henker verschont sie, und Genoveva flüchtet in den Wald, wo sie ein Kind gebärt und sechs Jahre lang von einer Hirschkuh ernährt wird. Siegfried lässt schliesslich den Statthalter vierteilen.

Hätten Sie einen Wunschgast für Ihre Führungen?
Meine Mutter. Wir gingen oft zusammen ins Museum. Sie sagte einfach: Schau mal. Es gab kein richtig oder falsch, die Empfindung zählte. Museumsbesuche waren nie Pflicht. Ich denke, sie wäre ein guter Gast, aber es ist ihr wohl zu spät, sie ist schon 88 Jahre alt.

Erstellt: 01.02.2017, 22:38 Uhr

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