In Sichtweite und doch unsichtbar

Jérémie Varry amtet seit 16 Jahren im Baur au Lac als Concierge. Er kennt jede Ecke der Stadt und ist einen Aufenthalt lang der beste Freund der Gäste.

Vergisst ab und zu wo er sein Auto geparkt hat: Jérémie Varry. Foto: Sabina Bobst

Vergisst ab und zu wo er sein Auto geparkt hat: Jérémie Varry. Foto: Sabina Bobst

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Man erkennt unerfahrene Gäste in Luxushotels daran, dass sie in den Momenten, in denen sie gut bedient werden, vor Erstaunen lachen, sagt man. Jérémie Varry ist seit 16 Jahren Concierge im Baur au Lac und hat schon einige Leute zum Lachen gebracht. Oder anders gesagt: Er hat alles getan, damit sich die Gäste wohl und umsorgt fühlen in einem der besten Häuser der Stadt. Von bis zu dreissig Gästen gleichzeitig kennt Varry die Terminkalender. Wie wars in der Kronenhalle? Wie kommen Sie mit der Dogge zurande, die Sie bei Ihrem letzten Besuch gekauft haben?

«Du brauchst als Concierge ein Gedächtnis wie ein Elefant», sagt der 40-Jährige mit jenem französischen Akzent, den man in einem Fünfsternhaus schon beinahe erwartet. Varry ist Franzose, in die Hotellerie hat es ihn bloss verschlagen, weil er wegen eines Motorradunfalls dienstuntauglich war. Er fügt an: «Kontinuität ist die wichtigste Währung in meinem Beruf.» Nur dank dieser könne er über Jahre freundschaftliche Kontakte zu den Stammgästen des Baur au Lac pflegen. Manchmal, wenn Varrys Gedächtnis nach langen Arbeitstagen überlastet ist, vergisst er abends, wo er sein Auto – einen Renault Twingo – am Morgen im Parkhaus abgestellt hat.

Einen Loft in Rüschlikon?

Varrys Job ist es in erster Linie, Probleme zu lösen: Tickets fürs Opernhaus? Mit Rolls-Royce samt Chauffeur ins Appenzell? Einen Loft in Rüschlikon? Alles schon vorgekommen. Varry ist in Zürich vernetzt wie kaum ein anderer. Er sagt im Tonfall des professionellen Understatements: «In meinem Beruf ist es leicht, Probleme zu lösen.» Kann ein Gast wegen der Staubwolke nicht aus Island ausreisen, muss ein Helikopter her. Und der Porsche aus der Garage im Seefeld ist dank ihm schon nach drei Monaten Wartezeit abholbereit, nicht erst nach einem Jahr.

Auch widerspruchslose Zustimmung ist ein Gut, das die Gäste in Luxushotels erwarten dürfen. Hat Varrys Gegenüber eine zum Beispiel politisch radikale Haltung, äussere er sich selber leise dementsprechend. Ist er Kapitalist, wird auch Varry für die Länge eines Small Talks zu einem solchen. «Ich bin als Ganzes im Preis inbegriffen.» Seine Uniform sei sein Panzer, hinter dem die Privat­person Jérémie Varry zurücktrete. Sobald er sie trage, besetze er eine unmögliche Rolle: Der Concierge sei komplett unsichtbar, aber immer in Sichtweite. Er errate die Wünsche seiner Gäste, noch bevor diese sie kennen würden. Er verkörpere die in Fleisch und Blut übergegangene Dienstbarkeit wie keine andere Berufsgattung.

Ein Güggeli und dazu eine Flasche Rosé

Wäre er manchmal gern Teil dieser von Geldsorgen befreiten Gesellschaft, in der er sich tagtäglich so gekonnt bewegt? Früher habe er davon geträumt. Heute schätzt es Varry mehr, mit Freunden auf dem Bauschänzli ein Güggeli zu essen und dazu eine Flasche Rosé zu trinken. Dass er das sagt, hat wohl auch mit seinem Berufsstolz zu tun, der bei den Concierges ausgeprägt sei, dafür stünden die gekreuzten goldenen Schlüssel an seinem Revers. Und nicht jeder bringt es so weit auf dieser vorgezeichneten Karriereleiter wie Varry: vom Chasseur zum Assistent-Concierge, zum Concierge, zum Chef-Concierge.

Dass es auch in Zukunft Concierges brauche, obwohl die Gäste dank Seiten wie Tripadvisor immer besser informiert bei ihm ankämen, davon ist Jérémie Varry überzeugt. Er werde auch in Zukunft den Gästen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.03.2015, 19:42 Uhr

Serie

«Im Huus»

In der Serie «Im Huus» widmen wir uns jeweils eine Woche lang dem Innenleben eines Zürcher Gebäudes. Nach einem Bürohaus, einem Stadion und einer Kirche schauen wir nun hinter die Kulissen des Zürcher 5-Stern-Hotels Baur au Lac. In der morgigen Ausgabe erzählt der Chef-Concierge aus seinem Alltag.

Die Zimmerschlüssel

Alte Schule am Schlüsselbrett

Man würde in einem Fünfsternhaus moderne Schlüsselsysteme erwarten. Es gibt aber Gründe, weshalb dies im Baur au Lac nicht so ist. «Wenn die Gäste ihren Schlüssel mit dem dicken Anhänger am Empfang abgeben, habe ich die Chance, meinen Charme spielen zu lassen», sagt Jérémie Varry. Hinzu kommt, dass der Concierge mit dem alten System die Kontrolle über die Abwesenheiten behält und zum Beispiel Karten für das Opernhaus im Schlüsselfach deponieren kann.

Die Sünden

Was der Concierge nicht tut

Es gibt auch Dinge, die organisiert der Concierge nicht. Dazu zählen: Escortservice – die Gäste nannten das früher «Zusatz­kissen» –, er gehört nicht in den Kompetenz­bereich der Concierges. Varry überreicht jenen Gästen, die dies wünschen, jeweils das Branchenverzeichnis mit dem Buchzeichen an der richtigen Stelle. Was Kokain betrifft, ein weiteres Klischee, sagt Varry es so: «Ich empfehle den Gästen einen Cognac aus unserer reichhaltigen Bar.»

Die Pflichten

Was der Concierge tut

Zum Job des Concierge gehört es, die Stadt zu kennen. Den Gästen gibt Varry jeweils eine Stadtkarte mit auf den Weg, worauf er Sehenswürdigkeiten oder Geheimtipps markiert. Was empfiehlt Varry jemandem, der das erste Mal in der Stadt ist? Wasserkirche, Grossmünster, Chagall-Fenster. Klar. Obendrein ein Kalbskotelett bei Jacky Donatz im Sonnenberg («da kriegen Sie einen Spitzentisch»). Der Kreis 4 allerdings sei eher weniger etwas für seine Kundschaft.

Die goldenen Schlüssel

Zeichen der Vereinigung

Die gekreuzten goldenen Schlüssel am Revers des Fracks markieren die Zugehörigkeit zum weltweiten Verband der Concierges. Jérémie Varry bekleidet das Amt des Vize- präsidenten der Schweizer Sektion. «Service through Friendship» – Dienstleistung durch Freundschaft –, der Slogan der Vereinigung, beschreibt den Arbeitsethos der Concierges. Für Varry bedeutet die Zugehörigkeit einen weltweiten Austausch. Rund 4000 Concierges in 39 Ländern tragen heute die goldenen Schlüssel. (dsa)

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