Jäger der verlorenen Bilder

Die Geschichte rund um das Video und den Videorekorder ist viel spannender als die Bilder des Züri-Fäscht 2001. Das Fazit nach dem Film: Schön, ist die Erinnerung geschönt.

Weder Rekorder noch Redaktor mögen die Kassette sehr. (Foto: Urs Jaudas)

Weder Rekorder noch Redaktor mögen die Kassette sehr. (Foto: Urs Jaudas)

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Wo waren wir am Dienstag an dieser Stelle stehen geblieben? Genau: Das Videoband vom Züri-Fäscht 2001, gefunden auf dem redaktionsinternen Ramschtisch, ist unansehnlich. Technisch. Wir vermuteten darin einen Schatz. Den zu öffnen, stellte uns zunächst vor Probleme: Es fehlte ein Video­rekorder. Kein allzu grosses Problem. Zahlreiche Leserinnen und Leser haben dem Tagi ihre Dienste angeboten. Einige waren bereit, uns ihr Gerät auszuleihen. Viel zahlreicher waren die Angebote, das Video in die Neuzeit zu transferieren und die Festimpressionen in einem digitalen Format zu returnieren.

All den Hilfsbereiten sei gedankt. Ihr Angebot haben wir nur deshalb ausgeschlagen, weil Bildredaktor J. einen Rekorder aus seinem Fundus anschleppte. Der kann zwar nicht digitalisieren, hat aber sonst sämtliche Features, die sich ein ambitionierter VHS-Konsument wünscht. Und er hat eine Geschichte: J. hatte ihn bereits ins Brockenhaus pedalt, als er erschrak. Die Fernbedienung!, schoss es ihm durch den Kopf. Er zurrte das Teil wieder auf den Träger und fuhr es zurück nach Hause. Ein Videorekorder ohne Fernbedienung, dachte er sich, ist wie ein Computer ohne Maus. Oder so.

Der Sinn des grossen Ganzen

Alles hat einen tieferen Sinn. Oftmals erkennt man diesen erst später. Monate später. Im Falle von J. heisst das: Er pedalte das Teil vor einigen Tagen auf die Redaktion. Inklusive Fernbedienung (die sich später als komplett nutzlos herausstellte). Redaktor N. wusste noch ein Scartkabel im Keller – und Redaktor R. hatte, wie so oft, noch eine Geschichte auf Lager. Sie handelte von einem Segler (ihm selber), der seine Weltumseglung just auf so einem Gerät, «aber tupfgenau das gleiche!», wie es nun auf der Redaktion stand, zusammengeschnitten hatte. Jetzt also steht das Teil da, ich schiebe die Kassette vom Züri-Fäscht 2001 hinein und ärgere mich ein erstes Mal. Der Film ist nicht zurückgespult – damals, als VHS noch das Format der Wahl war, ein ­No-go. In der Videothek kostete das einen Zuschlag!

Zürich, immer wieder Zürich

Während des Spulens steigt die Vorfreude, mit der Vorfreude steigt die Erwartung und mit der Erwartung die Chance, enttäuscht zu werden. Dann das erlösende Klicken – der Film kann endlich starten. Die Sache beginnt gut. Die Musik wird leiser und leiser, Stapi Josef Estermann hat aus dem Off das Wort. Er erklärt, dass das Züri-Fäscht auf schönes Wetter abonniert sei. Dann kommt er ins Bild, gut gelaunt, und sagt noch mehr. Einer der ersten Kameraschwenks fängt TA-Fotograf R. ein, der sich vor der Ehrentribüne durchzwängt. Hinten lacht SVP-Mann Bruno Zuppiger. Man erinnert sich wieder, wie viel Spass die Pause bedeutete: Unten am Bild rieselt Schnee, oben erfreuen verzerrte Fratzen das kindliche Gemüt.

Besser wird es dann nicht mehr. Noëmi Nadelmann singt (danach gibt sie zu Protokoll, dass ihr «das Herz fast überging»), Männer führen Kunststücke auf Wassertöffs vor, Feuerwerk schiesst in den Himmel, Paare küssen sich, Menschen essen, Sandra Studer fordert einen «Zürich-Applaus», als die Ballone zur offiziellen Eröffnung steigen gelassen werden, Feuerwerk schiesst in den Himmel, Bundesräte sagen Sachen wie: «Ein Riesenrad ist immer etwas Schönes. Und es hat etwas von der Politik: Einmal ist man oben, einmal ist man unten» (Leuenberger). Oder: «Wir haben extra unser Schulreisli verschoben. Wir hoffen, dass dies die Zürcher honorieren» (Metzler). Oder: «Das Wetter ist schön» (Dreifuss). Und zum Schluss: «Zürich war schon immer ein wichtiger Stand. Ohne Zürich wäre die Schweiz nicht die Schweiz» (Villiger).

2001 ist irgendwie wahnsinnig lange her, denkt man sich, und schaut zu, wie Kinder in einer Hüpfburg hüpfen. Feuerwerk schiesst in den Himmel. Langsam wird klar, weshalb der Schatz auf dem Ramschtisch gelandet ist.

Erstellt: 28.05.2015, 09:19 Uhr

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