«Jede Dame feierte ihre eigene Party»

Kunstkritikerin Ludmila Vachtova sagt, dass es in der Dada-Bewegung viele eigenwillige und wilde Frauen gegeben habe – gemeinsam aus der alten Geschlechterrolle auszubrechen, sei ihnen trotzdem nicht gelungen.

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«Wenn ich wüsste, welche Blusengrösse oder Schuhgrösse du genau hast, würde ich dir gerne etwas mitbringen, aber so möchte ich es nicht riskieren. Am 7. bin ich wieder zu Hause.»

Diese prosaischen Sätze stammen von Raoul Hausmann, einem der führenden Köpfe der Berliner Dada-Gruppe und Mitorganisator der «1.?Internationalen Dada-Messe». Er richtete sie ums Jahr 1920 an seine damalige Lebensgefährtin Hannah Höch, die heute neben Sophie Taeuber-Arp als künstlerisch bedeutungsvollste Dada-Protagonistin gilt.

Hausmanns selbstentlarvende Aussage findet man auch im pointierten Aufsatz «Ein Fünftel und ein bisschen mehr: Wozu sind Dada-Damen da?», den die bekannte Autorin und Kunstkritikerin ­Ludmila Vachtova 2003 in der Politik-, Wirtschafts- und Kulturzeitschrift «Die Schweizer Monatshefte» (heute: «Schweizer Monat») publizierte.

«Die Dada-Mama trug das Geschirr.»

Ludmila Vachtova, die 1933 in Prag geboren wurde und seit den 70er-Jahren in Zürich lebt und arbeitet, legte im Artikel facettenreich dar, dass der Dadaismus – anders als gern behauptet wird – trotz der vielen cleveren, frechen, schillernden und vermögenden Frauen, die ihm angehörten, alles andere als eine emanzipatorische Bewegung war, welche die «klassischen» Rollenmuster negierte – geschweige denn attackierte.

Vielmehr, so die Autorin, hätten sich in den Dada-Clubs weibliche Betätigungen und Verhaltensmuster etabliert, «die seltsamerweise den allgemeinen bürgerlichen Wunschbildern entsprachen». Sogar bei Sophie Taeuber sei stets betont worden, wie nett sie Tee kochte und servierte. Noch schlimmer sei es jedoch Hannah Höch ergangen, schrieb die Kunstexpertin: «Bei keinem Text über die einzige Berliner Dadaistin fehlt die Geschichte vom ‹tüchtigen Mädchen›, das für jede Dada-Sitzung ‹belegte Brötchen zauberte› und Bier und Kaffee auftischte. Weshalb Vachtova unverblümt bilanzierte: «Die Dada-Mannschaft trug Monokel und amerikanisch geschnittene Kleider aus Tweed, die Dada-Mama trug das Geschirr.»

13 Jahre nach seinem Erscheinen gewinnt der tolle Aufsatz im Kontext des «100 Jahre Dada»-Jubiläums wieder an Aktualität – umso mehr, als sich im Feierjahr bisher nur wenige auf den weiblichen Aspekt der Bewegung fokussierten: etwa das Haus Konstruktiv mit der Ausstellung «Dada anders» (wo das Schaffen von Sophie Taeuber-Arp, Hannah Höch und Elsa von Freytag-Loringhoven gezeigt wird) und in Teilen das Museum Rietberg mit der Schau «Dada Afrika». Grund genug also, um mit Frau Vachtova bei einem Tee über die Dada-Damen zu reden.

Weshalb neigt die Nachwelt dazu, die Dadaistinnen zu verklären?
Ich würde nicht sagen, dass sie verklärt werden. Aber gewisse Namen werden so oft wiederholt, dass man meint: Die müssen wichtig sein. Zudem geht man bei der Nachbetrachtung nie von den Werken aus, im Fokus ist immer die Person. Und da es keine Zeitzeugen mehr gibt, werden die Urteile auch nicht mehr revidiert.

Ihr Aufsatz sorgt aber schon für die Entmystifizierung gewisser ­Protagonisten. Hannah Höch oder Sophie Taeuber, die den Männern Tee und Schnittchen servieren müssen – eine seltsame Vorstellung.
Wenn eine Entmystifizierung stattfindet, dann vor allem bei den Männern (lacht). Doch es stimmt, retrospektiv ist das tatsächlich eine seltsame Vorstellung. Aber das ist oft so im Leben, in der Kunst: Vieles wird im Nachhinein anders beurteilt als in der Zeit selbst. Und wenn diese meist attraktiven Dada-Frauen halt damals Tee brachten oder an der Party besoffen waren, war das völlig normal, es gehörte einfach zu ihrem Dienst.

Gab es auch männliche Dadaisten, die den Dada-Frauen auf Augenhöhe begegneten?
Von Hugo Ball ist zumindest bekannt, dass er in seinen Tagebucheintragungen übers Cabaret Voltaire nie vergass, die von Rudolf von Laban geschulten Tänzerinnen Mary Wigman, Sophie Taeuber, Käthe Wulff, Marie Vanselow und Maja Chrusecz zu erwähnen; er nannte sie liebreizend die «Laban-Damen». Vor allem Taeuber hatte es ihm angetan, er schwärmte über ihre «Kaprize und Bizarrerie», für ihn als urdeutschen Geist war dieser Tanz wahrscheinlich einer Epiphanie nicht unähnlich (lacht). Eine solch tiefe Wertschätzung war aber eher die Ausnahme – obwohl die meisten ­Dadaisten gebildet und empfindsame Künstler waren.

Haben sich die Dada-Frauen denn widerstandslos in diese, wenn man will, zweitrangigen Rollen gefügt?
In der damaligen Gesellschaft haben die Frauen schon deutlich mehr Freiräume genossen als 20 Jahre davor. Dies hatte natürlich auch mit den Suffragetten in England und in den USA zu tun, die in den Jahren davor hart für Frauenrechte gekämpft hatten. Jedenfalls nahmen sich die Dadaistinnen diese neue Freiheit und nutzten sie für ihre Selbst­darstellung. Am exzentrischsten war die Szene im kulturellen Melting Pot New York, eine schrille Persönlichkeit wie Baronin Elsa von Freytag-Loringhoven hätte wahrscheinlich nirgendwo sonst so wirken und gedeihen können.

Wie muss man sich die Exzentrik konkret vorstellen?
Die einen schlüpften in die Rolle einer dekorativen Schönheit, andere gaben eine Femme fatale, wieder andere eine Nonne. Oft hatten sie auch mehrere Rollen inne. Und schlugen, je nach Bedarf, Brücken rein optisch, oder sie vermittelten als CEOs in der Tarnung einer Sekretärin zwischen opponierenden Aggressionen. Dass sie diese Freiräume in ihrem Sinn ausnützen konnten, lag wie erwähnt daran, dass sie gesellschaftlich relativ gut abgesichert waren. Emmy Hennings konnte bekanntlich unbehelligt als Morphinistin und Prostituierte leben.

Dennoch: Man kann doch eine Mäzenin wie Lou Arensberg, eine politische Aktivistin wie Louise Strauss und eine Plastikerin und Tänzerin wie Sophie Taeuber nicht über einen Kamm scheren.
Sie gehen davon aus, dass die Dadaistinnen eine verschworene Einheit bildeten. Dem war aber nicht so. Jede Dada-Dame suchte ihr individuelles Abenteuer, jede feierte ihre eigene Party. Statt eines Gemeinsinns gab es also eher die Rivalität. Doch weil es eine Dauerparty mit oft philosophischem Hintergrund war, kamen letztlich alle auf ihre Rechnung.

Und wie wars um die Treue bestellt?
Die Libertinage war damals à la mode, mit der hohen Moral und der Treue war es nicht weit her. Und wenn dann, wie meist, noch reichlich Alkohol mit im Spiel war, konnte es schon geschehen, dass Marcel Duchamp mit fünf Frauen gleichzeitig im Bett lag.

Ist das nicht ein Widerspruch zu den «bürgerlichen Werten», die Sie in Ihrem Aufsatz betonen?
Ich denke nicht, nein. Es ist doch wie in der Schule: Wenn man in gewissen Bereichen diszipliniert und korrekt ist, kann man sich andernorts auch ungehörige Dinge erlauben. Das war eine taktische Spielerei, die gesellschaftlich wunderbar funktionierte. Selbstverständlich hatten auch die Männer einen gewichtigen Anteil daran, Picabia beispielsweise war ein grosser Verführer, auch El Lissitzky wusste die Frauen zu umgarnen. Überhaupt war Dada, im Gegensatz zur prüden russischen Avantgarde, eine leidenschaftliche, sinnliche Bewegung, mit offener Sexualität. Und doch wurden die Frauen nie als «Dada-Schlampen» oder Huren beschimpft. Das zu schaffen, war beinahe eine Kunst für sich (lacht).

Woran lag es, dass dieser ­künstlerische und gesellschaftliche Befreiungsschlag so grenzenlos ausfiel?
Es lag schon länger etwas Revolutionäres in der Luft, europaweit. Dieses Gefühl wurde durch den Ersten Weltkrieg nochmals potenziert, weshalb auch die Gegenbewegung radikal ausfallen musste. Ähnliches passierte später rund um den Zweiten Weltkrieg erneut, mit der abstrakten Kunst. Trotz der Radikalität von Dada ist es meines Wissens aber nie zu Skandalen oder polizeilichen Interventionen gekommen, zumindest nicht in Zürich. Bespitzelt wurden die Protagonisten allerdings schon, das ist klar. Denn es waren nicht die Einheimischen, sondern die Zuwanderer, die diese Freiheiten zuerst nutzten, die der Bewegung ein Gesicht gaben. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.03.2016, 13:13 Uhr

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Ludmila Vachtova

Die 83-Jährige studierte in Prag Kunstgeschichte und erhielt 1969 den Preis der tschechischen Kunstkritik. Seit 1972 lebt sie in Zürich und ist als freie Autorin?/Publizistin tätig. (thw)

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