K. o. kurz vor dem Ziel

Unser Autor und sein nun geadelter Rover schaffen es auf der letzten Etappe ins Ziel, doch dann . . . Never mind the bollocks! Es gilt, Danke zu sagen.

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Auf dem Weg von Stratford-upon-Avon nach Solihull überschlagen sich die Ereignisse. Erst kreuzen wir einen Rolls-Royce Silver Cloud III – ich meinte zwar einen Silver Shadow I gesehen zu haben, doch der Rover kennt sich da besser aus –, der uns lichthupend grüsst. Eine Ehr­erbietung, die in Autokreisen angeblich mit einem Ritterschlag durch die Queen gleichgesetzt wird. (Wahrscheinlich müsste ich nun jedes Mal «Sir Rover» schreiben, aber wir bleiben jetzt mal schön auf dem Boden beziehungsweise der Strasse.) Kurz darauf spielt der kleine iPod-DJ, sonst echt kein Held, «Auf Achse» von Franz Ferdinand – gibt es ein beschwingteres Roadtrip-Stück? Wie auch immer, wir nehmen es als gutes Omen für das, was noch kommen soll.


Kaum hab ich das Auto eine halbe Stunde später vor dem Ramada Hotel in Solihull geparkt, kommt ein sympathischer älterer Herr auf uns zu. Er stellt sich als Steven Hemmings vor (nicht, dass man sich das merken müsste, er hat nur diesen einen Kurzauftritt) und berichtet ausführlich von eigenen Abenteuern mit einem P6. Dass er meinen alten Gefährten dabei verträumt ansieht und fast zärtlich über seine Motorhaube streichelt, irritiert ein wenig. Es zeigt aber auch, dass wir hier oben willkommen sind. Noch zwei Anmerkungen: 1. Das Ramada in Solihull hat – allenfalls abgesehen von den Zahnstochern – nichts gemein mit den pompösen Ramada Plazas. Einziger Luxus des Sonderangebotszimmers ist eine (zugegeben schöne) Badewanne. Zudem ist es hilfreich, dass das Ramada Solihull hier auf jedem zweiten Wegweiser angeschrieben ist. Das konnte nicht mal ich verfehlen.

*Dass wir erst ins Hotel fahren, hat seinen Grund. Ich soll mich, ein ausdrücklicher Wunsch von Sir Rover, für den Besuch an seiner Geburtsstätte schick machen. Weil ich so etwas ahnte, hab ich vor der Abreise ein sauberes Hemd, ein anständiges Tschööpli und einen Pete-Doherty-Hut eingepackt (Sir Rover als Klassiker schwebte zwar eher der Konfirmanden-Style vor, aber irgendwo gibts auch Grenzen). Zudem hätte ich ihn noch durch eine Wasch­strasse fahren sollen. Da es am Donnerstag aber mehrmals intensiv geregnet hat, können wir uns das schenken; viel sauberer wird er mit Seife auch nicht mehr.


Kurz nach vier Uhr Ortszeit gehts los. Und auch wenn wir uns natürlich wieder mal kurz verfahren, biegen wir doch um 16.40 Uhr an der Lode Lane in Solihull aufs Areal von Land Rover ein – ja, Land Rover. Weil Rover 2005 Insolvenz anmelden musste, gehören die Fabrikationsstätten seither zu Land Rover. Uns egal. Viel wichtiger ist: Wir sind noch etwa 150 bis 200 Meter von jenem Ort entfernt, wo mein Rover 1973 gebaut und geboren wurde (das geht jetzt, ich gebs gerne zu, schon unter die Haut). Und, auch gut: Das erste Mal seit Reisebeginn bin ich an einem wichtigen Ort nicht zu spät! Da arbeiten noch Leute, die uns reinlassen können! Oder genauer: könnten. Der Security-Mitarbeiter verweist uns aber erst einmal an die Réception. Dort erzähle ich dem Mann die ganze Story: Reise, Zeitungsberichte, der poetische «Rover is coming home»-Gedanke. Er hört zu, dann sagt er: «Bei uns werden jetzt moderne Autos gebaut, was früher war, interessiert heute nicht mehr.» K. o. in der ersten Runde! Doch ich rapple mich nochmals hoch und schlage vor: Okay, wenigstens ein Foto auf dem Fabrikgelände. «Nein! Aber wenn Sie wieder draussen auf der Strasse sind, können Sie unser Signet fotografieren, wenn Sie wollen.» Geile Idee. Um meinen Rover vor einem Land-Rover-Signet zu fotografieren, hätte ich allerdings nicht 1400 Kilometer zurücklegen müssen. Ein Abstecher zur Uetli-Garage an der Saumstrasse in Zürich-Wiedikon hätte gereicht. Endgültig absurd wird es, als der Mann die Begründung für sein Njet nachliefert: «Vielleicht würden Sie die Fotos ja für etwas benützen, das uns nicht gefallen würde. Wie Sie wissen, kann man mit Bildern Schaden anrichten.» Stimmt, ich wollte in meinem Hobbykeller schon immer mal einen Land Rover bauen. Oder, noch krasser: Ich schicke eine Ladung mit Retrofilter und weissen Bilderrähmli versehene Aufnahmen an Wiki­leaks, die freuen sich bestimmt irre. Hätte der Rover an seiner Karosserie eine Stinkefingervorrichtung, ich hätte den dort auf dem Gelände ausgefahren.


Zurück im Hotel, passiert noch etwas Unerwartetes. Als ich eben auf dem Weg zur Bar bin, um mit ein paar Bierli den Frust zu lindern, sehe ich, wie im Innenhof sportlich-elegant gekleidete ältere Herrschaften Kugeln über den gepflegten Rasen rollen. Aus Neugier erkundige ich mich nach dem Namen des Spiels, schon erläutern mir ein paar Damen in distinguierter Höflichkeit das Regelwerk von Crown Green Bowls, und nachdem ich dem meditativen Treiben eine halbe Stunde zugeschaut habe, ist aller Ärger verpufft. Irgendwie symbolisch für den ganzen Trip, denke ich: Passiert Mieses, wird es rasch durch Gutes getilgt. Und, hey, verdammt, wir habens geschafft! Wir haben den Berg erklommen, der uns gerufen hat! (va bene, sagen wir den Hügel.) Das Fazit? Moment, spulen wir rasch die Woche zurück: Stratford-upon-«Jööös!» – sexy Lärm in Silverstone – Potters Oxford – WC statt VIP in Ascot – Windsor ist gross – Scheibenwischer-­Drama – Rover-Döschwo­-Techtelmechtel – Tatar mit Rocquefort – Begegnungen mit dem Tod – Chariot de Fromage. Okay, wie wärs mit dem: «Letzlich war der Weg das Ziel»? Doch, klingt ganz passabel, lassen wir so stehen.


In Solihull findet heute Samstag der «Messy Church»-Spass statt, in Zürich steht das Idaplatzfest an. Und ich werde irgendwo schlafen gehen. Davor noch ein paar Danksagungen: zuerst ein Mässi an meinen Kumpel Klaus Herzog von der ehemaligen Autothek, der mich einst davon abhielt, ihm einen Lancia Flavia (ein Auto, das im rumänischen Ceausescu-Regime populär war!) abzukaufen, indem er sagte: «Warte zu, der Richtige für dich, der kommt noch.» Er hatte recht. Ein Mässi an Markus Muff von der Bermuda-Garage in Zürich, er hat den Rover reisefit getrimmt. Und natürlich Mässi an den Helden selbst: Well done, old chap! Oder um es mit den Worten meines Gottemeitli Mia zu formulieren, die bei der ersten Mitfahrt begeistert vom Hintersitz rief: «Das isch s tollschte Auto vo dä Welt!» Dem gibt es nichts mehr hinzufügen. Wir sagen: Danke fürs Mitlesen, good night and good luck.

Erstellt: 17.08.2014, 21:07 Uhr

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