Kreatives Scheitern – trotz Bucket List und Navi

Vallorbe hätte viel zu bieten. Grotten und Bunker. Und Yverdon erst, diese malerische Altstadt! Doch Umleitungen und Öffnungszeiten bringen die Pläne der Autorin durcheinander. Zut!

Ein tierisches Stück Zürich in Yverdon. Foto: Instagram bellevuegoestourist

Ein tierisches Stück Zürich in Yverdon. Foto: Instagram bellevuegoestourist

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Kaum aus den Federn und im Frühstückssaal, sind die Wandervögel wieder präsent. «Sie gehen auch wandern? Und wohin?», fragen sie neugierig. Eben nicht. Genug der Natur, kulturelle Entdeckungstouren sind angesagt. An Orten, wo Touristen Selfiesticks statt ausziehbare Wanderstöcke mit sich herumtragen. Meine Antwort «nein, ich fahre mit dem Auto Richtung Yverdon» erwidern die Outdoor-Fetischisten mit einem misstrauischen Nicken.

Meine Grand-Tour-Bucket-List für Reisetag zwei (Dinge abhaken können, so liest man ja immer wieder, mache glücklich) umfasst neun Punkte. 1., 2., 3.: Grotte, Bunker, Eisenmuseum in Vallorbe besichtigen. 4.: Kaffee trinken in pittoreskem Waadtländer Dorf. 5.: Gemütlich durch die Altstadt von Yverdon-les-Bains schlendern. 6.: Eine Stippvisite im Musée d’Ailleurs in Yverdon machen. 7.: Danach Bad im See oder im Thermalbad. 8.: Einen Musikautomaten in Sainte-Croix spielen sehen und hören. 9.: Auf der Hotelterrasse in Les Rasses entspannen. Asiatische Touristen schaffen in einem Tag Luzern, den Pilatus und Paris. Wäre ja gelacht, wenn für diese vergleichsweise bescheiden ambitionierte Liste sechs Stunden nicht reichten. Nur Fuji-Touris wird es im Tal an der Grenze zu Frankreich keine haben.

Misst man den etwas unpräzisen Begriff «abgelegen» am Radioempfang, dann sind das Vallée de Joux und das Orbetal schon beinahe urban – da, wo das Smartphone längst «Roaming» piepst, kommt SRF 3 störungsfrei rein.

Bucket-Liste-Punkt 1, die Grotte bei Vallorbe: Beim Einbiegen in den Parkplatz jauchzt das Herz. Doch dann: Wagen aus Belgien, Frankreich, Tschechien, Neuenburg, Waadt und Genf stehen auf dem Parkplatz aneinander. Bin ich ein eine Touri-Falle getrampt? An der Kasse kommt die Entwarnung, es hat nämlich keine Schlange, alle sind schon drin, gut verteilt auf einem 40-minütigen Rundgang. «Nehmen Sie sich Zeit und verpassen Sie den Feenschatz nicht», sagt der Mann am Eingang.

Ein natürliches Kunstwerk, wunderbar anzusehen. #vallorbe #grottes #kristalle

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Die Feen (ich mein die Grünen und trinkbaren) stünden eigentlich erst morgen auf dem Programm, doch Schatz tönt gut. In den Raumschiff-ähnlichen Räumen sind Mineralien aus aller Welt ausgestellt. Präzise, farbgewaltige Kunstwerke, wie sie nur die Natur erschaffen kann. Zwei Familien schlendern andächtig durch die Räume. Die Kinder flüstern. Unversehens taucht ein Käsekeller auf – ein Gag? Eine regionale PR-Aktion? Oder schlicht ein geschicktes Ausnützen der Naturgewalt, weil es hier unten im Fels mit 10 Grad angenehm kühl ist?

Die Grotten von Vallorbe. Video: Ev Manz

Die eigentliche Grotte, geschaffen von der Orbe, die vom Lac de Joux unterirdisch durch das Karstgestein abfliesst und unterhalb der Höhle ins Freie tritt, liegt dahinter. Welch eine Entdeckung muss das 1974 gewesen sein! Stalagmiten und Stalaktiten (das sind die, die von oben wachsen) in allen Formen, ein smaragdgrüner See, ein vier Meter langes dünnes Fistelröhrchen, das von der Decke hängt. Es ist so ruhig, dass man das Wasser tropfen hört. Erst in der sogenannten Kathedrale staut sich der Besucherstrom, hier wird mit dem Smartphone auch emsig geknipst und gefilmt. Aber es sind keine Egoshooter-Touris, niemand zückt einen Selfiestick.

Als ich wieder draussen an der Wärme bin und gerade zuhöre, wie sich eine Seniorengruppe aus der Ostschweiz ihrer «Grandios, überwältigend»-Begeisterung hingibt, watschelt ein Froschmann vorbei. Er heisst Markus Flury und ist Höhlentaucher und -forscher. Die Grotte sei für die Forschung ein beliebtes Ziel, so der Deutschschweizer. Allerdings seien die Tauchbedingungen auch schon besser gewesen. «Das Wasser war heute trüb, trotzdem ist es immer spannend, um die nächste Ecke zu biegen.» Die Dauer seines Erkundungstrips: 40 Minuten flussauf-, 23 Minuten flussabwärts.

2. und 3.: Bunker, Eisenmuseum in Vallorbe. Ein Picknick vor dem Bunker wäre die Idee gewesen, denn in diesem Dorf mit seinen 3750 Einwohnern lockt nichts wirklich zur Einkehr. Zudem sind die Waren in der Migros günstiger als in Zürich (und die Kassierin freundlicher). Vor dem Bunker aber ist keine Menschenseele auszumachen, denn: Er ist geschlossen. Und das Eisenmuseum genauso. So gibts das Picknick halt am Steuer – inklusive Männerstatue vor einem Industriegebäude als Hingucker. Wundersames Kaff, dieses Vallorbe.

Zut! Merde! Merde! Merde! Verfahren. Eigentlich leiten einen die braunen «Grand Tour»-Schilder perfekt über die Nebenstrassen. Wird aber gebaut und umgeleitet, stimmt plötzlich alles nicht mehr so ganz, statt über Land führt der Weg plötzlich über die Schnellstrasse, und das Navi hat wegen der Hitze Tilt erlitten. Ja, ja, bauen können sie wie die Zürcher, die Romands. Aber das Fluchen tönt bei ihnen schöner, geschmeidiger. Deshalb nochmals: Zut! Merde!

Bauen, absperren, umleiten können sie auch in der Romandie saugut. Zut! #zut #bauen #umleitung

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4. Kaffee trinken in pittoreskem Waadtländer Dorf: gestrichen! Aus verfahrenen Zeitgründen (Zut!), und weil sowieso die meisten Beizen ferienhalber geschlossen sind. Endlich in Yverdon. Kaum ausgestiegen, nähern sich zwei Machos. Ob das Auto zu empfehlen sei, will der eine wissen, er wolle nämlich dieses Modell kaufen. Hat wohl mit dem Fahrstil der Lenkerin zu tun.

Bucket-List-Nummern 5 und 6: Durch Yverdons famose Altstadt schlendern, einen Blick ins Musée d’Ailleurs werfen (aus Neugier frage ich nach der Empfehlung des Tourismusbüros für 90 Minuten Zeit, man rät tatsächlich zum Altstadtrundgang und betont, es habe da viele Touristen).

Das Pestalozzi-Denkmal in Yverdon lockt Touristen an. #pestalozzi #yverdon

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Vor dem Pestalozzi-Denkmal sitzt eine Schulklasse, was Erinnerungen an ein Klassenlager in dieser Region weckt, bei dem das Museum der Ausserirdischen Programmpunkt war. Heute jedoch ist es geschlossen. Im Sommer sind Städte definitiv nichts für Touristen. Für das Bad (Punkt 7) bin ich nun auch zu träge. So wird das in einem Garten entdeckte Stück Zürich – eine bemalte Plastikkuh der «Cow Parade» 1998 – zum vorläufigen Tageshighlight.

Spielautomat in Sainte-Croix (VD). Video: Ev Manz

Punkt 9: Auf der Terrasse des Grand Hôtel Des Rasses in Les Rasses (Sainte-Croix) entspannen. Genau das wird nun gemacht (obwohl man anhand dieses Hauses zweifellos spannende touristische Geschichten erzählen könnte), mit einem Hochlagern der Füsse und einer belle vue auf Yverdon und den See.

Endlich entspannen! Verdammt sei die Bucket List! #bucketlist #füsse #entspannen

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Machen solche Listen glücklich? Auf jeden Fall verleiten sie zu einer Art Scheitern. Immerhin: Vor der Hotelbar steht ein Musikautomat. Kurz vor dem Zubettgehen sind 4 von 9 Punkten abgehakt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.08.2018, 23:55 Uhr

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