Kunst am Unterhemd

Pascale Wiedemann bestickt T-Shirts mit Adjektiven in Spiegelschrift. Damit kehrt das Künstlerduo Wiedemann/Mettler seine Seele nach aussen.

Was ist Mode, wo beginnt Kunst? Pascale Wiedemann, die eine Hälfte des Künstlerduos Wiedemann/Mettler. Foto: Doris Fanconi

Was ist Mode, wo beginnt Kunst? Pascale Wiedemann, die eine Hälfte des Künstlerduos Wiedemann/Mettler. Foto: Doris Fanconi

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Einfach, curieux, burning, waghalsig, plucky – all diese Adjektive hat die Zürcher Künstlerin Pascale Wiedemann schon auf T-Shirts gestickt. Weisses Perlgarn auf weisse Baumwolle. Die Wörter sind aber nicht nur deswegen kaum ­entzifferbar. Wiedemann stickt sie in Schnüerlischrift spiegelverkehrt auf den Stoff. Das Wort soll in erster Linie für die Person lesbar sein, die das T-Shirt trägt. Wiedemann sagt: «Das ist für sie ein Schutz und ein Schatz zugleich. Nur sie soll wissen, was auf ihrer Brust steht.» Dann nämlich, wenn sie in den Spiegel schaut. Jedes Adjektiv stickt Wiedemann nur einmal; zu jedem Kunstobjekt gehört eine Skizze des Shirts mit unverspiegeltem Schriftzug.

1/1, one out of one, ist das neuste Projekt des Künstlerduos Wiedemann/Mettler. Pascale Wiedemann und ihr beruflicher wie privater Partner Daniel Mettler, beides gebürtige Bündner, haben es sich zum Credo gemacht, alltägliche Objekte durch kleine Veränderungen zu Kunst zu machen. Wiedemann, Produktgestalterin, ist die Macherin, Architekt Mettler der Kopf hinter den Projekten. Die neuste Arbeit hat er fotografiert und gefilmt. Für Furore gesorgt hat letztes Jahr ihre Ausstellung «Better safe than sorry» im Haus der Kunst in Altdorf. Mit aus­gestopften Tieren haben sie dort eine moderne Arche Noah inszeniert. Der Schwan erhielt eine Goldkette mit der Aufschrift «immun» umgehängt und sollte so an die Vogelgrippe erinnern.

Die beiden haben auch schon USM-Büromöbel verändert und in Szene gesetzt oder aufziehbare Kinderspieltiere ausgestellt, deren Fell sie abgezogen haben. Für Etienne Lullin, Mitinhaber ihrer Heimgalerie Lullin und Ferrari an der Limmatstrasse, gehen die beiden Gegenwartskünstler immer von einer genauen Betrachtung der Lebenswelt aus und überzeugen gleichzeitig durch die Kraft ihrer künstlerischen Ausdrucksmittel. Nie seien ihre Arbeiten künstlich, sondern berührend real. Er sagt: «1/1 macht ihre Kunst nun im wahrsten Sinne des Wortes tragbar.»

Therapie im weissen Kittel

Was ist Mode? Wo beginnt Kunst? Und was bedeutet es, Kunst am Körper zu tragen? Diese Fragen beschäftigen das Duo seit bald 20 Jahren, diverse Foto­arbeiten dazu haben sie schon ausgestellt. Mit dem Schweizer Unterwäschehersteller Zimmerli haben sie nun einen Partner gefunden, der ihre Ansprüche an Kleider teilt. 200 Adjektive in diversen Sprachen hat Wiedemann bereits auf die Unterhemden mit Rundausschnitt gestickt, Läden in Zürich, Basel, Chur und Berlin verkaufen ihre Unikate. Preis: 300 Franken.

Um nun auch das Handwerk hinter der Kunst unter die Leute zu bringen, bestickt Wiedemann bis Ende Woche in der Boutique Ikou Tschüss im Kreis 4 Shirts, auch auf Bestellung. Boutique-Mitinhaberin Guya Marini war von der Idee sofort angetan, weil sie ihrer eigenen Passion entspricht, nämlich Zeit für qualitative hohe Handarbeit aufzuwenden. Statt von Kunstperformance sprechen Wiedemann/Mettler lieber von einer langsamen Show. Dazu trägt Wiedemann einen weissen Übermantel wie ein Uhrmacher, dessen Arbeit ebenso präzis ist, oder wie ein Arzt, der eine Narbe näht.

Auf den ersten Blick mag diese Arbeit so gar nicht zu Wiedemann passen. Die 49-Jährige stellt mit ihrer Präsenz den schmächtigen, ruhigen und stets dunkel gekleideten Mann (50, Architekt!) geradezu in den Schatten. Ihr Blick ist stets wach, die Kleidung elegant, der Mund rot geschminkt. Dazu kommen loses Mundwerk, Tatendrang und überschwängliche Herzlichkeit. Doch zuweilen hat Wiedemann auch etwas Grobes an sich. In der ruhigen und repetitiven Handarbeit findet sie ihren Ausgleich. «Es ist wie Psychotherapie. Das erdet mich.» Und sie erdet sich stundenlang.

In ihrem hauseigenen Atelier nimmt Wiedemann ein Shirt zur Hand, wendet es auf die Innenseite, spannt es in den Stickrahmen ein und markiert das Arbeitsfeld mit grünem Faden. «Noble» soll Stunden später darauf prangen. Für ein Shirt stickt sie gut und gern vier Stunden. «Die Zeit, die ich für die Herstellung von Hand aufwende, soll bewusst in das Kleidungsstück einfliessen.» Ein Kontrapunkt zur Schnelllebigkeit der heutigen Gesellschaft und der Mode soll es sein, ihre Kunst soll bleiben. Wiedemann sass auch schon weit länger an einzelnen Werken. Über Tage reihte sie kleine Bügelperlen aneinander, bis ein Meter grosser Wandbehang entstand. Oder sie umwickelte Karton mit pinker Wolle, bis daraus ein Pompom in der Grösse eines Medizinballs entstand. Heute schmückt er ihr Zuhause. Und im Churer Kunst­museum verwandelte sie über Wochen stickend einen mit Frischhaltefolie bespannten Raum in einen Operationssaal. Beigebracht hat sie sich die Fertigkeiten selbst.

Magersucht als Impuls

Wiedemanns Interesse galt aber auch von jeher der Mode und dem Körper. Selbst litt sie in ihrer Jugend an Magersucht und Ess-Brech-Sucht. Sie überwand die Krankheit, indem sie sich künstlerisch mit Kleidern und der Botschaft, die sie vermitteln, zu befassen begann. Für sie wurden Kleider zu Hüllen, die das, was ihre Träger ausmachen, verdecken. Das passte ihr nicht. Sie kaufte im Brockenhaus ausgediente Haute-Couture-Stücke und nähte in die Achselhöhlen eines Damenkleides Haarbüschel. Wiedemann sagt: «Ich will mit meinen Werken mein Herz und meine Seele so weit öffnen, dass Betrachter einen Blick auf meine Version von Dasein werfen können.»

Mit dem Projekt 1/1 öffnen nun auch die T-Shirt-Träger ihre Seelen. Welcher Einfluss die «Narbe» auf der Brust auf sie selber hat, interessiert das Künstlerduo. S. C. zum Beispiel hat sich «burning» ausgesucht. Obwohl das Adjektiv für sie etwas Tiefgründiges hat, liess sie es sich auf die Brust schreiben. «Ich empfinde mich selbst teilweise als derart empathisch, dass ich das Gefühl habe, ich verbrenne, verliere an eigener Energie», sagt sie. Gleichzeitig gefällt ihr das Bild des Feuers. Lesen konnte das Adjektiv bisher kaum jemand. Sie findet das witzig. Es gibt aber auch Käufer, die das Shirt nicht tragen, sondern es an die Wand gehängt haben, was man mit Kunst ja in der Regel auch macht.

Und die Künstler selbst? Auf Daniel Mettlers Brust steht «perfecto». Wiedemanns Geschenk, eine ironische Anspielung auf gewisse Wesenszüge ihres Partners. Wiedemann trägt «urgent» in die Welt hinaus. «Das Wort passt zu mir und zum Projekt.» Und manchmal auch «grateful». Sie sei dankbar, sagt sie, in dieser Arbeit ihre Erfüllung gefunden zu haben.

www.wiedemannmettler.ch/one

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2015, 19:17 Uhr

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