Laut oder leise – motzen tut gut

Von der befreienden, verbindenden und letztlich belustigenden Wirkung des Monierens und Reklamierens – oder kurz und bündig: Eine Ode ans Meckern.

Unüberhörbare Mauler finden sich auch in der Tierwelt. Foto: Dan Dum Rong

Unüberhörbare Mauler finden sich auch in der Tierwelt. Foto: Dan Dum Rong

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Motzer haben allgemein einen schlechten Ruf, was ihnen aber, bei genauerer Betrachtung, nicht gerecht wird. Und kaum einer kann von sich behaupten, noch nie gemault zu haben. Nicht einmal mehr der Papst, der ja in letzter Zeit auch spricht, wie ihm der Schnabel gewachsen ist.

Auch wenn der Motzer hier in der männlichen Form erscheint, Motzen ist geschlechtsneutral. Und seit die Welt nur noch digital funktioniert, auch global und inkognito en vogue.

Aber nicht alle Motzer fallen auf. Wir unterscheiden grundsätzlich zwei Kategorien: laut schimpfende, und leise Mauler, in sich hinein meckernde Exemplare. Erstere brauchen einen Adressaten oder ein Publikum, ihr Motzen ist ein Weckruf: «So hirnamputiert kann man ja gar nicht sein wie dieser Galööri da vorne!» Sie suchen die Bühne und eine Art von Zustimmung, weil sie noch auf Besserung oder Wirkung hoffen. Die andern haben resigniert, aber noch nicht ganz. Sie motzen aus der Deckung heraus, in einer Art Genuschel, das ihren «Es nützt ja sowieso nichts, wenn ich etwas sage»-Frust zum Ausdruck bringt.

Beide Motzerkategorien verbindet, dass ihre Protagonisten mit dem Lauf der Dinge absolut nicht einverstanden sind. Und es natürlich besser wüssten und könnten, würde man sie ranlassen. Was wiederum ein Grund zum Motzen ist, weil es nur belegt, wie ungerecht die Welt doch ist.

Aber muss man das nicht auch mal laut sagen? Hilft es nicht allen, wenn einer lärmend den Winkelried spielt und sich heldenhaft in die Hellebarden wirft? Spricht der laute dem leisen Motzer nicht oft aus dem Herzen? Sagt Sätze, die der Introvertierte auch gerne mal in die Runde werfen würde, wenn er sich nur getraute? Und oft erspart der laute dem leisen Reklamierer Ärger. Denn gibt es in einer Gruppe einen lauten Meckerer, ist er es, der es für die Leisen richten wird.

So haben Motzer durchaus viele heimliche Freunde. Denn was schweisst mehr zusammen als das kollektive Äussern eines Unmuts? Zu beobachten etwa im Fussballstadion und an jeder Polit-versammlung.

In der Psychotherapie wissen sie schon lange, dass der Frust raus muss, wenn die Seele keinen Schaden nehmen soll. Motzen gehört zum inneren Ausgleich, befreit. Kann ein Mauler sein Motzbedürfnis am Arbeitsplatz befriedigen, kommt er entspannt nach Hause. Kein Kropf im Hals verdirbt den Abend. Bietet die Arbeit kein Terrain zum Reklamieren (Spar- und Stellendruck), nörgelt er abends am Partner herum.

Wie und wann aber empfiehlt es sich, kurz abzumotzen? (So wie das die «Familie Motzer» ab und an in der rechten Spalte dieser Seite tut.) Und was sagen uns Vortragsort und Motzerauftritt über den Menschen dahinter?

Motzer ist nicht gleich Motzer

Beginnen wir mit dem Prinzipmotzer, dem Hauptverantwortlichen für des Motzers schlechte Reputation. Ihm kann man an jedem x-beliebigen Tag begegnen. Sein Markenzeichen: Sein Tag ist immer schlecht – ob er grad am Strand von Mallorca schmort oder im Muotathaler Höllloch hockt –, er ist sich sicher, dass hinter seinem Gemecker eine allgemeingültige Erkenntnis steckt, die dringend öffentlich gemacht werden muss.

Ein harmloserer Geselle ist der Bad-Day-Motzer. Er drückt seine Unzufriedenheit nur aus, wenn er schlecht drauf ist und ihm grad etwas ungelegen kommt. Deshalb wird er auch Gelegenheitsmotzer genannt. Kinostandardmotz: «Muss der da vorne eigentlich die ganze Zeit Popcorn fressen?» Aber wie jeder Motzer ist auch der Bad-Day-Motzer harmlos. Bildlich gesprochen fuchtelt er nur mit der Knarre herum – abdrücken tut er jedoch nie.

Auch der Empörungsmotzer mit Hang zu erzieherischer Weltverbesserung gilt als ungefährlich. Auch wenn er am Open Air in jedem Abfallberg einen Vorboten der Apokalypse ausmacht – «Es wird immer schlimmer!» –, gilt auch hier: Hunde die bellen, beissen nicht.

Eine in unseren Graden weit verbreitete Spezies ist der sogenannte Altersmotzer, auch Aufmerksamkeitsmotzer genannt. Weil niemand mit ihm redet, setzt er das Motzen als Kommunikationsmittel ein.

Dann wäre noch der feige Motzer. Er wartet, bis sich der Grund seiner Unzufriedenheit entfernt hat, und meckert dann los und kommt sich dabei furchtbar mutig vor.

Ein ganz spezieller Motzer ist der Zürcher ÖV-Motzer, auch als Schizomotzer bekannt. Er schreitet wild gestikulierend durchs Tram und hält Vorträge über die gesammelten Übel der Welt. Keiner wagt mehr Blickkontakt. Jeder weiss: «Ihr müsst alle in der Hölle schmoren!»

Und damit sind wir am Ende der kurzen Motzeranthologie. Und wenn Sie bis hierher gelesen haben, ist mindestens eines bewiesen: Motzen hat durchaus Unterhaltungswert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.06.2015, 20:46 Uhr

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