Mehr Woodstock braucht die Stadt

Die hölzernen Langbauten auf dem Freilager-Areal sehen zwar aus wie Baracken. Aber sie setzen wichtige Akzente, gerade an diesem Ort.

Erst belächelt, dann bestaunt: Die Häuser auf dem Freilager-Areal.

Erst belächelt, dann bestaunt: Die Häuser auf dem Freilager-Areal. Bild: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Zu einfach, zu symmetrisch, zu dicht. So das Urteil über die hölzernen Langbauten auf dem ehemaligen Zollfreilager-Areal beim ersten Anblick, als die Wohnhäuser im Herbst 2016 eben erst fertig gebaut waren. Sie erinnerten an Kaninchenställe. Simpel geplant, ökobewusst, Prinzip Baukasten: hölzerne, quadratische Wohnkisten, schön systematisch aufeinandergestapelt. 30 Stück nebeneinander, sechs Reihen hoch. 180 bodentiefe Fenster und Veranden über die ganze Länge gliedern jede Fassade. Und dies dreimal nebeneinander. Da leben Stadtbürger dicht nebeneinander wie eingepfercht. Moderne Architektur in einer Stadt wie Zürich sieht wahrlich anders aus, dachte man.

Doch dann müssen irgendwie magische Kräfte gewirkt haben. Bei jedem Besuch erschienen die Riegel ansprechender. Mehr noch: Das Werk des Berner Architekten Rolf Mühlethaler begann zu faszinieren. Die scheinbar einfachsten Häuser auf dem Areal entwickelten sich zu den prägendsten. Und das hat drei Gründe.

Da wäre erstens der Baustoff. Holzbauten sind in der Stadt eine Rarität. Bis auf einige Zeitzeugen in Kernzonen und vereinzelten modernen Kleinbauten existiert Holz als Baustoff nicht. Da setzen die drei Langhäuser mit 187 Wohnungen in ihrer Dimension einen überraschenden Kontrapunkt. Vorbei sind die Zeiten, da Holz nur für Landwirtschaftsbauten, Lagerhäuser und Umweltbewusste taugte. Gerade in der Stadt kann Holz im Wohnbau seine wahre Wirkung entfalten: Es setzt warme Akzente in der kalten, urbanen Anonymität. Holz atmet, lebt, verwittert. Holz nimmt ein, statt abzuweisen. Von Urbanisierung des Baustoffes Holz war schon die Rede. Das passt.

Bau ohne Schnörkel

Zweitens trägt die klare Formsprache zur Raffinesse des Baus bei. Sie zieht sich bei allen drei Bauten durch. Da wurde nicht an einer Stelle von der Struktur abgewichen, nichts Originelles erfunden, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Aber genau das macht es aus. Mühlethaler schuf, wie im «Hochparterre» treffend beschrieben, «eine kohärente Struktur, die in repetitiver Strenge zu architektonischer Anmut findet». Die Wettbewerbsjury sprach in ihrem Urteil von japanischer Poetik. Und genau diese Klarheit lässt auch dem Holz den nötigen Raum, all seine Qualitäten ausspielen zu können. Drittens sind die Proportionen geschickt gewählt. Die Langhäuser markieren mit ihren 20 Metern Höhe, 18 Metern Breite und Längen zwischen 70 und 100 Metern eine gewisse Präsenz. Sie begrenzen das Areal ohne einen Durchgang. Dennoch wirken die Baukörper leicht, sie trennen den Raum nicht, sondern schaffen zusammen mit den begrünten Innenhöfen eine Einheit.

Die Zürcher brauchen also einen Berner, der ihnen zeigt, wie sich in urbanem Umfeld Wohnraum mit Herz und Seele erstellen lässt. Einer, wo neues Stadtleben entstehen kann. Da entfaltet der Projektname «Woodstock» doppelte Wirkung. Bloss den Kindern will man diesen lieblichen Baustil nicht richtig vermitteln: Die Spielhäuser auf der Wiese sind mit Holz ausgekleidet, aber aussen mit Beton verputzt. Schade: Zürich braucht mehr Woodstock!

GPS-Koordinaten 47.380516, 8.49036

Diese Zürcher Häusergeschichte ist eine von vielen, die im Rahmen der TA-Kolumne «Bauzone» bereits erschienen sind. Alle zwei Wochen kommt eine dazu. Eine vollständige Übersicht mit allen Texten finden Sie hier auf der interaktiven Karte. (Tages-Anzeiger)

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 30.04.2018, 08:44 Uhr

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Ein Riecher für allerbeste Qualität

Wenn es darum geht, ausgezeichneten Kaffee herzustellen, wird bei Nespresso nichts dem Zufall überlassen.

Blogs

Stadtblog Ruhe bewahren in der Stadt

Mamablog Gelassen bleiben – eine Anleitung

Abo

Abo Digital Light - 18 CHF im Monat

Unbeschränkter Zugang auf alle Inhalte und Services (ohne ePaper). Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Die Welt in Bildern

Schall und Rauch: Kiffer versammeln sich vor dem kanadischen Parlamentshaus in Ottawa, um bei der jährlichen sogenannten «4/20»-Demonstration teilzunehmen. Das Land hat den Cannabiskonsum legalisiert. (20. April 2018)
(Bild: Chris Wattie ) Mehr...