Meine hochfliegenden Pläne

Statt die Kinder eine ­Ferienwoche lang mit ­eigenen Ideen zu beschäftigen, treibt die ­Neugierde unsere Autorin in ein grosses Abenteuer. Der Beginn ist trügerisch.

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Eine Woche, ein Buch, drei Kinder. Das ist die Ausgangslage. Ein Graus!, mögen die einen von Ihnen finden. Dauernd Lärm, dauernd Gequengel, dauernd Stress.

Ein Klacks!, mögen die anderen von Ihnen denken.


Ich neige zur zweiten Fraktion, sonst hätte ich mich wohl kaum an ein Ferienprojekt mit Nachwuchs gewagt. Bei allem Optimismus: Ferien bedeuten Ausnahmezustand. Die Kinder haben keine Gleichaltrigen um sich, bloss die Geschwister, das birgt Konfliktpotenzial. Dazu die Erwartung, dass Ferien anders sein sollen als Schule – und auch noch friedlich und schön. Fazit: Sechs Tage nonstop mit einem 8-, einem 6- und einer 1-Jährigen sind eine Herausforderung. Momente, in denen ich meinen Gedanken nachhängen kann, werden rar sein. Trotzdem freue ich mich. Oder um es gefühliger zu formulieren: Der Gedanke daran erfüllt mich, schliesslich möchte ich meinen Kindern jeden Tag ein Stück Welt zeigen und sie glücklich machen. Und vor allem möchte ich mit ihnen etwas erleben, je verrückter, des­to besser. Und wann kann ich das intensiver tun als in den Ferien?


Aber auch das sei gesagt: Es ist so eine Sache mit Ferien und Kindern. Besonders dann, wenn man mehrere hat, berufstätig ist und nicht einfach fünf Wochen Sommerferien machen kann. Da flattert einem, kaum sind die letzten Ferientage vorbei, der Zettel für den Hort in den nächsten Ferien ins Haus. Frist: eine Woche. Aus lauter Unentschlossenheit meldet man die Kinder vom Ferienhort ab, um dann bei der konkreten Ferienplanung drei Wochen später zu merken, dass man doch eine Betreuungslücke hat. Da kommt einem die Broschüre mit den Ferienkurs-Angeboten auf dem Stapel wie gelegen. Die Kinder wählen sorgfältig aus – um bei der Anmeldung zu merken: Die gewünschten Kurse sind alle schon ausgebucht. Zum Glück gibt es für solche Fälle Gross­eltern.


Nun haben wir Zeit zusammen und verwirklichen das Ferienprojekt, die 100 neuen Ideen der Migros «für jedes Sommerwetter» zu testen. Das Buch mit oranger Schrift auf gelbem Grund (Schönwetterideen) oder weisser Schrift auf grauem Grund (Schlechtwetter­ideen) liegt vor uns. Es ist ja nicht so, dass mir selber nicht genügend Ideen einfallen würden. Familienintern werde ich regelmässig für meine Programmitis gerügt.


Vielleicht rührt die Unternehmungslust von meiner Vergangenheit bei den Pfadfindern, wo ich jede Woche eine Samstagnachmittagsbeschäftigung aushecken durfte. Klar, das war anstrengend, aber es war stets auch sehr kreativ. Vielleicht habe ich das Unternehmungs-Gen aber auch im Blut.


Oder ist es gar krankhaft? Manischer Hyperaktivismus? Den gibt es als Symptom einer depressiven Störung. Aber das würde mit Schlaflosigkeit, Früh­erwachen, Reizbarkeit, Selbstüberschätzung und Grössenwahn einhergehen. Darunter, so glaube ich aber, leide ich nicht (aber vielleicht ist schon das Selbstüberschätzung). Oder ich gehöre zu den hyperaktiven Eltern, wie sie der dänische Familientherapeut Jesper Juul nennt. Solche, die ihre Kinder überstimulieren. Bewusst mache ich das aber sicher nicht.


Nadège Zweifel (23) und Simon Keller (25) wissen, wie man ein solches Vorhaben angeht. Die beiden Berner Studenten haben letztes Jahr alle Ideen umgesetzt, als die erste Ausgabe des Migros-Buchs auf den Markt kam. Als Beweis haben sie die 100 Abenteuer mit der Kamera festgehalten. Ich treffe meine «Experten» am Flughafen Kloten, weil sie gerade einen befreundeten Studenten nach dem Austauschsemester abholen. Für mehr haben sie nicht Zeit. Und Zeit hatten sie eigentlich auch letzten Sommer nicht. Zu Beginn hatten sie Prüfungen an der Universität, dann arbeiteten sie den ganzen Sommer lang, selbst die Ferien verbrachten sie nicht gemeinsam. Dagegen ist meine Ausgangslage beinahe luxuriös. Ein Funken Hoffnung für meinen Ehrgeiz. Und dann sagt Nadège Zweifel ziemlich zuerst: «Wichtig ist, dass man sich Zeit nimmt für die einzelnen Ideen und sachte beginnt.»


Tipp beherzigt. Wir beginnen gemächlich: bunte Ballonpost verschicken (Idee Nummer 24), soll Lust auf mehr machen. Als Kind hatte ich das gefühlt an jedem Dorffest gemacht, doch meine Kinder kennen das nicht. Das darf nicht sein. Die Umsetzung scheint auf den ersten Blick keine Hexerei zu sein. Ballone haben wir vorrätig, Schnur und Postkarten ebenfalls. Fehlt nur das Helium. Vielleicht führt Alain Memmishofer Einzeldosen für den Heimgebrauch. «Leider nein», sagt der Inhaber vom Ballon­express in Wiedikon am Telefon. In kleinen Heliumflaschen könne der nötige Druck nicht aufgebaut werden. Wir gehen also in seinem Geschäft vorbei (und ich ärgere mich leise darüber, dass ich bereits bei der ersten Idee anstehe) – und schon hofft der jüngere Sohn, er finde da Ballone, die ihn wie Pippi Langstrumpf mitsamt dem Bett in die Lüfte heben mögen. Doch mehr als eine Postkarte mag es nicht leiden. Und die auch nur dann ausreichend lange, wenn sie so nahe wie möglich am Ballon angebunden wird. Etwas, das geschätzt drei von vier Hochzeitswunsch-Ballonversender falsch machen. Auch im Buch sind die Zeichnungen falsch.


Eine halbe Stunde später verlassen wir – einen Strauss farbiger Ballone reicher, 27 Franken ärmer – überglücklich Memmishofers Laden. Was so ein kleines Gummiding doch auslösen kann! Selbst an Beerdigungen werden sie als Glücksmomente eingesetzt. Loslassen wollen wir unsere Ballonpost auf der Kollerwiese. Das Wetter sei ideal, sagt Memmishofer. Ist es zu heiss oder regnet es, werden die Ballone schwer und sinken bald wieder. Das wollen wir nicht. Wir wollen, dass unsere Ballone zumindest annähernd so weit fliegen wie der Rekordballon: 2321 Kilometer, von Wildon in Österreich bis in die russische Provinz Tschuwaschien (die gibt es tatsächlich, laut Wikipedia liegt sie 600 Kilometer östlich von Moskau und grenzt im Südwesten an Mordwinien). Ein Ballon, das wird schnell klar, wird es nicht bis dorthin schaffen. Der jüngere Sohn lässt eine seiner Luftpostkarten unter dem Baum steigen. Da hängt sie nun. Wer sie findet: Wir freuen uns auf Antwort.


Die anderen Ballone lassen wir auf freier Wiese steigen. «Wow, schau, schon so hoch!» – «Dort ist meiner!», schreien die Jungs. Die Tochter kreischt bei jedem Ballon, der in die Luft steigt. Dann schauen wir unseren Postboten ewig nach, sie werden kleiner und kleiner, und irgendwie fühlen wir uns dabei, als würden wir selbst davonschweben. Dann sagt der jüngere Sohn: «Das ist wie in die Ferien fliegen.» (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2015, 17:15 Uhr

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