«Mich schockiert diese Schockstarre»

Jan «Monchi» Gorkow, der Sänger von Feine Sahne Fischfilet, wundert sich über die hilflose Reaktion auf den Aufstieg der AfD. Er selber singt radikal dagegen an.

Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, lässt sich die Laune nicht vermiesen. Auch und grade nicht von Neonazis.

Monchi, Sänger von Feine Sahne Fischfilet, lässt sich die Laune nicht vermiesen. Auch und grade nicht von Neonazis. Bild: Reto Oeschger

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Jan Gorkow, genannt Monchi, ist Sänger von Feine Sahne Fischfilet. Über ihn haben die Filmemacher Charly Hübner und Sebastian Schulz den Dokumentarfilm «Wildes Herz» gedreht. Er fängt das Lebensgefühl des jungen Mannes zwischen Ostsee und Neonazis ein und dokumentiert den Aufstieg der Band und ihren Kampf gegen rechts in ihrer Heimat Mecklenburg-Vorpommern. Der Punk-Rocker war am Samstag in Zürich – wir haben ihn am Rand der Filmvorführung zu einem Gespräch über den Film, Monchis Heimat und besetzte Häuser in der Schweiz gesprochen.

In der Einstiegsszene des Films «Wildes Herz» stehen Sie alleine im Studio und singen eine Gesangsspur ein. Es wird schnell klar, dass Sie an dem Tag nicht ganz auf der Höhe sind. Wie ist es für Sie, so intime Aufnahmen von sich selbst zu sehen im Film?
Das ist schon absurd. Stellen Sie sich mal vor: Ihre Eltern sprechen in einem Kinofilm über Sie. Das wäre für jeden eine harte Situation. Aber die Szene ist natürlich genial für den Film. Eigentlich ist das auch die Hauptaussage des Films: Einfach machen, und wenn es dann gegen die Wand läuft, einfach weitermachen. So lebe ich. Was ich gelernt habe bei der Musik: Man muss nicht jeden Ton treffen, aber Gefühl muss man haben. Und so sind dann auch solche Szenen zu ertragen.

Hätten Sie den Film auch so gemacht?
Natürlich nicht, nein. Ich hätte den propagandistisch noch ganz anders aufgezogen.

Aber Sie können damit leben?
Ja klar. Es wäre schlimm, wenn nicht. Ein tolles Kompliment von Freunden war: Der Film ist realistisch, im Positiven wie im Negativen. Mir ist klar, dass die Szenen mit meiner Ex-Freundin, mit Freunden, mit meinen Eltern für den Film elementar sind. Das heisst nicht, dass sie das für mich leichter machen. Ich hätte meine Eltern nicht interviewt.

Ein zentrales Thema im Film ist «Heimat».
Ich kann schon verstehen, wenn man es so sieht. Als Mensch, der in Mecklenburg-Vorpommern lebt, finde ich es cool, dass der Film die Gegend nicht als Klischee darstellt. Von wegen: Jetzt zeigt man noch die abgerissenste Ecke und Nazi-Skinheads. Mir geht es ja nicht darum, Mecklenburg-Vorpommern zu überhöhen, sondern auch zu sagen: Es gibt auch Scheisse.

Aber will man die Heimat, die man liebt, nicht auch verteidigen, zum Beispiel gegen die Rechten?
Es geht mir nicht um die Verteidigung im negativen Sinne. Ich lebe sehr gerne in Mecklenburg-Vorpommern, und da will ich es lebenswert haben. Deswegen bin ich aktiv. Wenn Freunde mit Migrationshintergrund sagen, dass sie ungern in die Strassenbahn in Rostock steigen – und Rostock ist wirklich noch ein sehr schönes Pflaster –, dann ist das nicht lebenswert. Da will ich positive Akzente setzen. Wenn ich in Zürich leben würde, würde ich vielleicht etwas ganz anderes machen.

Der Film ist auch ein Mittelfinger: Wer hätte an uns geglaubt?

Gerade in Deutschland hat die Linke ja Schwierigkeiten mit diesem Heimatbegriff. Bei Ihnen ist er nicht negativ besetzt.
Diese Begrifflichkeit ist etwas, woran sich – und ich meine das nicht negativ – Intellektuelle hochziehen. Schlussendlich lebe ich so, wie ich leben will. Ich finde es komisch, wenn Leute nicht sagen können, dass es da, wo sie leben, schön ist. Wir haben das Privileg, uns aussuchen zu können, wo man lebt.

Im Film wird deutlich, dass Ihre Eltern sich viel Sorgen um Sie gemacht haben als Teenager. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Eltern Sie mittlerweile verstehen?
Ja, definitiv. Weil es für sie jetzt sinnvoller erscheint. Mich hat diese Teenager-Zeit sehr geprägt. Bis heute ist es so, dass meine Eltern nicht hinter allem stehen, was ich tue oder sage. Aber sie wissen, dass ich hinter allem stehen kann. Für sie ist das ja auch völlig absurd. Stell dir vor, du hast einen Sohn, der ausser Flötenunterricht nie irgendwas mit Musik zu tun gehabt hat. Und irgendwann steht er bei einem Festival vor 20'000 Leuten auf der Bühne – ich hab meinem Vater das Mikrofon gegeben, und er ist total durchgedreht. Meine Mutter hat eine Petarde gezündet! Dabei sind meine Eltern die normalsten Leute der Welt. Der Film ist auch ein Mittelfinger: Wer hätte an uns geglaubt? Wir schon mal gar nicht.

Feine Sahne Fischfilet (Bild: zvg, Fotograf: Bastian Bochinski)

Wenn ich Sie vor zehn Jahren gefragt hätte, wo Sie in zehn Jahren sind, was hätten Sie gesagt?
Ich weiss es nicht. Das war eine Zeit, da hab ich gerade mein Abi abgebrochen. Als ich jung war, war mein Traumberuf Journalist. Aber mit 20, das war auf jeden Fall eine sehr, sehr heikle Zeit. Da hätte ich gesagt: Ich sehe mich als Allesfahrer von Hansa Rostock, der an 34 Spiele im Jahr und zum Trainingslager fährt. Das mit der Band war ja gar nicht abzusehen. So wie ich es am Ende des Films sage: Es ist damals nicht mal ein Traum gewesen für mich.

Im Februar haben Sie im Komplex gespielt – wie erklären Sie sich Ihre Popularität?
Ich glaube, ein ganz wichtiger Punkt ist, dass man selber geil findet, was man macht. Wir stehen völlig hinter unserem neuen Album. Wir haben auf unserer Tour jedes neue Lied gespielt. Manchmal siehst du andere Bands, die nicht mehr hungrig auf geile Auftritte sind. Und man merkt es einfach. Wir haben einfach richtig Bock auf Konzerte. Und wir geniessen das, was wir haben. Wir wissen, dass es in zwei, drei Jahren auch vorbei sein kann.

Sie sind in Ihren Aussagen recht radikal: «Niemand muss Bulle sein» heisst es in einem Lied. Und doch werden Sie in Deutschland von öffentlich-rechtlichen Sendern eingeladen. Ist Antifaschismus salonfähig geworden? Und wie gehen Sie damit um?
Für uns ist das eine Möglichkeit, viele Leute zu erreichen. Warum die einen einladen, kann ich nicht sagen, aber vielleicht ist es eine Folge des gesellschaftlichen Rechtsrucks. Schlussendlich sagen wir nichts anderes als vor zehn Jahren. Damals hätte uns jeder belächelt und gesagt: Scheisszecken, Nazis gibts doch gar nicht mehr. Jetzt merken sie: Die hatten ja doch recht.

Hat es für diese Erkenntnis die AfD gebraucht?
Mich schockiert dieser Aufstieg der AfD nicht. Das kommt ja nicht aus dem luftleeren Raum. Mich schockiert diese Schockstarre. Da merkt man, dass viele Leute, auch in den Medien, total hilflos sind. Auf einmal werden sie angegriffen – Stichwort Lügenpresse – und sind schockiert. Diese Gewalt gab es auch schon vorher. Aber da waren Leute betroffen, die keine Lobby haben. Ich finde diese Pauschalisierung und diesen Hass auf Medien absurd. Wie sehen Sie das denn?

Ich glaube, die Grenze des Sagbaren ist verrückt worden, gesamtgesellschaftlich und gegenüber Journalisten.
Was die AfD bei uns in Mecklenburg-Vorpommern sagt, das hätte sich Udo Pastörs von der NPD nicht getraut zu sagen. Das war vor sieben, acht Jahren noch ein No-go. Die AfD hat offenbar kein Problem mit Nazis in ihren Reihen. Wenn das so weitergeht, wo stehen wir dann 2028?

Die schweizerische SVP dient ja in mancher Hinsicht als Vorbild für die AfD. Beobachten Sie, was politisch in der Schweiz passiert?
Ehrlich gesagt nein. Wenn ich hier bin, finde ich es sehr interessant, mit Leuten zu sprechen. Hier in der Schweiz ist ja alles so chic und ruhig. Das ist etwas ganz Ekeliges, mehr erste Welt geht gar nicht. Die Schweiz ist für mich ein Rückzugsort für die organisierte Neonazi-Szene. Die WOZ hat zum Beispiel gerade erst über diesen Nazi und NSU-Unterstützer «Primus» berichtet, der hier untergetaucht ist und nicht ausgeliefert wird. Letztes Jahr fand ja auch dieses riesige Nazi-Konzert in der Schweiz statt. Nazis treten hier anders auf, aber nicht unbedingt besser.

Sie engagieren sich auch für Kurdistan. Das kam im Film gar nicht zur Sprache. Warum nicht?
Ich war mir auch sicher, dass das in den Film kommt. Aber die Filmemacher wollten den Fokus auf Mecklenburg-Vorpommern setzen. Das hätte noch eine ganz andere Ebene aufgemacht. Ich war in Suruc an der türkisch-syrischen Grenze, als es dort ein Selbstmordattentat gab. Und sie waren die Ersten, die mit mir danach gesprochen haben. Aber es gab ja 150 Stunden Material – mach daraus mal einen 90-minütigen Film.

Das beeindruckendste besetzte Haus, das ich bis jetzt gesehen habe, ist die Reitschule. Das hat echt Substanz.

Der Film läuft in Demmin, da wo Sie herkommen, nicht – die Stadtverwaltung hat das verhindert. Verzweifelt man da nicht ein bisschen?
Wenn wir uns an solchen Sachen hochziehen würden, würden wir depressiv werden. Irgendwann hat man so eine Schutzschicht zugelegt und versucht solche Sachen positiv umzukehren. Und zu sagen: Wir betteln nicht bei euch, scheiss drauf. Wir werden den Film mit einer geilen Diskussion nach Vorpommern holen. Der Film wurde ja auch in Demmin gezeigt, in einem alternativen Speicher, vor 200 Leuten. Wenn wir ein Privileg als Band haben, dann, dass wir nicht allen Leuten hinterherlaufen müssen. Das ist das Gesündere: sich nicht von diesen Leuten die Lebenslust nehmen zu lassen. Das ist doch eine Provinzposse, eine lustige nette Anekdote, über die man lacht. Weil wir auch so viele tolle Momente mit dem Film hatten – so wie heute: 200 Leute kommen, und das bei dem Wetter. Wie krass ist das denn?

Nach der letzten Show haben Sie auf dem Koch-Areal Ihre Aftershow-Party gefeiert. Unterscheiden sich besetzte Häuser in der Schweiz von denen in Deutschland?
Ja, total. Für mich ist der Grossteil der besetzten Gebäude in Deutschland eher ein Loch. Das sind einfach nicht die Räume, in denen ich abhänge. Ich bin lieber in Kneipen, oder draussen. Oder in so was wie dem Dynamo. Wenn du in die Schweiz kommst und solche Projekte wie die Reitschule kennen lernst und siehst, was Leute da hinkriegen – oder das Koch-Areal, das ist beeindruckend. Ich finde es geil, wenn die Leute ihre Projekte nicht vergammeln lassen. Das beeindruckendste besetzte Haus, das ich bis jetzt gesehen habe, ist die Reitschule. Das hat echt Substanz. Es erreicht viele verschiedene Leute; das ist etwas, was ich wichtig finde – anstatt immer nur in seiner Blase zu hängen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.04.2018, 19:36 Uhr

Trailer «Wildes Herz»

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