Mike Müller, macht ein Schweizer Roadtrip Spass? «Unbedingt!»

«Die Schweiz ist eine Agglomeration», sagt der Schauspieler und Komiker. Eine Testfahrt mit Müller zwischen Kemptthal und Würenlos.

«Die Schweiz ist eine Agglomeration»: Der Schauspieler und Komiker Mike Müller auf der Autobahnraststätte Würenlos. Foto: Urs Jaudas

«Die Schweiz ist eine Agglomeration»: Der Schauspieler und Komiker Mike Müller auf der Autobahnraststätte Würenlos. Foto: Urs Jaudas

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Dieses matte Motorengeräusch. Das freundliche Klicken des Blinkers. Eine vertrauenserweckende Stimme verkündet die Staumeldung. «Und Ihnen noch eine sichere Fahrt.» Ab nächster Woche ist das Bellevue-Team unterwegs. Auf der Grand Tour Switzerland. Einmal die Schweiz umrunden, neun Schreiberinnen und Schreiber, 1643 Kilometer. Das Ziel: die Klischees aufspüren, die es zur Schweiz gibt. Touristen sein im eigenen Land – weitab der eigenen Stadt.

Es stellen sich Fragen: Wie finden wir Geschichten? Was sieht man, wenn man die Strasse verlässt? Welches ist eine gute Reisegeschwindigkeit? Und wie geht es der Schweiz? Aber auch: Wie geht es uns selber mit der Schweiz?

Einer, der Antworten auf einige dieser Fragen gefunden hat, ist Mike Müller. Zusammen mit seinem Bruder Tobi hat er die A1 mehrfach abgefahren. Hat an den Rändern der ältesten Autobahn der Schweiz Geschichten gefunden. Und daraus ein Theaterstück gemacht. Als Schauspieler, der oft unterwegs ist, hat er viel gelernt über die Schweiz. Müller ist ein guter, ein heiterer Gesprächspartner und stimmt gut auf unsere Tour ein. Ein kompetenter Testfahrer. Wir fahren auf der A1 von der Autobahnraststätte Kemptthal zum sogenannten Fressbalken, der Raststätte in Würenlos.

Herr Müller, was gefällt Ihnen am Autofahren?
Der Kokon, in dem man gefangen ist, gibt einem das Gefühl von Geborgenheit und Privatheit. Es hat fast etwas Meditatives. Anderseits, schauen Sie sich einmal um. Wir sind umgeben von Autos, die Privatheit ist ein Witz.

Es ist halb elf an einem Donnerstagmorgen, bei Brüttisellen reiht sich Fahrzeug an Fahrzeug. Das Szenario führt einem vor Augen: Die Schönheit zeigt sich auf einem Roadtrip nicht zwingend von selbst. Man kennt die Schweiz zwar von der Autobahn her, aber man lernt die Schweiz nicht von der Autobahn aus kennen. Müller sagt: «Die Schweiz ist eine Agglomeration.» Für die A1 mit ihren Lager- und Hochhäusern, den Autobahnraststätten, stimmt das, für die Tremola oder das Engadin vielleicht nicht. Das Gespräch dreht sich bald um den Tourismus, der die Schönheit vermarktet, einen Berg, einen Dorfkern. Was aber darum herum geschieht, was vielleicht nicht so glänzt, interessiert niemanden. Wir zeigen auch das.

Wir befinden uns gerade auf einer der hässlichsten Streckenabschnitte der nicht mit Hässlichkeiten geizenden A1. Einverstanden?
Das täuscht. Man muss halt immer mal wieder rausfahren. Auch hier finden Sie wunderbare Orte.


Das Bellevue-Team begibt sich sechs Wochen auf die Grand Tour of Switzerland. Die Aufgabe an uns selber: Tourist sein im eigenen Land. Wir wollen die Schweiz und ihre Klischees kennen lernen und hinterfragen. Neben den Liveberichten lesen Sie Reportagen von Typisch-Schweiz-Orten. Zudem fahren wir Auto mit Alt-Bundesrat Adolf Ogi auf dem Beifahrersitz – oder bei Musikerin Melanie Oesch auf dem Beifahrersitz.


Was gibt es hier zwischen Affoltern und Spreitenbach zu entdecken?
Es gibt hier ein Moor, das zu durchwandern wunderbar ist. Vom Leutschenbach aus alles den Fluss entlang. Generell gibt es abseits der Strecke immer wieder spannende Orte. Oder extravagante Personen. Der Jäger im Toggenburg, der Gemeindeschreiber ... Hier müssen Sie sich übrigens rechts halten.

Wir fahren durch den vollen Gubrist. Mike und Tobi Müller haben im Stück «A1» die negativen Seiten der Mobilität thematisiert – Umweltverschmutzung, Stau, die Zerschneidung der Landschaft. Trotzdem fährt Müller gerne Auto. Wir sind uns einig: Roadtrips haben bei aller Ambivalenz etwas Romantisches. Bestimmt in den USA. Nur: Macht ein Roadtrip auch in der kleinen Schweiz Sinn? «Klar!», sagt Müller. «Unbedingt.» Das Problem heute sei, dass die Leute einem zwar ein koreanisches Restaurant auf dem Sunset Boulevard empfehlen könnten, aber das Mettauer Tal nicht kennen würden. «Ein wunderschöner Ort.»

Was haben Sie auf Ihren Autofahrten über die Schweiz gelernt?
Zum Beispiel, dass die Autobahn auch ein Netz ist, das uns verbindet. Ganz sentimental habe ich zudem gelernt, wie schön die Schweiz ist.

Die Streckenführung ist zwar gerade, doch das Gespräch mäandert. Müller erzählt von seinem Vater, der in armen Verhältnissen aufgewachsen ist. Als er zu Geld kam, habe er in zwei Dinge investiert: In einen «überdimensionierten Chlapf» und in Feuerwerk. Er habe die Schweiz per Auto kennen gelernt, sagt Müller. Solche Gespräche sind spannend. Auch auf unserer Reise möchten wir abschweifen.

Welche Reisegeschwindigkeitempfiehlt sich?
Auf der Autobahn ist es vielleicht 110 Kilometer pro Stunde. Ich hefte mich oft an einen Lastwagen und nehme es gemütlich...Hier auf der Spur bleiben ...

Während einer Autofahrt, insofern man sie nicht alleine bestreitet, spricht man gerne so: «Hier rechts abbiegen» – «Das ist eine Einbahnstrasse» – «Da vorne umkehren.» Phatisches Sprechen nenne man das, sagt der Theatermann Müller. Nichts sagen, aber den Kanal offen halten. Wenn Müller Personen nachahmt, spricht er oft so. Müller macht das oft. Ob als Ueli Giezendanner, Matthias Hüppi oder als Jäger aus dem Toggenburg. Stimmlage und Dialekt wechselt er in Sekundenschnelle. Und setzt damit den heiteren Ton für die nächsten Wochen.

Zur Untermalung eine Playlist, zusammengestellt von Tobi Müller.

1. Stahlberger: Du verwachsch wieder nume i dinere Wohnig

2. Stefan Goldmann: Asphalt Mel

3. Kalabrese feat. Sarah Palin: Kafi Lied

4. Charles Bradley: Love Bug Blues

5. Kelela: LMK

6. Min King: Wie de Rhy

7. Matthew E. White: Rock & RollIs Cold

8. Sophie Hunger: She Makes President

9. Roman Flügel: Wilkie

10. Still Going: Spaghetti Circus

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 14.07.2018, 15:37 Uhr

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