Mit Farbeimern durch Uganda

Nach fast 30 Jahren reist der Zürcher Künstler Samora Bazarrabusa zurück ins Heimatland seiner Mutter. Seine Mission: mit bunten Figuren für sauberes Trinkwasser zu kämpfen. Ein Reisetagebuch.

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Wie Beobachter vermelden, verbreiten sich seit einiger Zeit stilisierte Roboter, sogenannte Oibots, in gewissen Teilen Ostafrikas. Sie winken und zwinkern von Wänden und scheinen durchwegs freundlich gesinnt. Es sind die Schöpfungen des Zürcher Künstlers Samora Bazarrabusa, besser bekannt als Sam Oibel. Gemeinsam mit der Organisation Viva con Agua und vielen weiteren Künstlern und Musikern reiste er Mitte März nach Uganda, um sich für eine verbesserte Trinkwasserversorgung einzusetzen und die Bevölkerung für Hygiene-themen zu sensibilisieren.

Eine ganz besondere Reise für den 37-Jährigen, der vor seiner Karriere als Maler unter dem Namen Samurai als Mundartrapper aktiv war: Seine Mutter stammt aus Uganda, dem Staat in Ost­afrika. Für uns hat er seinen ersten Besuch seit 27 Jahren in Tagebuchform dokumentiert.

Samstag, 12. 3. 2016
Nach 15 Stunden Reise und Zwischenstopp in Brüssel bin ich endlich in Kampala, der Hauptstadt von Uganda. Zuletzt war ich im Alter von zehn Jahren hier. Ich könnte weinen. Ich werde von einem jungen Fotografen abgeholt, den alle nur Papa nennen. Als ich ihm erzähle, wie mir zumute ist, nimmt er mich in den Arm.

Sonntag, 13. 3. 2016
Aufwachen in Uganda. Ein seltsames Gefühl. Ich muss Geld wechseln, Wasser und Deo kaufen, ein lokales Bier trinken. Zurück im Hotel komme ich mit dem Réceptionisten ins Gespräch. Als ich später die Dachterrasse inspiziere, sticht mir eine Wand ins Auge. Wieder unten frage ich vorsichtig, ob ich sie bemalen könne. Er sagt begeistert zu. Ein erstes Projekt.

Montag, 14. 3. 2016
Als Erstes brauche ich eine SIM-Karte. Sobald ich die habe, kann ich Auntie Carol anrufen. Es ist schon fast 30 Jahre her, seit ich sie das letzte Mal gesehen habe. Meine Mutter und sie sind nicht gerade die besten Freunde. Wir verab­reden uns schliesslich zum Essen. Bei einer Strassenküche hinter dem National Theater servieren ein paar Frauen aus grossen Alutöpfen feinstes ugandisches Essen.

Wir verquatschen den ganzen Nachmittag im Park des Theaters. Neben uns in einer kleinen Hütte sitzen sicher zwanzig Jungs an Laptops. Das Ganze wirkt wie eine Ansammlung von Netzwerk-Gamern. Schliesslich erfahren wir, dass hier sämtliche ugandische Spielfilme und TV-Soaps entstehen. Irgend­jemand ruft mir «En Guete!» zu. Die Welt ist klein.

Donnerstag, 17. 3. 2016
Nach ein paar Tagen voller Meetings und Organisatorischem kommen wir endlich dazu, uns der Wand zu widmen. Um neun sind wir auf dem Dach. Es ist der perfekte Morgen, etwas windig, bewölkt und deshalb nicht zu heiss. Die Leute vom Hotel sind aufgeregt, bringen uns Kaffee und freuen sich auf das End­resultat.

Mittags holen wir uns auf dem Markt eine Rolex, Kostenpunkt 1500 Schilling, das sind 50 Rappen. «Rolex» steht für «rolled eggs». Dabei handelt es sich um ein in eine Japati (Fladenbrot) eingerolltes Omelett. Mittlerweile haben sich die Wolken verzogen, die Äquatorsonne knallt: Zwangspause. Die Köchin des Hotels überrascht uns mit Njera, einem Gericht aus zartem Ziegenfleisch. Danach frisch gerösteter äthiopischer Kaffee: #winning. Nach zehn Stunden auf dem Dach sind wir fertig mit dem Bild. Aber auch mit der Welt. Wir setzen uns vors Hotel und warten auf weitere Teile der Viva-con-Agua-Delegation. Sie treffen schliesslich mit gut drei Stunden Verspätung ein.

Freitag, 18. 3. 2016
Insgesamt nehmen 36 Leute – Musiker, Tänzer, Künstler, Filmer, Fotografen, Sportler, Schauspieler und Aktivisten – aus Uganda, Kenia, der Schweiz und Deutschland an dem Projekt teil. Die meisten sehen sich heute zum ersten Mal. Wir sind sieben Künstler: Jobray, Mos Opten, Ronald «Ro» Kerango und Destreet aus Uganda, Bobbie Serrano und Björn Holzweg aus Hamburg und meine Wenigkeit aus Zürich.

Samstag, 19. 3. 2016
Der erste Workshop. Das Ziel: Kinder mit Kunst, Rap, Breakdance und Fussball für das Thema Wash zu sensibilisieren. Wash steht für «Water, Sanitation and Hygiene». Die Wand ist schrecklich, richtig grober Putz. Aber sie grenzt direkt an das Fussballfeld. Nach gut zwei Stunden ist das Gemälde fertig, und die Kinder sind von Kopf bis Fuss eingefärbt. Am Nachmittag wird eine Freestyle Session gestartet. Irgendwie landet das Mikrofon in meiner Hand. Zum Glück versteht hier niemand Schweizerdeutsch.

Sonntag, 20. 3. 2016
15 Stunden im Kleinbus durchs Land. Ziel ist Moroto, die Hauptstadt der Provinz Karamoja im Norden des Landes. Die Strasse ist über weite Strecken nicht geteert, die Landschaft wunderschön. Nach fünf Stunden Schüttelbecher halten wir im kleinen Dorf Namalu, um das dortige Projekt der Welthungerhilfe zu besuchen. Als wir in Moroto ankommen, ist es stockfinster.

Montag, 21. 3. 2016
Die Landschaft rund um das Hotel ist atemberaubend. Es steht am Fuss des Mount Moroto, wir sind auf 1000 Meter über Meer. In einem Museum erfahren wir, dass diese Region die Wiege der Menschheit ist. Hier wurde ein 20 Millionen Jahre altes Skelett gefunden. Nächster Halt ist eine kleine Siedlung am Rand von Moroto. Wir halten mitten in einer Wiese voller Fäkalien. Das grösste Problem hier: keine Latrinen und beschränkter Zugang zu sauberem Trinkwasser. Der Grund: Armut, niederschmetternde Armut.

Dienstag, 22. 3. 2016
Heute ist Weltwassertag. Geplant sind Konzerte und Workshops an einer Schule hier in Moroto. Am Vorabend haben Bobbie, Björn und ich Figuren zum Thema Wash entwickelt. Meine heisst Mr. Soap. Jetzt wollen wir sie hier auf einer Wand verewigen. Die Kinder schauen zu und lachen über meinen verschwitzten Kopf. Gegenüber der Schule finden ab dem späten Nachmittag Konzerte statt. Ich bin in Feierlaune. Keine Ahnung, wie ich ins Bett finde.

Mittwoch, 23. 3. 2016
Die letzten Tage waren hart. Ich musste mir mehrmals die Tränen verkneifen. Die Chancen sind einfach nicht fair verteilt auf dieser Welt. Manche sagen: «Tja, ist halt so!» – Ich kann das nicht. Auf dem Rückweg nach Kampala werde ich durch den laut fluchenden Fahrer aus dem Schlaf gerissen: Eine Horde Affen überquert gerade die Strasse.

Samstag, 26. 3. 2016
Heute findet auf den Kamwokya Football Grounds das «We Love Youganda Pt. 2»-Festival statt. Vor uns liegt eine weitere Wand. Und es ist heiss heute. So heiss, dass man denkt, direkt neben einem lodere ein offenes Feuer. Wir malen unsere typischen Figuren: Bobbie seine Vögel, ich meine Oibots. Nach ein paar Stunden werden wir abgelöst. Im Hotel erreicht mich die Nachricht, dass der Flughafen Brüssel geschlossen sei. Die Airline verspricht, sich wegen meines Rückflugs zu melden. Gegen sechs sind wir zurück am Festival. Knackeboul steht auf der Bühne und holt auch dieses Publikum ab. Im sogenannten Backstage angekommen, fühle ich mich sehr ausgestellt. Wenn auf der Bühne nix läuft, starren alle auf uns. Eigentlich sollte ich mir das ja aus der Schweiz gewöhnt sein. Aber das hier ist noch einmal etwas anderes. Zu sehen, wie die Kinder aus dem Slum die leeren Tellerstapel verzweifelt nach etwas Essbarem durchstöbern, macht mich wütend.

Sonntag, 27. 3. 2016
Noch immer keine Nachricht von der Airline. Am Telefon bestätigen sie mir schliesslich die Umbuchung meines Fluges. Neu über Amsterdam. Am Nachmittag fahren wir zum One Love Beach am Lake Victoria. Ein kleines Paradies.

Montag, 28. 3. 2016
Aufstehen, frühstücken, packen. Danach fahren wir an die Buganda Road zum Shoppen. Zurück beim Hotel schaut meine Tante vorbei, um sich zu verabschieden. Ich werde langsam sentimental. Beim Abschied von den Jungs aus Uganda kann ich die Tränen nicht mehr zurückhalten. Schnell ins Taxi. Doch für mich ist klar: Ich muss so bald wie möglich wieder herkommen.

Erstellt: 19.04.2016, 17:30 Uhr

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