Nachtvogel aus Zimbabwe

Der DJ macht die Musik, Tozim Madzima heizt die Stimmung an. Seine Show ist ebenso simpel wie wirkungsvoll: Als Zimbabwe Bird findet er die richtigen Worte zur richtigen Zeit.

Tozim Madzima weiss, wie man Stimmung macht. Foto: Sabina Bobst

Tozim Madzima weiss, wie man Stimmung macht. Foto: Sabina Bobst

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Mit Farben im Gesicht – Hellblau, Rot, Gelb, je nach Stimmung – wird aus Tozim Madzima Zimbabwe Bird. Als eine Art rappender Paradiesvogel tritt er dergestalt im Zürcher Nachtleben in Erscheinung. Ausgerüstet nur mit einem Mikrofon, befeuert er den DJ unterstützend die Menge: «This is your night!» oder «Feel the music!» Das mag simpel klingen, doch wer Madzima schon dabei erlebt hat, weiss, wie effektvoll diese Einlagen sind, wie gekonnt er die Stimmung eines Liedes aufnehmen und verstärken kann.

Die Deutschschweizer bräuchten manchmal eine Art Genehmigung zum Feiern, sagt Madzima. Und er weiss, wovon er spricht. 1994 schon ist er als Austauschschüler in die Schweiz gekommen. Gegen 2000 Mitbewerber hatte er sich durchgesetzt. Weil seine Familie das Geld für den Flug nicht aufbringen konnte, sammelte die Kirchgemeinde Spenden in dem Viertel in der Hauptstadt Harare, in dem der damals 16-Jährige wohnte.

Dialekt mit Berner Färbung

Der Schüler lebte bei einer Gastfamilie in Effretikon und besuchte die Kantonsschule Wetzikon. «Ich nahm meine Aufgabe als Austauschschüler ernst und lehrte die Mitschüler Lieder aus meiner Heimat», sagt Madzima. Er selbst lernte rasch Deutsch. Mit CDs von Patent Ochsner und Züri West half er sich über die Runden, weshalb sein Dialekt heute noch eine Berner Färbung hat.

Bald erkannte der Gymischüler, dass sich ihm in der Schweiz jene Perspektiven eröffnen, die ihm in seiner Heimat Zimbabwe verwehrt bleiben würden. Als Künstler sei man in Zimbabwe nicht angesehen und verdiene kein Geld, sagt er, der sich früh schon für Musik und Malerei begeisterte. Nach einem Zwischenstopp in der Heimat und zahlreichen bürokratischen Hürden in der Schweiz flog er 1997 wieder nach Zürich, diesmal für immer. An der ZHDK studierte er Design mit Schwerpunkt Innenarchitektur. Gleichzeitig bewegte sich Madzima in der Zürcher Musikszene, wo er Stück für Stück zu seiner Rolle als Zimbabwe Bird fand. In St. Gallen arbeitete er derweil als Innenarchitekt.

Auch wenn Madzima rasch seinen Platz in der hiesigen Gesellschaft gefunden hat, zwei Verhaltensregeln prägen noch immer seinen Alltag: 1. Stets selber auf die Schweizer zugehen und nicht warten, bis jemand auf ihn zukommt. 2. Niemals den Sinn für Humor verlieren. Madzimas Vorgehen, falls er wegen seiner Hautfarbe schwierige Situationen erlebt: Normalität vortäuschen. «Es kommt darauf an, wie du gehst.» Wenn ihn die Polizei im Visier habe, gehe er auf die Beamten zu. Madzimas Markenzeichen, die Farbe in seinem Gesicht – er trägt sie bisweilen auch bei der Arbeit –, steht für diese sanft offensive Haltung: Du fällst sowieso auf, warum diesen Eindruck nicht farblich herausstreichen? Seine Strategie geht auf. Er sagt: «Die Schweiz und insbesondere Zürich waren sehr gut zu mir!»

Künstleratelier in Harare

Das, was er sich hier erarbeitet hat, möchte er auch jenem Land zugutekommen lassen, dem er vor fast 20 Jahren den Rücken gekehrt hat. In der Nähe von Harare hat Madzima ein Künstleratelier eröffnet, wo Kreative sich zurückziehen und den Kontakt zu lokalen Künstlern pflegen können. Madzimas Plan, wenn das noch junge Projekt richtig anläuft: drei Monate im Jahr in Zimbabwe verbringen, den Rest in der Schweiz. Ganz zurück möchte er nicht. «Der Erwachsenenalltag in Zimbabwe ist sehr unterschiedlich zu dem hier», sagt Madzima, der mittlerweile die Hälfte seines Lebens in der Schweiz verbracht hat.

Diesen Freitag wird Zimbabwe Bird wieder auftreten, wenn die Partyreihe Tropical Continent im Zürcher Lokal Stall 6 ihr zweijähriges Bestehen feiert. Madzima ist als Rapper Teil des DJ-Kollektivs und wird für die Stimmung verantwortlich zeichnen. «This is your Night», wird er den Gästen zurufen – das ist eure Nacht! Und euer Leben, macht etwas draus, ihr habt mehr Möglichkeiten als die meisten, möchte man ergänzen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.03.2015, 19:21 Uhr

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