Pilzler im Prüfungsfieber

Dem Pilzkontrolleur vertraut man blind, schliesslich ist er Experte. Nur, wie wird er dazu? Beobachtungen bei der Ausbildung von angehenden Kontrolleuren in Landquart.

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Beschwingt betritt Kursleiter This Schenkel den Übungsraum. In seiner Hand hält er eine Überraschung bereit. Einen unscheinbaren Pilz mit rissigen Rändern, den er in Alu verpackt hat. Leicht knolliger Stiel, spermatischer Geruch, schmutzig braune Lamellen? Für (fast) alle der Pilzkontrolleuranwärter ist klar: Sie haben es mit der Inocybe ­fibrosa, dem Weissen Risspilz, zu tun – ­wegen des Muscarins ist er giftig.

«Diesen Pilz müsst ihr mit absoluter Sicherheit bestimmen können», mahnt Schenkel und blickt eindringlich in die Runde. Dennoch ist der Ton im Kurs freundschaftlich, man duzt sich, Schenkels Tarif aber ist klar: «Wer Inocybe ­fibrosa in der Prüfung nicht erkennt, kann die Koffer packen.»

Pilze wie diesen nennt Schenkel ­deshalb «Türfallen»-Pilz. Und einem der Kandidaten ist heuer ein solcher bei der ersten der fünf happigen Prüfungen zum Verhängnis geworden. Es galt, 6 der 22 verbreitetsten Giftpilze einwandfrei zu bestimmen. Zum Beispiel den Knollenblätterpilz, der hier zu 95 Prozent für die tödlichen Vergiftungen verantwortlich ist. «Diesen nicht auf Anhieb zu erkennen, liegt nicht drin. Bei Giftpilzen gilt Nulltoleranz», sagt Schenkel, der hauptberuflich als Wildhüter bei der Stadt Zürich arbeitet. Sich dabei um ­Vögel kümmert, unter anderem um die Tausenden von Tauben. Hier im Plantahof in Landquart bildet er angehende Pilzkontrolleure aus.

Panik in der Nacht

21 Anwärter aus allen Deutschschweizer Kantonen sind ins Bündnerland gereist. Die meisten von ihnen haben bereits den Anfängerkurs besucht. Nun wollen sie sich in dieser Septemberwoche das Diplom der Vapko, der Schweizerischen Vereinigung amtlicher Pilzkontroll­organe, erwerben. Geprüft werden ihre Kenntnisse in Mykologie, Toxikologie, Ökologie und in den Lebensmittel­gesetzen. Rund 300 Pilze müssen sie aus dem Effeff kennen. Wer durchfällt, hat nächstes Jahr eine zweite Chance.

Die Kandidaten sind ein buntes Völklein; vom Bauarbeiter bis zum Arzt – viele Berufsgattungen sind vertreten. Gemeinsam ist ihnen die Faszination für die wundersamen Waldgewächse. Thomas Muhl zum Beispiel war früher Linienpilot bei der Swissair. Heute arbeitet er als Fluglotse bei Skyguide. Sein ­Berufsalltag ist von Technik geprägt. Das langsame Durch-den-Wald-Schreiten erde ihn, hole ihn von der anstrengenden Bildschirmarbeit auf den Boden zurück, erzählt er. «Pilzen – das ist wie Meditation.» Rund 100 Stunden hat Thomas Muhl mit Lern-Apps auf dem Smartphone für die Prüfung gebüffelt. Tauglich seien die Apps aber nur bedingt. Der Perlpilz und der Pantherpilz etwa liessen sich nur schlecht unterscheiden, weil beide sehr ähnlich aussähen, sagt er.

Über 400 Pilzkontrolleure betreuen mehr als 300 Pilzkontrollstellen in der Schweiz. Manche Gemeinden schicken ihre guten Pilzkenner für die Prüfung nach Landquart. Denn häufig braucht es mehrere Kontrolleure, vor allem an den Wochenenden.

Die Belastung sei vor allem zu Beginn der Tätigkeit als Pilzkontrolleur gross, sagt Kursleiter Schenkel, weshalb frischgebackene Kontrolleure meistens von einem erfahrenen Kollegen gecoacht würden. «Es kann am Anfang der Tätigkeit vorkommen, dass einer aus dem Schlaf aufschreckt, weil er einen Pilz freigegeben hat, der ihm mitten in der Nacht plötzlich verdächtig erscheint.» Mit grosser Wahrscheinlichkeit ist es dann ein Fehlalarm, denn aus den letzten Jahrzehnten sei ihm kein Fall einer Fehl­diagnose bekannt, sagt Schenkel, der selber als Kontrolleur in Schlieren arbeitet.

70 Einzelpilze in 25 Minuten identifizieren

Er wirbelt durch die weitläufige ­Anlage des Plantahofs. Im kühlen Pilzkeller, wo Hunderte von Pilzarten bereitliegen, wählt er zusammen mit der Instruktorin Käthi Weber aus Uster Prüfungspilze aus. Höhepunkt der Woche sind die beiden letzten Prüfungen. Sie sind unmittelbar hintereinander zu absolvieren sind und gelten als «Königsdisziplin». «Vor diesen letzten Prüfungen haben die Kandidaten den grössten Bammel», sagt Schenkel. Zuerst müssen sie den Inhalt eines Pilzkorbs innert zehn Minuten bestimmen; darauf haben sie 70 Einzelpilze in gerade mal 25 Minuten zu identifizieren – nach Gattung, Art, und Speiswert: Speisepilz, kein Speisepilz, giftig. Und auch hier gilt: Wer einen Pilze falsch taxiert, fliegt. «Das ist schon heftig», sagt Schenkel. Aber, wie gesagt: Es gelte Nulltoleranz, weil «die Öffentlichkeit auf das sichere Urteil des Kontrolleurs vertraut».

Der Zeitdruck der Prüfung spiegle ­dabei die reelle Situation auf der Kontrollstelle, wo an guten Pilztagen die Leute Schlange stünden; da bleibe keine Zeit, die Lupe hervorzunehmen und in die Details zu gehen. Daneben bräuchten Kontrolleure Durchsetzungsvermögen und Sozialkompetenz. «Sie müssen mit Leuten umgehen können, auch mit Besserwissern.» 50 Prozent der Arbeit seien Beratung und Aufklärung, so Schenkel weiter. «Wir müssen die Leute erziehen, dass sie die Pilze bereits im Wald säubern, im Korb sortieren und den ­ganzen Pilz samt Stiel bringen.»

Nach 10 Stunden wärs zu spät

Mit all dem verrichten die Kontrolleure einen wichtigen Dienst für die Allgemeinheit. Jedes Jahr fischen sie tödliche Knollenblätterpilze aus dem Sammelgut der Hobbypilzler. Sie vermeiden so grosses Unheil und horrende Kosten. Denn wer den gefürchteten Pilz verzehrt – dieses Jahr in Winterthur wieder geschehen, aber rechtzeitig bemerkt –, spürt lange nichts. Treten die Symptome nach 10 bis 12 Stunden aber ein, ist es oft zu spät und die Schäden an den Organen, vor allem der Leber, irreparabel.

Trotzdem gab es in den letzten Jahren in einzelnen Kantonen Bestrebungen, die Kontrollstellen abzuschaffen. «Die zwei-, dreitausend Steuerfranken Lokalmiete sind gut angelegtes Geld», sagt Schenkel und fügt an: «Kontrolleure arbeiten für ein besseres Trinkgeld.» Dieses verdienen im Übrigen zwar nach wie vor mehr Männer, aber die Frauen holen auf; sie stellten dieses Jahr in Land­quart mehr als ein Drittel der 21 Prüflinge. Parallel zu den Pilzkon­trolleuranwärtern besuchten weitere 60 bereits ausgebildete Kontrolleure einen Pilz-«WK», einen Auffrischungskurs. Angeleitet werden sie von fünf Instruktorinnen und Instruktoren. Ein Teil der Pilzkontrolleure lässt sich dabei als Notfallexperten am Mikroskop weiterbilden, um später Ärzte und Spitäler zusammen mit dem Tox-Zentrum bei Vergiftungsfällen zu beraten.

18 der 21 Anwärter haben die Prüfungen im Übrigen bestanden – auch Fluglotse Muhl. Als amtl. dipl. Pilzkontrolleur freut er sich nun, sein Wissen in Thayngen den Pilzsammlern zur Verfügung zu stellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.10.2014, 19:22 Uhr

Einstufung

Früher essbar, heute giftig

Die Einschätzungen zur Geniessbarkeit von Pilzen können mit der Zeit varieren: Galt der Glimmerschüppling früher als beliebter Speisepilz, weiss man heute, dass er für den Menschen giftig ist. Ähnliches gilt für den Grünling. In Frankreich lange Zeit geschätzt, wurde er vor zehn Jahren auf die Giftpilzliste gesetzt. Der Grünling hat eine lange Latenzzeit und greift die Muskeln an. Die wärmeren Temperaturen verändern zudem Flora und Fauna. So fand ein Teilnehmer des parallelen Kontrolleur-Kurses in der Romandie dieses Jahr zwei Kilo Duftrichterlinge; der Pilz wurde hierzulande 2013 erstmals im Wallis gefunden. Er gehört zu den Giftpilzen. (sha)

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