Rätsel gelöst: Das war die Uhr des «Pédaleur de Charme»

Nach langer Suche hat Daniel Eberli das Modell von Hugo Koblets Uhr ausfindig gemacht – dank Internet, eines Mikroskops und zweier Grandseigneurs der offenen Rennbahn.

Daniel Eberli, Christian Sprecher und Urs Schnyder (v. l.) haben das Rätsel um den Chronografen des «Pédaleur de charme» Hugo Koblet gelöst. Fotos: Urs Jaudas

Daniel Eberli, Christian Sprecher und Urs Schnyder (v. l.) haben das Rätsel um den Chronografen des «Pédaleur de charme» Hugo Koblet gelöst. Fotos: Urs Jaudas

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Ein Inserat im Magazin «Radsport» liefert den entscheidenden Hinweis: ein einziges Mal geschaltet im Dezember 1951 mit dem Ziel, das Weihnachts­geschäft anzukurbeln. Hugo Koblet, der Zürcher «Pédaleur de charme», trug eine Praesent am Handgelenk, produziert für Uhrmacher Meyer an der Bahnhofstrasse 83.

Woher auch sonst sollte Koblet seine Uhr haben: Das Geschäft befand sich da, wo die Schützengasse die Bahnhofstrasse quert und heute ein deutscher Discounter günstige Brillen verkauft. Der Fleck war zu Beginn der Fünfzigerjahre das Epizentrum des internationalen Radsports. Auf der einen Seite der Bahnhofstrasse das Café Rio, auf der anderen das Restaurant Schützen. Im alkoholfreien Rio verkehrten die Anhänger von «Ferdy national» Kübler, im Schützen die Fans von Koblet. Kübler, der Gümmeler, der sich alles erkrampfen musste, inspirierte die Schweizer Büezer, und Koblet, das Ausnahmetalent, das kaum trainierte, inspirierte alle, die sich in der Bünzli-Schweiz eher eingeengt fühlten.

Hugo Koblet, damals 24, Sohn eines Konditors aus dem Kreis 4, fuhr 1950 aus dem Nichts auf den ersten Platz am Giro d’Italia und versetzte die Schweiz in ein Jahrzehnt der Velo-Euphorie. Der Schönling trug stets einen Kamm im Trikot, mit dem er sich für das Siegerfoto in Form brachte. Exemplarisch die Szene bei der Tour de France 1951, als er im französischen Agen im Ziel gewaschen, gekämmt und von den ersten Ehrendamen geküsst auf seine Gegner wartete, die um den zweiten Platz kämpften.

Den Kamm im Wolltrikot

«Er war der James Dean der Schweiz», sagt Daniel Eberli. Die Koblet-Euphorie hat ihn beim Restaurieren eines alten Rennrads gepackt. Auf Ricardo hatte er es für 400 Franken ersteigert und für ein paar weitere Hundert Franken an langen, dunklen Winterabenden mit originalen Ersatzteilen restauriert.

Den entscheidenden Hinweis lieferte ein Inserat aus dem Jahr 1951.

Eberlis Euphorie hörte beim Rad – Jahrgang 1945, 5-Gang-Schaltung Simplex, Stahlrahmen, 12 Kilogramm, schlechte Bremsen – nicht auf: Inzwischen hat er auch das passende Wolltrikot und eine originalgetreue Wollhose – beides kratzt und saugt sich sofort voll mit Schweiss. Fünfmal schon ist er darin die Eroica gefahren, das Rennen mit historischen Rädern über die weissen Schotterstrassen im Chiantital. Auch ein Kamm steckt bei Eberli stets im Trikot. Nur etwas fehlte ihm noch zur Perfektion: die Uhr, mit der Koblet jeweils den Abstand zum Zweitplatzierten mass, sobald er die Ziellinie überfahren hatte.

Im Film trägt er die falsche Uhr

Es ist ein kleiner, feiner Schweizer Chronograf mit zwei Totalisatoren, den kleinen Ziffernblättern, auf denen sich die verstrichenen Minuten und Sekunden der Stoppuhr ablesen lassen. Ab­gebildet ist die Uhr auf unzähligen historischen Schwarzweissbildern. Doch selbst Alois Iten, Rahmenbauer der Rennbahn Oerlikon und Organisator der Zürcher Uhrenbörse (wenn einer so was weiss, dann er!), konnte Eberli nicht weiterhelfen. Die Uhr sei verschwunden und niemand kenne mehr den Hersteller, sagte Iten. Schon Regisseur Daniel von Aarburg hatte bei der Vorbereitung zum 2010 erschienenen Film «Hugo Koblet: Pédaleur de charme» vergebens bei Iten angeklopft.

Eberli, feine Brille, buschige Augenbrauen, dichtes schwarzes Haar mit weissen Strähnen, hat den zierlichen, aber kraftvollen Körper eines Gümmelers und den Durchhaltewillen eines Langstreckenläufers. Ab sofort hatte Eberli eine neue Passion, neben seinem Job als Leitendem Urologen am Unispital Zürich, dem Radfahren und dem Lauftraining, das er seit Jahren betreibt – unter anderem für den Baikal-Marathon, 42 Kilometer übers Eis: Er will das Rätsel um Koblets Uhr lösen.

Bei Vivi-Kola in Eglisau

Die erste Recherche führt Eberli vor seinen Computer. Stunden verbringt er auf der Bildersuche von Google. Doch bald wird ihm klar, dass nur ein Originalbild weiterhelfen kann. Ein Werbeposter für Vivi-Kola, auf dem die Uhr gut sichtbar abgebildet ist, bringt ihn nach Eglisau, wo er hofft, eine bessere Aufnahme zu finden. Das Buch über die Geschichte des in den Fünfzigerjahren berühmten Süssgetränkes, das Eberli und sein 10-jähriger Sohn Samuel auf dem Tresen der Vivi-Kola-Bar der Mineralwasserquellen Eglisau vorfinden, enthält aber nur eine Abbildung in schlechter Auflösung. Die beiden fahren ohne neue Erkenntnisse, dafür mit einem Kofferraum voller Kola nach Hause zurück.

Weiter geht es bei der Museumsgesellschaft und in der Zentralbibliothek. Eberli stösst auf eine Titelseite der «Schweizer Illustrierten», eines der ersten Farbbilder von Koblet. Es war demnach eine goldene Uhr mit einem braunen Lederband. Doch das Zifferblatt ist wenig kontrastreich, es lassen sich nicht mehr Details erkennen als bisher. Eberli wendet sich an Fahrradenthusiasten und Sportjournalisten. Dank Peter Schnyder, Verleger und Herausgeber verschiedener Bücher über die Geschichte des Schweizer Radsports, lernt Eberli Peter Koblet kennen, den Göttibuben von Hugo Koblet. Er ist inzwischen pensioniert und hat Eberli viele schöne Geschichten zu erzählen. Vom Chronografen weiss er nichts mehr.

Auch wenn die vielen Menschen, mit denen Eberli spricht, erst erstaunt sind, für welch unbedeutendes Detail er sich interessiert: Die meisten lassen sich anstecken. Auch seine älteren Patienten können sich gut an Koblet erinnern. Sie erzählen ihm, wie sie die Schule geschwänzt haben, um bei der Tour de Suisse am Strassenrand zu stehen.

Ein Brief an Koblets Frau

Dann ein erster Durchbruch: Christian Sprecher ist sich sicher, dass es sich bei Koblets Uhr um eine Leónidas handelt. Eberli hat den Uhrenfan über Radsportfreunde kennen gelernt, die sich für historische Rennen in der Schweiz interessieren. Leónidas, eine 1841 gegründete Manufaktur im Jura, war zur fraglichen Zeit für ihre guten Chronografen bekannt, wurde später von (Tag-)Heuer geschluckt. Und tatsächlich, die Uhr hat das richtige Ziffernblatt. Doch ein Treffen mit Urs Pfister, der an der Rämistrasse 2 gleich beim Bellevue ein Geschäft für historische Armbanduhren führt, weckt Zweifel. Die Zeiger von Koblets Uhr sehen auf den unscharfen Bildern doch ganz anders aus als jene der Leónidas, sie sind stärker zugespitzt.

Eberli denkt nicht ans Aufgeben, im Gegenteil: Er entscheidet sich, Schauspielerin Waltraut Haas anzufragen. Sie war die bekannteste Freundin von Kob­let. Auch Sonja Buehl, Koblets geschiedener Frau, schreibt Eberli einen Brief. Er zeigt seine Fotos Koblets Rivalen Ferdy Kübler und schickt Abzüge an viele weitere seiner Rennfahrerkollegen. Doch weder Kübler noch Koblets Teamkollege Gottfried Weilenmann, Tour-de-Suisse-Sieger von 1949, noch Waltraut Haas können ihm verwertbare Informationen liefern. Die Antwort von Haas fällt freundlich aus, aber sachlich: Ihr Manager lässt ausrichten, dass sie sich nicht erinnern könne.

Eberli organisiert per Ebay und in Sportantiquariaten Bilder und Zeitschriften aus den Fünfzigerjahren. Bald ist er im Besitz vieler schöner Fotos und eines italienischen Bildbandes zum Giro d’Italia von 1950. Doch die Uhr ist auch dort überall nur unscharf zu sehen. Ob irgendwo nach 65 Jahren noch ein Ne­gativ zum Vergrössern vorhanden ist? Eberli wendet sich an die Bildagentur Keystone. Sechs Bilder gibt es dort, bei denen die Uhr in etwas besserer Qualität zu sehen ist. Ein besonders hilfsbereiter Mitarbeiter erinnert sich, dass er zum 50-jährigen Bestehen der Tour de Romandie einige historische Bilder aus dem Archiv hat digitalisieren lassen. Darunter ist auch ein Bild von Koblet, wie er nach einem Sieg eine Frau küsst. Die Uhr ist frontal und scharf abgebildet.

Das Foto lässt neue Details des Ziffernblatts erkennen: Zahlen wechseln sich mit spitzen Dreiecken ab, die Ziffern 2, 4, 8 und 10 sind zur Hälfte von den Ziffernblättern der Totalisatoren abgedeckt. Man erkennt stark zugespitzte Stunden- und Minutenzeiger und einen schlanken Sekundenzeiger. Der Name des Herstellers aber ist nicht lesbar.

Untersuchung im Labor

Eberli füttert mit dem neuen Foto die Bildersuche im Netz. Mindestens zwanzig Kandidaten spuckt sie aus. In den Fünfzigerjahren basierten viele Chronografen auf den baugleichen Uhrwerken von Landeron und Venus – sie kommen beide infrage.

Ein anderes Siegerbild mit Ehrendame, auf das Eberli eine Woche später bei einem weiteren Besuch im Keystone-Archiv stösst, lässt sein Herz höherschlagen. Die Lupenvergrösserung des Grossformatnegativs zeigt detailliert die Stundenzahlen des Ziffernblatts. Auch der Herstellername zwischen 11 und 1 Uhr ist fast zu lesen. Eberli nimmt das Negativ mit in sein Forschungslabor an der Universität. Unter dem Lichtmikroskop vergrössert er es, bis er die einzelnen Bildkörner erkennen kann. Er fühlt sich seinem Ziel greifbar nahe.

Das entscheidende Inserat

Kurz darauf findet Eberlis Mitrechercheur Christian Sprecher in einer Wochenschrift, die er über Jahrzehnte gesammelt hat, eine Werbung des Uhrmachers «A. E. Meier» an der Bahnhofstrasse. Der Slogan: «Koblet verlässt sich auf Praesent-Chronographen.» Praesent, Bingo! Unter den letzten Kandidaten von Eberlis Bildersuche hatte sich eine Praesent befunden. Es musste die Uhr sein, die Koblet 1951 bei der Tour de France getragen hatte. Eberlis Rundgänge an Uhrentauschbörsen sind aber nicht ergiebig. Praesent-Uhren sind keine Sammlerobjekte, die Händler können nicht weiterhelfen. Dann entdeckt Sprecher das Inserat im «Radsport» von 1951. Der abgebildete Chronograf wird extra als «Hugo Koblets Uhr» beworben. Es ist der gleiche, der auf den Fotos der Tour de France zu sehen ist.

Monate später findet Sprecher die Uhr – an der Uhrentauschbörse im Zürcher Volkshaus. Er wollte schon aufgeben, da entdeckte er an einem kleinen Stand sechs Uhren aus den Fünfzigerjahren. Die Gesuchte ist darunter. Eberli trägt das Geschenk seither stolz am Handgelenk. Beim Velofahren in der Toscana und an jedem anderen Tag.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.01.2018, 19:51 Uhr

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