Rauch über dem Kreis 4

Das Zürcher Duo None Of Them hat sein Debüt veröffentlicht. Die Plattentaufe ging mit einem aufsehenerregenden Dachkonzert an der Langstrasse über die Bühne.

Freitagabend, halb zehn: Auflauf vor dem Perla-Mode-Haus, das dem Abbruch geweiht ist. Foto: Doris Fanconi

Freitagabend, halb zehn: Auflauf vor dem Perla-Mode-Haus, das dem Abbruch geweiht ist. Foto: Doris Fanconi

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Freitagabend, Langstrasse. Auf den Trottoirs bewegen sich bereits Menschenmassen. Aus den Bars schallt Musik. Nur etwas passt nicht ins Bild: gegen halb zehn steigt vom Dach des Kunstraums Perla Mode im Kreis 4 Rauch auf. Ein dumpfes Wummern setzt ein, etwa 100 Leute verstellen das Trottoir auf der gegenüberliegenden Strassenseite. Bei genauerem Hinsehen sieht man oben eine mit weisser Farbe geschminkte Frau sich verrenken, links neben ihr hantiert ein Mann an Reglern, zwei Vermummte zündeln daneben mit Fackeln. «None Of Them» prangt in grossen Lettern auf der Werbetafel hinter ihnen – sie wird in ­einer Stunde ganz anders aussehen. Aber mehr dazu später.

Es stellt sich heraus: Was die Zuschauer hier mit einer Mischung aus Verwunderung und Freude mitverfolgen, ist die Plattentaufe des Zürcher Duos None Of Them. Den etwas aussergewöhnlichen Veranstaltungsort erklärt Mischa Holy, der Soundtüftler des Duos und seit vielen Jahren Produzent von elektronischer Clubmusik, so: «In der Stadt gibt es nur noch wenig Gestaltungsraum für Kreative, das Perla Mode ist einer der letzten Orte, an denen ein derartiges Konzert überhaupt noch möglich ist.» Und fügt an: «Vielleicht war unser Konzert die letzte Aktion in der Art an dieser Stelle.» Was er zwischen den Zeilen aussprach, durfte den meisten Zuschauern an diesem Abend bewusst gewesen sein: Das baufällige Gebäude mit dem Kunstraum im Erdgeschoss muss bald einem Neubau weichen, in dessen Parterre im Herbst 2016 wiederum eine Filiale eines bekannten vegetarischen Restaurants einziehen wird.

Subkultur am Werk

Doch jetzt ist hier noch unüberhörbar die Subkultur am Werk: Die beiden vermummten Nichtmusiker zündeln wiederholt an der Werbetafel herum und sprayen grossflächig über den Band-Schriftzug. Das Duo schmettert weiterhin seine düsteren, Bass-getriebenen Hymnen in die Nacht. Einige davon besonders angetane Zuhörer auf dem Trottoir lassen keinen Zweifel an der Tanzbarkeit dieser Musik. Der 32er-Bus fährt nun im Schritttempo an der immer grösser werdenden Menschenansammlung vorbei. Ein Mann mit gelber VBZ-Jacke regelt den Verkehr.

Wer sich die 15 Stücke auf dem hier getauften Album anhört, entdeckt teils dunkle, meist charmante, in der Regel schwer schubladisierbare Stücke, die ­irgendwo zwischen experimentellem Rap, primitivem Elektro und Postpunk mäandern. Dunkle Stimmungen und treibende Bässe. Etwas Kunst kommt darin auch vor, etwas Club, etwas Punk, das passt zu Zürich, ist der Zuschauer geneigt zu denken. «Weil hier die Szene so klein ist, schauen die Musiker gerne in andere Gärtlein», sagt Zainab Lascandri, die dunkle Rapperin, die eben noch mit weiss geschminktem Gesicht auf dem Dach stand, später im Gespräch. Sie hat auch schon mit der Experimental-Rapperin Big Zis zusammengearbeitet. Lascandri fügt an: «Die Basis unserer Songs war Improvisation.» Auch bei den Konzerten lasse das Duo gerne Freistellen offen, um Raum für Unvorhergesehenes zu schaffen, für «Freestyle». «Das gibt uns auf der Bühne erst diese Unberechenbarkeit», sagt Mischa Holy.

Nach einer Stunde ist der Zauber vorüber, der Servicemann von den VBZ zieht ab, die Freitagnacht gehört wieder jenen Ausgehfreudigen, die die zahlreichen anliegenden Clubs und Bars bevölkern. Nur ein paar Papierfetzen an den Wänden und die nun völlig verunstaltete Werbetafel erinnern an die kleine Episode, an das Unplanmässige, scheinbar Ziellose, das hier soeben über die Bühne gegangen ist und die gewohnten Ströme an der Ausgehmeile für einen Moment unterbrochen hat. Ein junger Mann macht die Runde und verkauft unter den Zuschauern die CDs des Duos – sie dürfte an mehr als bloss an die Musik erinnern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.11.2014, 18:56 Uhr

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