Schwarzer Humor mit etwas Milch

Das Miller’s startet eine Serie mit britischer Comedy. Mit Whiskybar und Hausband. Und mit jenem Mann, der für diese Reihe verantwortlich ist: Hanspeter «Düsi» Kuenzler.

Erst Musik und Fussball, jetzt Comedy: Der Journalist, den alle «Düsi» nennen, wird Veranstalter. Foto: Dominique Meienberg

Erst Musik und Fussball, jetzt Comedy: Der Journalist, den alle «Düsi» nennen, wird Veranstalter. Foto: Dominique Meienberg

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Was passiert, wenn ein Zürcher bald 40 Jahre in London lebt? Offensichtlich das: Aus einem ü wird ein ue. Kuenzler, Hanspeter, im Land des ü auch bekannt als Düsi, der Mann mit Bart. Nach ­London übersiedelte er damals wegen der Musik, darüber berichtet er bis heute regelmässig, zum Beispiel im «Sounds» auf SRF 3. Was hinzugekommen ist: der englische Fussball, über den er in der NZZ regelmässig und regelmässig grossartig schreibt.

Die Sportbar im Kreis 4 passt also als Treffpunkt für unser Gespräch bestens. Die erste Erkenntnis: Hanspeter Kuenzler ginge auch als Dartsprofi durch. Er ist aber hier in der Rolle des Kulturschaffenden. Als Host einer Comedyshow. Als ­Kurator des gepflegten Publikums­witzes. Kuenzler organisiert für das Miller’s im Seefeld eine neue Reihe: British Comedy. Einmal im Monat, drei Acts, eine Whiskybar, eine Hausband. Und Düsi, der als Gastgeber Hello und Goodbye sagt.

Schulenglisch? No problem

In 40 Jahren wurde Hanspeter Kuenzler sehr britisch. Er hat seinen Stammpub in London – und seinen Comedy Club. Ein kleines Lokal um die Ecke, in dem es am Montagabend für fünf Pfund allerhand zu lachen gibt. Über Newcomer, die keinen Witz auf die Reihe kriegen. Über Stars, die im kleinen Rahmen ihre neuen Witze testen (und dabei ebenso brillieren wie grandios scheitern – beides sei ähnlich lustig, versichert Kuenzler). Über irgendwas. Denn: «Lachen ist ansteckend», sagt er. Er verstehe auch nach 40 Jahren London längst nicht jede Pointe, jedes Wortspiel oder jeden feinen Sprachwitz, der auf den derben Zweihänder folgend seine Wirkung am schönsten entfaltet. Schweizer Schulenglisch, folgert Kuenzler daraus, reiche längst, um einen seiner Abende im Miller’s zu geniessen. Zudem liefert er – exklusiv für die Tagi-Leserschaft – ein kleines Trainingsprogramm für den britischen Humor mit (siehe Box).

Simon Munnery, der alltäglich Absurde. Video: Youtube/TheMelbComedyFest

Die Idee, Kuenzler mit einem eigenen Programm zu beauftragen, stammt vom Miller’s. Kuenzler mag den britischen Humor schätzen und mögen – eine Ahnung davon im professionellen Sinne hatte er keine. Während der letzten zwölf Monaten habe er einiges gelernt, sagt er. Zu Beginn sei es schwierig gewesen, als Neuling überhaupt an die richtigen Leute heranzukommen. Dann habe er immer das Gefühl gehabt, man wolle ihn als Unerfahrenen über den Tisch ziehen. Präziser: als unerfahrenen Schweizer, als unerfahrenen reichen Sack also.

Die Vorurteile, die Klischees brauchen die Comedians scheinbar nicht nur für ihre Shows: Agenten und Manager bemühten sie in den Verhandlungen. «Da war stets dieses Gefühl, dass es für die Schweiz so etwas wie einen Special Price gab.» Das Gefühl stellte sich als falsch heraus – Kuenzler hatte sich mit Ben van der Velde (er tritt übrigens an der Premiere auf) einen Profi an die Seite geholt. Comedy hat ihren Preis.

Adjektive müssen reichen

Der britische Humor gilt als höchste Güteklasse des Humors. Wikipedia notiert: «Als Hauptmerkmale des britischen Humors gelten neben der erwähnten Trockenheit beispielsweise schwarzer Humor, unverblümte Direktheit, Absurdität und Understatement. Gerade der spannungsreiche Gegensatz zwischen Understatement und (bisweilen grausamer) Direktheit macht dabei den Grundzug britischen Humors aus: Ungeheuerlichkeiten, so könnte man sagen, werden stets präsentiert, als seien sie etwas Alltägliches.»

Paul Chowdhury, der provokativ Multikulturelle. Video: Youtube/Stand Up For The Week

Hanspeter Kuenzler reiht Adjektive aneinander, um den britischen Witz zu umzingeln: bissig, surreal, subtil, politisch, frech, weder homo- noch xenophob. Und seit den 80er-Jahren auch nicht mehr sexistisch. Neben der inhaltlichen Ebene spiele sich vieles auf der sprachlichen ab: Harmloses, das klingt wie Bitterböses, kleinste Verschiebungen in den Worten, die zu Sprüngen im Inhalt führen. Der Humor sei in England tief im Alltag verwurzelt, sagt Kuenzler. «Ein Alltag ohne Humor ist für einen Briten kaum vorstellbar.» Man lege Wert auf Schlagfertigkeit. Zudem wird in England die Kunst, viel zu reden und nichts zu sagen, hoch geachtet. Entsprechend werde die ­Comedy in England sehr ernst genommen.

Der britsche ­Humor hat, grob gesagt, zwei Grundströmungen. Erstens die Unterhaltungsprogramme der Working Class in den Music Halls: eine Bühne, ein Saal, Alkohol. Dort gab es neben Frauen, die auf der Bühne entzweigesägt wurden, neben singenden und tanzenden Entertainern eben auch solche, die Jokes rissen. «Weil Alkohol eine zentrale Rolle spielte, mussten diese sehr derb sein, um Aufmerksamkeit zu erhalten», sagt Kuenzler. Heute noch frage er sich regelmässig, ob einer das jetzt wirklich gesagt habe. Zweitens: der Nachwuchs der Upperclass, der in Privatschulen und Internaten unter seinesgleichen eingesperrt war und sich langweilte. Er unterhielt sich, indem er lustig war. Rhetorik war das Mittel zur Unterhaltung – daher die Kunst des Vielredenden, Nichtssagenden.

Zur Not gibts 007 auf Italienisch

Der Weltkrieg führte die beiden Strömungen zusammen: In der Army kämpften Upper- und Working Class Seite an Seite gegen die Deutschen. Daraus entstanden zuerst Radioshows, dann wurde Comedy fixer Bestandteil am Fernsehen – bis heute. In den 80er-Jahren hat Comedy einen Schub erlebt. Veranstalter entdeckten, dass es billig war, Comedians statt Musiker und Bands auf die Bühne zu bringen. «Und plötzlich füllten die das Wembley», sagt Kuenzler, «plötzlich waren Comedians so erfolgreich wie Musiker.»

Monty Python, die pionierhaft Surrealen. Video: Youtube/Chadner

Da schliesst sich der Kreis: Musik und Comedy. Für Hanspeter Kuenzler gehören sie zusammen. Der Musikkritiker hat für seine Abende im Miller’s selbstverständlich eine Hausband engagiert. Das Zürcher Duo Belvedere widmet sich vor, zwischen und nach den drei Comedians dem britischen Sondergesandten James Bond. Es hat die Titelsongs der 007-Filme auf Italienisch übersetzt. Um sie zu verstehen, reicht das Schulenglisch ebenfalls bestens aus.

Sollten Sie bei alldem nur Train Station verstehen, nehmen Sie es mit Humor. Und wenden Sie sich an Ihren Barkeeper des Vertrauens. Sie finden ihn an den British-Comedy-Abenden jeweils hinter der Whiskybar.

British Comedy @ Miller’s, Premiere 10. Oktober, 20 Uhr, die Bar öffnet um 19 Uhr. www.millers.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.10.2017, 23:06 Uhr

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