Steiner wurstelt weiter

Mitte März schliesst der Käse- und Wurstladen Welschland. Damit geht dem Quartier ein lieb gewonnener Laden verloren. Sein Besitzer Jürg Steiner und dessen grafische Arbeiten bleiben dem Kreis 4 aber erhalten.

Karton, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt: Charcuterie à la Steiner. Illustrationen: Jürg Steiner

Karton, der einem das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt: Charcuterie à la Steiner. Illustrationen: Jürg Steiner

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Kein Job, keine Wohnung, kein Mobil­telefon. Eigentlich ist Jürg Steiner ein Fall für einen Lebensberater, wie er selber sagt: «So schlecht geht es mir gar nicht. Wenn man nichts mehr hat, steht einem die ganze Welt wieder offen.»

Der Grafiker ist im Quartier ein bekanntes Gesicht: Seit neun Jahren steht er hinter der Theke des Welschland-Ladens an der Zweierstrasse neben der Si-o-No-Bar. Trifft man ihn auf der Strasse, ist er meist am Grüssen. Hoi Peter, sali Werner, ciao Franz. Das Welschland zog Saucisson- und Käseliebhaber aus der ganzen Stadt an. Die Gruyères und Vacherins oder die Fonduemischungen kamen direkt aus der Fromagerie im freiburgischen Marsens – einer der besten ihrer Gattung.

Ab Mitte März wird Steiner seine Zeit nicht mehr im Laden mit dem Käseduft, dem karierten Boden und dem dudelnden Plattenspieler verbringen: Das Welsch­land wird vom Biokurier Öpfel­chasper übernommen. Steiner und sein ehemaliger Geschäfts- und Lebenspartner Laurent Houriet steigen aus. «Irgendwie hat niemand von uns die Buchhaltung so richtig geführt», sagt Steiner, der mit Houriet lange in der Nähe des Ladens lebte und seit der Trennung in einem WG-Zimmer wohnt. Das Welschland lief nie so gut, «als dass wir längerfristig rausgekommen wären».

Als Verkäufer mag Steiner bald nicht mehr sichtbar sein – als Quartierkünstler schon. Der 47-Jährige war, bevor er Käse verkaufte, Illustrator. «Ein völlig altmodischer, der von Hand zeichnet oder bastelt. Ich habe nie gelernt, am Computer zu arbeiten.» Seine bunten Gouache-Bilder und Collagen zierten den «Züritipp», die WOZ oder die CD-Cover der Kinderband Schtärneföifi.

Ehrung aus Fleisch und Karton

Auch als Lädeli-Unternehmer schlief Steiners Gestaltungsdrang nie ein. Das Welschland ist seine inoffizielle Galerie: Das Schaufenster bemalte Steiner regelmässig. In den Regalen kann man seine Fliegenpilzsammlung bewundern, an den Wänden hängen seine Kunstwerke, meist gerahmte Collagen oder Installationen aus Karton. Etwa eine Seilbahn, in der drei schielende Kühe in Wanderschuhen sitzen. Neben Früchten und Tieren verewigt Steiner gerne Fleisch. Fast schon legendär ist sein Bild mit den Sportabzeichen in Form von Saucissonmedaillen. Die meisten seiner Kunstwerke hat Steiner abfotografiert. Noch bis im März gibt es sie in Form von Postkarten im Welschland zum Mitnehmen.

Sein wahrscheinlich aufwendigstes Werk realisierte Steiner im vergangenen Herbst: Für alle Lokale um die Ankerstrasse, als «Kleingewerbe im Dreieck» zusammengeschlossen, schuf er Architekturmodelle aus Karton, die auf der Einladungskarte für das Dreieckfest zu sehen waren. Er baute die Bar Si o No ebenso nach wie den Kleiderladen Saus & Braus. Die Modelle zierten bis vor kurzem die Schaufenster sämtlicher Lokale. Als Quartierkünstler verlieh Steiner der Zweier- und der Ankerstrasse so was wie den optischen Schliff. Und er sorgte im öffentlichen Raum immer wieder für ­Interventionen, beklebte die graue Mauer vor der Genossenschaft Dreieck regelmässig mit Collagen. Jene mit den farbenprächtigen afrikanischen Prints entzückt die Quartierbewohner bis heute. «Ich habe die Wand so oft bespielt, dass die Leute glaubten, ich sei der Kurator», sagt Steiner. «Dabei kann sie jeder verschönern.»

Wie im schlechten Film

Es liegt nahe, dass der Gestalter seine Zukunft ohne Laden beim Illustrieren, Malen und Dekorieren sieht. Die Zeit beim Welschland dagegen bleibt für ihn eine unbezahlbare Lebensschule, «die mich wohl von meinem einsamen, ‹nerdigen› Dasein als Illustrator befreit hat». Beim «Lädele» lerne man, Menschen einzuschätzen. «Du weisst sofort, ob du jemandem etwas erklären musst oder ob jemand wünscht, in Ruhe gelassen zu werden.» Nicht zuletzt könne mit jedem Menschen, der das Geschäft betrete, «immer alles passieren».

So wurde das Welschland vor einem Jahr gar überfallen. «Da tauchte ein Typ mit einer Maske und einem Messer auf, wie in einem schlechten Film.» Die ganze Situation sei so absurd gewesen, dass Jürg Steiner gar nicht realisiert habe, worum es gehe. Als er merkte, dass die Szene kein Witz war, wurde er «sehr, sehr böse. Ich schrie ihn an, wie man nur so blöd sein könne, einen Laden wie das Welschland auszurauben.» Jürg Steiner flüchtete über den Hinterausgang und rief die Polizei. Der Dieb wurde nie ausfindig gemacht.

Die Abenteuer, die Steiner erlebt hat, will er nicht missen. Deshalb plant er, auch in Zukunft Begegnungen mit ­Menschen «in den Alltag zu integrieren». Unter dem Motto «Jürg zeichnet» möchte er ab März Leute in kleinen, gemalten Porträts festhalten. «Dafür komme ich als Störzeichner zu Hause vorbei.» Seine Porträts seien eine langlebige Alter­native zu den vielen Selfies. Daneben möchte er sich als Tätowierer ausbilden lassen, und er hat im Quartier ein ­Gartentor im Visier, das er bemalen will. «Ich werde sozusagen ein illustrativer Dienstleister.»

Vorerst gilt es, bis im März nochmals richtig gut zu verkaufen. Wie hiess es so schön in der letzten Postkarte an die Stammkunden? «Kommt zahlreich, kommt hungrig und lasst die Kassen klingeln!»

Welschland, Zweierstrasse 56, Zürich. Porträts unter juerg@ente.limmat.ch. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 24.02.2015, 19:17 Uhr

Er versucht sich jetzt als (Selbst-)Porträt-Maler: Jürg Steiner.

Im Welschland-Laden war die Wurst erste Siegerin – gleichauf mit dem Käse.

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