TV total lokal

Der grosse Service public für alle SRF-Kritiker: So wäre Fernsehen, wenn es nur noch Lokalfernsehen gäbe.

Die legendäre Fuchsreportage. Quelle: Youtube/TeleZüri


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Was bei der Diskussion rund um die Budgetkürzungen beim SRF gerne vergessen geht, ist die Frage: Wie wäre es eigentlich, wenn es in der Schweiz nur noch Lokalfernsehen gäbe? Um sich diese eigentümliche Welt vorstellen zu können, haben sich unsere zwei Autoren einen Nachmittag lang durch die ­lokalen Sender gezappt.

Schöpfer: Ich schaue ja tatsächlich sehr, sehr viel TeleZüri. Ich schaue eigentlich fast nur TeleZüri.

Sarasin: Warum das?

Schöpfer: TeleZüri ist der Dr. Jekyll und Mr. Hyde der Schweizer TV-Landschaft. Sehr faszinierend. Mal gibts solide Berichterstattung und Recherche, hartnäckige Interviews. Der Gilli ist ja wirklich gut. Und dann, urplötzlich, aus dem Nichts: Trash vom Gröbsten. Hast du das Video «Der Jogger und der Fuchs» gesehen? Das war wieder so ein Beispiel.

Sarasin: Die machen das extra. Das Handglismete ist die Tele-Züri-Masche.

Schöpfer: Was mir auch sehr gefällt, ist diese bedeutungsschwangere, akustische Leerstelle, die zum typischen Tele-Züri-Duktus gehört. «Für TeleZüri, vom Milchbuck . . . de Orgetorix Kuhn.» Auch gibt es einen unverkennbaren Tele-Züri-Singsang, der immer so leicht träumerisch und näselnd daherkommt. Charles Vogel, der jeweils die Kurznachrichten moderiert, ist der Meister darin. «In China hends us Versehe en Pandabär verschosse.» Er betont, indem er Luft ausstösst, einzelne Vokale, also: «In ChinA hends us VersehE en PandabÄr verschosse.» Oliver Spiesser tönt genau gleich. Obwohl er vermutlich ein Drittel so alt ist wie Charles Vogel.

«Was mir sehr gefällt, ist diese bedeutungsschwangere, akustische Leerstelle, die zum typischen Tele-Züri-Duktus gehört. Für TeleZüri, vom Milchbuck . . . de Orgetorix Kuhn.»Linus Schöpfer

Sarasin: Für mich ist lokales Fernsehen generell eine Auflockerung zu den Rundum-News auf allen Kanälen und der Geschwindigkeit des Internets. Es scheint fast so, als setze man bei der ­Berichterstattung vorsätzlich auf Entschleunigung. Zappen wir mal zu Tele Diessenhofen, einem Fernsehsender für ein Kaff mit knapp 4000 Einwohnern, da kann man stundenlang zu meditativer Musik einem Pinguin zuschauen, wie er immer wieder ins Wasser rutscht. Bei Tele 1 zeigen sie dagegen jeden Abend zu bester Sendezeit die Siebziger-Malsendung «Joy of Painting» mit Bob Ross. Das ist doch schon bewusst herbeigeführte Entschleunigung. Die Sender nehmen ihren Auftrag wahr.

Schöpfer: Ironie-Alarm! Gehts auch ohne?

Sarasin: Der Anteil an Ironie ist bei meiner Aussage nicht so gross, wie du vielleicht denkst. Aber es stimmt natürlich, was du sagst.

Schöpfer: Unübersehbar sind die ganzen Eso-Sendungen, die den Leuten mit ihrem Bullshit-Bingo das Geld aus der Taschen ziehen. Ganz übel: «Adelheid & Ruth» auf Schweiz 5. Die zocken sogar depressive Hunde ab. «Für Mänsch und für Tiär – Beratig dür Hellsicht und Intuition.» Brrr.

Sarasin: Jetzt wirds schwierig.

Schöpfer: Dann schon viel, viel lieber wieder Tele D. Kontemplation! Schauen wir doch mal rein in «1584 – Renovation Bergtrotte Osterfingen». Während 30 Minuten wird uns da lang und breit eine Trotte vorgestellt.

Sarasin: Dieser Beitrag ist ein visuelles Museum. Würde ich in der Gegend wohnen, würde mich das interessieren, zumindest eine Weile. In den Ferien in der Toskana würde der urbane Schweizer sich ein solches Haus ja auch anschauen. Aber hier schreien alle: Provinz!

Schöpfer: Wir sind hier nicht in der Toskana, Sarasin. Immerhin wirft der Beitrag eine Frage auf: Was ist überhaupt eine Trotte? Mir gefällt die Gemächlichkeit des Vortrags. Keine Eile, alles sehr gründlich ausformuliert. Ob Denkmalpfleger oder Beizer: Jeder darf hier so lange reden, wie er will.

Sarasin: Bei Tele D dürfen Sendungen auch noch Namen wie «Wanderful» tragen. Hier können wir zwei extrem optimistischen Wanderern zuschauen, wie sie sich durch den hartnäckigen Winterthurer Nebel kämpfen. Das ist positiver Journalismus, frei von Prätention.

Schöpfer: Was ist mit den Talkrunden? Die sind doch eher langweilig als kontemplativ. Polit-Polteri und Geschäftsvertreter dominieren.

Sarasin: Das ist natürlich auf die Dauer eher problematisch. Aber es gibt auch Formate, die besonders nah ranzoomen. Das siehst du zum Beispiel beim Schaffhauser Fernsehen. Unter der Rubrik «Leute» besucht ein älterer Filmer und Reporter Panzerschauen, Grümpelturniere und Eröffnungen von Bowling-Bahnen. Kein Spatenstich zu gering, um daraus eine längere Reportage zu schustern. Gesellschaftsjournalismus im eigentlichen Sinne – oder irre ich mich?

Schöpfer: Sarasin, lernen wir gerade die Schweiz besser kennen?!

Sarasin: Wohl schon. Aber das ist jetzt wieder so eine quasi ethnologische Sicht von oben herab. Begeben wir uns noch einmal an die Panzerschau.

Schöpfer: Da wurde gerade ein Typ in einer Einblendung als «Mein Schatten» bezeichnet, weil er immer an den gleichen Veranstaltungen auftaucht wie der Reporter. Fragt er den «Schatten» jetzt echt, was er in den Ferien gemacht hat? Gings nicht um Panzer?

Sarasin: «Mein Schatten» war mit dem Velo im Berner Oberland und hat bei den Bauern im Stroh geschlafen.

Schöpfer: Und ist die Kamera jetzt wirklich dem Zug im Hintergrund gefolgt?

Sarasin und Schöpfer gleichzeitig: Unglaublich! Grossartig! Famos!

Schöpfer: An Tele Schaffhausen sieht man aber auch die grosse Qualität eines Lokalsenders: Er ist so nah an den ­Menschen dran, dass darob die Kamera vergessen geht. Kommt das SRF mit seinen drei Mikros und fünf Scheinwerfern, verkrampft sich der Laie unweigerlich. Hier reden die Menschen frisch und frei.

Sarasin: Zappen wir weiter. Tele Stein ist ein Sender, den es seit einigen Jahren nicht mehr gibt, dessen Sendungen aber noch immer online sind. Das Interessante daran ist die bei den Lokalsendern nicht selten zu findende Diskrepanz zwischen Anspruch und Realität. Das News-Signet kommt daher wie bei Fox – und dann reden sie eine Viertelstunde lang über die Krippenwelt in Stein am Rhein.

Schöpfer: Der Moderator trägt seltsam weite Jeans. Warum hat er so grosse Hosen? Das ergibt gar keinen Sinn. Und das Hemd ist auch viel zu weit. Bei der darauffolgenden Promisendung gibt es zwar Bilder im Hintergrund, aber man kann sie gar nicht richtig sehen, weil A) sie viel zu klein sind und B) die Moderatorin ständig vor den viel zu kleinen Bildern hin- und herläuft. Die Frage ist dann schon: Wie kann so was passieren?

Sarasin: Eine andere Frage ist: Warum können wir nicht wegschauen? Ist es die Angst vor dem eigenen Dilettantismus, die einen so lange beim Lokalsender hängen bleiben lässt?

Schöpfer: Das hat womöglich was. Aber komm, lass uns doch noch ein wenig weiterzappen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.01.2016, 22:14 Uhr

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