Trieb lass nach

Ein Ja zur Jagdinitiative birgt vor allem für Spaziergänger erhebliche Risiken. Wohin sollen die Jägerinnen und Jäger mit ihren Bedürfnissen? 

Als Männer ihren Jagdtrieb noch ungehindert ausleben konnten: Grosswildjäger in Ostafrika, um 1950. Foto: Getty Images

Als Männer ihren Jagdtrieb noch ungehindert ausleben konnten: Grosswildjäger in Ostafrika, um 1950. Foto: Getty Images

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Im Rahmen der Jagdinitiative wird viel diskutiert. Über Flora und Fauna, über Hege und Pflege, über Rotgrün- und Stadtwild, über Jäger und Gejagte, über Blatt- und Fehlschuss. Im Kern geht es um die Frage: Wer ist eigentlich der Hirsch im Wald? Ist es weiterhin der Milizjäger, oder ist es fortan – Professionalisierung! – der diplomierte Wildhüter?

Eine wichtige Frage wurde in der Diskussion um das neue Jagdgesetz bislang aber nicht gestellt: Welche Auswirkungen hat ein allfälliges Ja zur kantonalen Volksinitiative am 23. September auf die Gesellschaft? Oder wie es ein geschätzter Kollege mit Hang zum Abenteuerroman formulierte (man erinnere sich, wie er und sein Junior diesen Sommer durch das Engadin wilderten; wenn man sich nicht erinnert: grandtour.tagesanzeiger.ch): Was sollen die Jägerinnen und Jäger zwecks Triebabfuhr machen, wenn sie nicht mehr jagen dürfen?

Man muss Jäger nicht mögen, um zu verstehen, dass die Gesellschaft sich verändern wird (auf jagdzuerich.ch steht: «Die Jagd nützt der Gesellschaft»), wenn es die Jagdgesellschaften nicht mehr gibt. Wenn Jägerinnen zu Hunderten mit hängenden Köpfen aus dem Wald strömen, wenn sich Jäger zu Tausenden ungeliebt, ungebraucht und überflüssig fühlen und mit hängenden Köpfen die für die Spazierenden vorgesehenen Bänkli an den Waldrändern blockieren. Wenn als unmittelbare Folge davon die Spaziergänger ihren Platz in der Gesellschaft nicht mehr finden.

Nicht alle fühlen sich bei den Paintballern wohl

Nicht alle werden in den Schützen- und Inlineskatingvereinen unterkommen, nicht alle fühlen sich unter Fuss- oder Paintballern wohl. Und es kann nicht im Sinn des Staates und der Allgemeinheit sein – zumal es die finanzielle Lage nicht zulässt –, eigens eine Waidmanns-Heilanstalt in einem Nebenbau des Burghölzli zu eröffnen.

Was tun also, um die Folgen eines allfälligen Ja zu lindern? Nein stimmen? Nicht unbedingt. Wo man auch noch jagen kann:

Im Ausland

Wer hier nicht mehr jagen darf, jagt anderswo. Im Aargau, an der Chilbi oder in Ungarn; den Schönwetterjäger zieht es ins Tessin.

Auf See

Das Geschäft mit den Kreuzfahrten boomt, weil es offensichtlich viele Menschen gibt, die sich das leisten können (kostet ein rechtes Gwehr, so eine Seefahrt). Und die vor allem Zeit haben – und genau das trifft auf die Jagenden a. D. zu. Damals lagen sie stundenlang auf der Pirsch, heute liegen sie tagelang auf dem Sonnendeck. Themenschiffe werden Jäger die «alte» Jagd schnell vergessen machen: Auf der Aida Caccia gibt es Schiesskeller, Hornkonzerte, Wildbuffet und jeden zweiten Abend eine Schnitzeljagd.

Im Netz

Jäger sind traditionsbewusste Menschen, sicher. Aber sie sind dem Fortschritt nicht abgeneigt. Auf Google Hunt View lässt es sich jagen, wann und wo und wie man will: Gross- und Niederwild, Feder- und Borstenvieh, Treib- oder Triebjagd, alles einen Klick entfernt. Schonzeiten? Die sind so was von 2018!

Am Rand

Die Stadt Zürich setzt auf ein bewährtes Konzept und errichtet in Altstetten Jagdverrichtungsboxen. Auf der Website wird stehen: «Der Hochsitzplatz Depotweg ist ein Ort, wo die Jagd in geregeltem Rahmen ausgeübt werden kann. Er wird vom Sozialdepartement der Stadt Zürich betrieben. Die Jägerberatung Flora Fauna ist mit einem Beratungspavillon vor Ort präsent. Patrouillen von SIP Züri sorgen dafür, dass die Platzordnung eingehalten wird.»

Im Versteckten

Apropos SIP: Für Jäger mit Entzugserscheinungen gibt es staatliche Schiessstübli mit virtuellen Jagdrevieren und Zielwasser a discretion. Die SIP erhält den Auftrag, verwirrte Jäger in Notschiessstellen zu bringen, wo sie Flintenattrappen putzen dürfen.

PS: Bitte schliessen Sie aus diesem Text weder auf mein Jagd- noch auf mein Trieb- und schon gar nicht auf mein Stimm­verhalten!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 13.09.2018, 22:27 Uhr

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