«Unter den neuen Autos gibt es keine Gurken mehr»

Privat fährt Nina Vetterli-Treml einen alten Porsche 911, als Autotesterin alles – vom Kleinwagen bis zum Rolls. Wie sich ein Auto anfühlt und eine Geschichte dazu, sind ihr dabei wichtiger als technische Details.

Nina Vetterli-Treml testet am liebsten Sportwagen. Foto: Urs Jaudas

Nina Vetterli-Treml testet am liebsten Sportwagen. Foto: Urs Jaudas

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das letzte Auto, das Sie getestet haben?
Das war eine Reise nach London für den neuesten Rolls-Royce.

Wie wars?
Ich habe es eher mit Sportwagen. So eine unglaubliche Karosse zu fahren, hat aber auch seinen Reiz. Ich mag es, wenn es kompromisslos ist, und ein Rolls-Royce ist kompromissloser Luxus.

Keine Mühe gehabt, im Linksverkehr so ein Schiff zu dirigieren?
Zuerst hatte ich Panik, die teuren Felgen links zu zerstören, aber mit der Zeit lernt man die Dimensionen des Fahrzeugs auch von der «falschen» Seite abzuschätzen.

Worauf achten Sie, wenn Sie auf einen Testwagen zugehen?
Voraus informiere ich mich, was neu ist an einem Auto, was speziell. Ich hake aber keine Checkliste ab, es ist mehr der Gesamteindruck. Wichtig dünkt mich dabei auch der emotionale Aspekt, so subjektiv der ist. Ich glaube, die Leser wollen wissen, wie sich ein Auto anfühlt. Das versuche ich mit wenig Daten in eine Geschichte zu verpacken. Die technischen Details kann man immer noch in der Tabelle nachlesen.

Geschichten statt Drehmoment sozusagen – typisch Frau?
Das wird mir oft unterstellt, es liegt aber mehr daran, dass ich lange als Werbetexterin gearbeitet habe. Dort kriegt man ein Produkt vor die Nase gestellt, das nicht besser oder billiger ist als andere, und dazu muss man sich etwas Plakatives einfallen lassen. Anders gesagt: Man kann auch über ein todlangweiliges Auto eine spannende Geschichte schreiben.

Was ist ein todlangweiliges Auto?
Auch sehr subjektiv, für mich aber ein Kleinwagen mit sparsamem Downsizing-Motor. Aber das ist etwas böse formuliert, weil diese Autos durchaus ihre Berechtigung haben. Sie sind zum Fahren einfach nicht besonders aufregend.

Wie frei sind Sie? Schreiben Sie «Gurke», wenn Sie eine fahren, immerhin werden die Testfahrten ja oft von den Herstellern organisiert?
Es gibt keine Gurken mehr. In der Entwicklung jedes Autos steckt so viel Geld und Zeit, dass es sich kein Hersteller mehr leisten kann, eine auf den Markt zu bringen. Die Grenze zu PR ist schon fliessend. Es ist aber nicht so, dass mein Chef sagt, der Hersteller inseriere, also habe ich gefälligst nett zu sein. Ist mir das Interieur zu billig, die Lenkung zu schwammig oder der Motor zu blutarm, dann schreibe ich das auch im Artikel.

Nochmals zu Ihrer Rolle als Frau. Ist die nun Bonus oder Malus?
Als Frau bist du Exotin, was auch ein Vorteil ist. Es dauerte aber lange, bis ich das Gefühl hatte, man nehme mich ernst, und dafür musste ich doppelt so hart arbeiten. Blöde Sprüche musste ich mir immer wieder anhören.

Zum Beispiel?
Wenn einer auf der Rennstrecke sagt, nachdem ein Kollege nach dem anderen ein paar Runden gedreht hat und ich gefragt habe, ob nicht auch ich mal . . .: «Können wir schon machen, aber lassen wir erst die Journalisten fahren.» Oder wenn ein Ingenieur meint, er finde es toll, dass Frauen schreiben. Die könnten ja viel besser beurteilen, ob der Schminkspiegel richtig positioniert sei.

Ist er das im Rolls?
Ich habe keine Ahnung. (lacht)

Sie mögen Sportwagen. Wie sehr reizt es, auf die Tube zu drücken?
Enorm. Aber erstens kann ich es mir in meinem Job nicht leisten, den Brief zu verlieren. Zweitens, geht es für mich um die Beschleunigung und Kurvendynamik, und die kann man durchaus im legalen Bereich ausreizen. Ausserdem bin ich ja genug auf Rennstrecken.

Was für ein Auto fahren Sie selber?
Einen alten Porsche 911, den ich mir eigentlich gar nicht leisten kann. Ich staune öfters über Berufskollegen, die privat die langweiligsten Autos fahren. Wenn man diesen Job macht, braucht es doch Leidenschaft, denke ich.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 02.11.2014, 20:17 Uhr

Montagsinterview

Heute beginnt die Arbeitswoche. Im «Bellevue» startet der Montag mit einem Interview zum ­Arbeitsplatz und zum Berufsalltag.

Artikel zum Thema

«Dank Lotto lebt das Lädeli»

Syl Betulius führt seit acht Jahren den kleinen Quartierladen Balasso & Betulius im Kreis 3. Sie sagt, es erfordere viel Kreativität, den Laden über Wasser zu halten. Mehr...

«Die Schweiz hat mir viel gegeben»

Abou Shoak Mohamed Osman hat im Irak studiert und war politischer Journalist im Sudan. Doch seit 20 Jahren arbeitet er als Hauspöstler bei Tamedia. Mehr...

«Im wortlosen Blick liegt die Stärke»

Interview Die Zürcher Schauspielerin Sarah Andrina Schütz sass für eine Performance der New Yorker Künstlerin Marina Abramovic fünf Stunden schweigend und bewegungslos in einer Holzkiste. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Vergleichsdienst

Finden Sie in nur fünf Schritten die optimale Versicherung für Ihr Auto.
Jetzt vergleichen.

Paid Post

Erotik zu dritt

Hier finden Singles oder Paare den passenden Partnern für den flotten Dreier: The Casual Lounge.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Baum fällt: Eine Frau geht an einem Baum vorbei, der während eines Sturms in Kiew umgeknickt ist. (16. August 2018)
(Bild: Valentyn Ogirenko) Mehr...