Vom Albisgüetli, dä Benjamin Styger

Der ehemalige TeleZüri-Journalist Benjamin Styger ist jetzt auch noch Countrysänger. Zürichs jüngster Hotelbesitzer fand seine grosse Liebe am Tiefpunkt seiner Karriere.

Die Gitarre rettete ihn vor den Zürcher Sängerknaben: Benjamin Styger, Leadsänger von Cloudsilver. Foto: Sabina Bobst

Die Gitarre rettete ihn vor den Zürcher Sängerknaben: Benjamin Styger, Leadsänger von Cloudsilver. Foto: Sabina Bobst

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Die Frau fürs Leben zu finden, dauert in den meisten Fällen eine gewisse Zeit. Nicht so bei Benjamin Styger. Bei ihm klappte es an einem einzigen Abend, an dem er alles verlor, dafür aber die Liebe seines Lebens fand. Zusammengekommen war er mit Kollegen, um die Geburtsstunde der neuen Zürcher Tageszeitung «Express» zu feiern. Dazu kam es allerdings nicht, denn das vielversprechende Zeitungsprojekt wurde am gleichen Abend gestoppt und eingestampft, weil der Verlag Tamedia «20 Minuten» kaufen konnte. Styger: «Ich war total am Boden zerstört.»

Da stand er mit 250 neuen Visitenkärtchen in der Hand, in Weltuntergangsstimmung, als er eine hübsche Blondine bemerkte. Styger ging auf sie zu und sagte: «Ich habe eben meinen Job verloren und brauche dringend etwas Halt in meinem Leben. Hier hast du 250Visitenkärtchen. Du bist wunderschön und meine Traumfrau. Lass uns heute Nacht saufen, und dann treffen wir uns Mitte Woche nochmals, und wenn alles stimmt, bist du meine neue Freundin.»

Das geschah am 21. März 2003. Tags darauf traf er sich mit der Blondine zum Abendessen, am Mittwoch besuchten sie ein Musical, am Freitag den Zoo. Und dann gabs den ersten Kuss am Zürichsee. Genau eine Woche nach dem Anlass waren sie ein Paar. «Und heute ist Sabine meine Frau und die Mutter unserer zwei Töchter.»

Die Geschichte passt zu Styger: Denn wenn er sich mal ein Ziel in den Kopf gesetzt hat, erreicht er es meistens – wenn auch auf unkonventionellen Wegen. Seine berufliche Laufbahn begann er als Journalist. Obwohl er Redaktor beim «Zürcher Tagblatt» und dem «Tages-Anzeiger» sowie als Videojournalist (VJ) bei TeleZüri war, sagt er heute, dass Journalismus alleine für ihn auf längere Sicht keine Option gewesen sei. «Schon der Berufsberater hat mir prophezeit: Sie werden nicht glücklich sein mit nur einem Beruf.»

Der Mann irrte sich nicht. Derzeit ist Benjamin Styger Leiter Marketing und Kommunikation von Giusep Fry, dem umtriebigen Hotelier des Uto Kulm auf dem Uetliberg. Er ist an einer Werbeagentur beteiligt und wahrscheinlich mit seinen 40 Jahren Zürichs jüngster Hotelinhaber. Er besitzt seit drei Jahren das Dreisternhotel The Guests’ House mit 62 Zimmern beim Triemli, das er mit sechs Mitarbeitern betreibt und das sich ganz in der Nähe des Hotels Atlantis by Giardino befindet. «Es läuft gut. Das Hotel ist über das ganze Jahr zu 80 Prozent ausgelastet», sagt er.

Hiobsbotschaft Hirntumor

Benjamin Styger ist in Wiedikon und Höngg aufgewachsen. Aufgrund familiärer Turbulenzen, für die er aber nichts konnte, standen in der Primarschulzeit einige Wohnorts- und Schulhauswechsel an. Die ersten sechs Schuljahre absolviert er in fünf verschiedenen Schulhäusern. Bei seinen Lehrern gilt er als Enfant terrible mit schlechten Noten. «In dieser Zeit musste ich mich schwer durchbeissen.» Dass er irgendwann auf einen Lehrer traf, der an ihn glaubte, war für ihn entscheidend und prägend. Und der war mit ein Grund, weshalb Styger mit 36 Jahren als Quereinsteiger einen Bachelor of Education – also die Lehrerausbildung – abschloss.

Nach der Primarschule besucht er das Gymnasium, absolviert die eidgenössische Matur und beginnt Jus zu studieren – bis ihn nach dem 4. Semester und dem Bachelor der Rechtswissenschaften eine Hiobsbotschaft erreicht: Hirntumor. «Die Ärzte gaben mir 30 Prozent Überlebenschance.» Die OP und die Bestrahlung verliefen gut. «Das war ein prägendes Erlebnis für mich, welches mich sensibilisiert hat.» Damals habe er gelernt, das Leben zu seiner Schule zu machen. Dabei versuche er, die eigenen Ressourcen so gut wie möglich zu nutzen. Seither hält er sich an sein Motto: «Das Stehenbleiben ist mein Todfeind.»

Das nächste Ziel im Kopf

«Was, jetzt bist du auch noch Sänger», diesen Satz hörte Benjamin Styger in den vergangenen Monaten häufig. «Dabei hat Musik eine grosse Bedeutung in meinem Leben», sagt er, daher habe er nicht lange überlegen müssen, den Part des Leadsängers bei der Countryband Cloudsilver zu übernehmen. Schon als Dreikäsehoch hat er geträllert. In Erinnerung geblieben sind ihm Auftritte als Sechsjähriger. «Vor den Zürcher Sängerknaben konnte ich mich drücken, dafür habe ich mich für Gitarrenunterricht entschieden.» 2005 besucht er die Zürcher Jazzschule und widmet sich dem Gesang.

Nun kann er es kaum abwarten, bis im Albisgüetli das längste Country- und Western-Festival der Welt gestartet wird. «Für uns ist es eine grosse Ehre, an einem so geschichtsträchtigen Ort aufzutreten.» Cloudsilver ist eine sechsköpfige Countryband aus Zürich, die unter dem Namen Chicken Cage bereits vor 17 Jahren begann, Musik zu machen. Seit Anfang 2015 ist die Band mit neuem Namen auf Tour. «Wir spielen keine Eigenkompositionen, sondern interpretieren bekannte Songs neu», sagt Styger. Im vergangenen Jahr gewann Cloudsilver den Bonanza Country Award.

Lampenfieber? Ein bisschen nervös sei er schon vor der Feuertaufe im Albisgüetli, schliesslich ist es sein erster Auftritt mit Band vor Zürcher Publikum. «Ich versuche, bei den Konzerten Vollgas zu geben und die Zuhörer mit einzubeziehen, dann klappt das schon», sagt er. Muss es auch, denn Festivalchef Albi Matter habe ihm gleich den Tarif durchgegeben: «Wenn die Leute klatschen, seid ihr das nächste Jahr wieder dabei.» Es ist das nächste Ziel, das sich Styger in den Kopf gesetzt hat.

29. Januar, Country-Brunch, 9 Uhr, Schützenhaus Albisgüetli, Zürich. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 20.01.2017, 10:18 Uhr

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