«Was bei Google unauffindbar ist, existiert für viele nicht»

TV-Journalist Alexander Wenger hat seinen Beruf zum Hobby gemacht: Er sucht für Menschen Menschen.

«Halb altruistisch»: Alexander Wenger hat aktuell vier Anfragen. Foto: Dieter Seeger

«Halb altruistisch»: Alexander Wenger hat aktuell vier Anfragen. Foto: Dieter Seeger

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Wie finde ich meinen leiblichen Vater, von dem ich nur Vornamen und ungefähres Alter weiss? Wie meinen Halbbruder, der irgendwo in Neuseeland wohnt? Diesen Fragen hat sich Alexander Wenger verschrieben. Der 27-Jährige hat als Journalist für TeleZüri und andere TV-Sender Schicksale recherchiert und Menschen ausfindig gemacht. Und dabei gemerkt: Das kann ich gut, das will ich weitermachen. Seit kurzem bietet Wenger, der als Produzent bei B&B Endemol arbeitet, nebenbei seine Dienste als «Menschensucher» an.

Ich habe Google und ein Telefon. Wozu brauche ich Sie?
Google wertet nicht und macht auch keinen Unterschied zwischen zwei Roger Meier. Wenn du jemanden suchst, der adoptiert wurde, nützen dir Google und Facebook gar nichts. Ausserdem werden viele Daten nach wie vor physisch gelagert und sind nicht im Internet abrufbar. Und: Die Menschensuche erfordert Hartnäckigkeit. Ich wundere mich manchmal, wie schnell Leute ihre Suche auf­geben. Auch Journalisten.

Wie bitte?
Was bei Google nicht auffindbar ist, existiert für viele gar nicht. Sie wissen auch nicht, welche Daten über uns gespeichert sind.

Aber Sie wissen das?
Ja. Ich kann zwar nicht zaubern, aber ich habe mir in den letzten Jahren viel Wissen angeeignet. Ich musste zum Beispiel herausfinden, wo ein Mann 1975 gewohnt hat. Das elektronische Archiv des Einwohnermeldeamtes reichte allerdings nur bis ins Jahr 2002 zurück. Teilweise haben die Beamten selbst keine Ahnung, dass ältere Daten beispielsweise im Keller des Gemeindehauses aufbewahrt werden. Mittlerweile weiss ich, welche Daten wo gespeichert sind. Im Datenparadies Schweiz ist das ja auch noch leicht. Insofern mache ich nichts, was andere nicht auch könnten.

Sie profitieren also davon, dass andere zu lasch sind?
Gegenfrage: Schneiden Sie sich selbst die Haare? Eben. Man bezahlt mich für meine professionelle Arbeit. Logischerweise kriege ich nur Aufträge von ­Leuten, die es alleine nicht geschafft ­haben.

Sie haben eben erst mit Ihrem Nebenjob begonnen. Wie ist denn die Auftragslage im Moment?
Ich habe derzeit vier Anfragen, aber noch keinen unterzeichneten Vertrag. In drei Fällen geht es um die Suche nach dem leiblichen Vater.

Welche Informationen brauchen Sie dafür?
So viele wie möglich. Geburtsdatum, Arbeitgeber, Hobbys. Einmal habe ich alle Fussballvereine der Umgebung abgeklappert, weil ich wusste, dass der ­Gesuchte leidenschaftlicher Fussballer war. Ein andermal war die Information entscheidend, dass ein Mann Saisonnier in einer Metallfirma war. Ich hänge mir jeweils eine Chronologie mit allen Informationen an die Wand.

Wie ein Kommissar im Krimi?
Ja.

Ist das ein Bubentraum von Ihnen?
Nein, das nicht. Als ich noch bei TeleZüri gearbeitet habe und zum Beispiel Angehörige von Opfern suchen musste, habe ich gemerkt, dass mir diese Art von Arbeit liegt. Und ich wurde immer besser darin. Es gibt in diesem Job nur Erfolg oder Misserfolg, diese Herausforderung gefällt mir.

Wie wichtig ist es Ihnen, dass Sie dabei Leuten helfen?
Ich bin nicht der Sozialarbeiter. Mir geht es primär darum, dass ich Freude an der Arbeit habe. Aber natürlich ist das meist eine emotionale Sache, dann helfe ich gerne. Man könnte das halb altruistisch nennen. Nachdem ich den vermissten Vater eines 53-jährigen Mannes in Australien aufgespürt hatte, erhielt ich von beiden eine Dankes-E-Mail. Das war schön.

Da fühlt man sich doch ein wenig wie Rudi Carrell in «Lass dich ­überraschen».
Diese Sendung habe ich nie gesehen. Ich finde einfach die Reise, die ich auf der Suche mache, spannend. Und möchte mit dem, was ich gerne tue, Geld verdienen. Sogar wenn ich im Ausgang Leute kennen lerne, betreibe ich manchmal «Profiling»: Ach, Sternzeichen Löwe, das heisst, die Person ist irgendwann zwischen 23. Juli und 23. August geboren. Das nennt man dann wohl Déformation professionnelle.

Wie viel Glück spielt bei Ihrer Arbeit mit?
Natürlich gehört Glück dazu. Aber es ist das Glück des Tüchtigen. Oft ist auch Pech im Spiel: Einmal habe ich einen Vater in Italien gefunden. Doch der hatte eine neue Familie und wollte seine Tochter nicht kennen lernen. Das ist natürlich frustrierend.

Ist es Ihnen nicht unangenehm, eine solche Hiobsbotschaft zu ­überbringen?
Nein. Es gibt immer einen Grund, warum Menschen nicht mehr im Leben anderer sind. Etwa weil sie tot sind oder im Gefängnis oder dement oder eben weil sie es schlicht nicht wollen. Das ist Teil des Spiels, und ich bereite meine Auftraggeber darauf vor.

Was ist der kurioseste Fall, den Sie erlebt haben?
Spannend war es sicher, einen Menschen zu finden aufgrund eines kleinen Kärtchens vom Einwohnermeldeamt aus dem Jahre 1938. Hier bin ich und suche mithilfe von uralten Daten eine Person in der Gegenwart. Da wird man nachdenklich.

Sie sagen, Sie klappern auch ­«inoffizielle Datenbanken» ab. Wie geht das?
Das geht nur über Kontakte. Ein Beispiel: In einem Fall kam ich nicht weiter, spürte aber, dass die Lösung irgendwo da draussen lag. Also habe ich einen Aufruf auf Facebook gepostet mit dem Vornamen und dem Geburtsdatum der Gesuchten. Kurze Zeit später bekam ich von einer Facebook-Freundin eine Adresse. Sie arbeitet auf einer Bank und hatte wohl irgendwie Einsicht in Kundenlisten.

Das scheint nicht ganz legal zu sein.
Nein. Aber ich veröffentliche ja auch keine Daten. Ich verletze also kein Recht. Manchmal können mir Ämter aus Datenschutzgründen keine Auskunft geben. Die meisten Beamten sind einem aber wohlgesinnt, wenn man freundlich ist. Ich bekomme öfter Tipps wie «Ich kann Ihnen den Namen nicht sagen. Aber Sie könnten ihn in einer Zivilstandsmeldung finden, die wurden früher im ‹Tagblatt› abgedruckt.»

Wie viel verlangen Sie?
Mein Stundenansatz beträgt 90 Franken. Die Suche kann Tage, aber auch Monate dauern. Deswegen setzt der Kunde ein Kostendach fest. Bräuchte ich so lange wie bei meinen Recherchen fürs Fernsehen, käme ich auf ein Honorar von ungefähr 2700 Franken pro Fall. Ein Anwalt ist sicher teurer.

Suchen Sie auch verlorene Büsi?
Nein. Und auch keine polizeilich gesuchten Personen, Schuldner oder Leute, die gar nicht gefunden werden wollen. Es gab schon Fälle, wo ein Auftraggeber seine Ex-Frau und seine Tochter stalken wollte. Da habe ich die Suche natürlich sofort abgebrochen.

Ist Ihre Dienstleistung hierzulande einzigartig ?
Es gibt Privatdetektive, sie treiben eher Schuldner auf. Und es gibt Ahnenforscher. Was ich mache, macht meines Wissens in der Schweiz sonst keiner.

www.dermenschensucher.ch

Erstellt: 04.06.2014, 02:38 Uhr

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