Was steckt hinter dem Mermaid-Trend?

Mermaids bevölkern derzeit Zürichs Gewässer. Sie inspirieren manche Frauen gar zur Namensänderung.

So leicht es auch aussieht: Das Schwimmen mit der Flosse und das Abtauchen in die Fantasiewelt sind ein Kraftakt. Foto: Corina Pauli

So leicht es auch aussieht: Das Schwimmen mit der Flosse und das Abtauchen in die Fantasiewelt sind ein Kraftakt. Foto: Corina Pauli

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Wären sie ganz Tier, man würde sie für eine invasive Spezies halten. Verdammt dazu, ausgerottet zu werden. Man trifft sie überall da, wo es genügend Wasser zum Schwimmen hat. Am Fluss, im Hallenbad, am See. Meist erblickt man zuerst die grosse, farbige Flosse, die kurz aus dem Wasser ragt und sogleich wieder verschwindet. Später erspäht man den Fischschwanz mit Flosse irgendwo am Wasserrand wieder – und dazu Oberkörper und Gesicht einer jungen Frau.

Mermaiding heisst die Sportart, die das weibliche Geschlecht begeistert. Die Wahl zur «Miss Mermaid Switzerland» fand kürzlich in Murten statt, Partyangebote und Fotoshootings locken auch ältere Frauen ins Wasser. In Kursen lernen Mädchen die Schwimmtechniken der Meerjungfrauen. Etwa bei Corina Pauli, Leiterin der Schwimmschule Bubble-Swim. Wir treffen sie in einem Schwimmbad in Winterthur, wo vier Mädchen den letzten Kurstag absolvieren.

Ach ja, Corina Pauli ist nicht im Klärbecken-Pool des ERZ von Ex-Chef Pauli auf den Geschmack des Mermaiding gekommen. Die beiden sind nicht verwandt. Corina Pauli fand über die Unterwasserfotografie zum Mermaiding.

Frau Pauli, warum fasziniert Mermaiding so?
Es geht um viel mehr als nur darum, mit der Flosse im Wasser herumzuschwimmen. Es geht um das Gefühl, tatsächlich eine Meerjungfrau zu sein. Als Mermaid kannst du die Fantasiewelt leben und völlig abtauchen.

Die Kursmädchen kennen das Fabelwesen aus den neusten Jugendserien wie «H2O – Plötzlich Meerjungfrau» oder «Mako – Einfach Meerjungfrau», oft spielen sie die Figuren aus dem Film im Kursbecken nach. Der Disney-Klassiker «Arielle, die Meerjungfrau» war vor ihrer Geburt aktuell.

Seit Jahrhunderten träumen die Menschen von menschenähnlichen Wesen im Wasser. Schon die frühen Seefahrer wollen auf Felsen räkelnde Meerjungfrauen erspäht haben (oder wohl eher Seekühe für solche gehalten haben). Auch zahlreiche Dichter haben das Motiv aufgenommen. Das bekannteste Märchen «Die kleine Meerjungfrau» stammt aus der Feder von Hans Christian Andersen. Mit der Statue im Hafen von Kopen­hagen wurde die Figur in Bronze gegossen.

Die Schwimmtechnik erinnert an eine Kopulationsbewegung.
So habe ich das noch nie gesehen, aber stimmt. Der Impuls zur Wellenbewegung kommt von der Flosse aus, dadurch wird das Becken gekippt. Auch wenn es einfach aussieht: Mermaiding ist anstrengend. Dazu kommen die verschiedenen Drehungen, bei Fortgeschrittenen dann synchrone Übungen. Dafür muss man lange tauchen können.

Die Mermaid-Monoflossen sind in der Regel aus leichtem Plastik, der Kunststoffstrumpf wird darübergezogen. Profis zwängen sich in ein schwereres Silikongewand. Ursprünglich gedacht war die Monoflosse fürs Apnoetauchen, also für Tauchgänge ohne Sauerstoff.

Gibt es Männer, die Mermaiding praktizieren?
Es gibt einige, aber sie sind in der Minderzahl. Sie nennt man eher Neptun oder Poseidon. Und die Idee des Mermaiding im amerikanischen Weeki Wachee stammt ja auch von einem Mann.

Newton Perry, der Marinesoldaten der amerikanischen Armee im Zweiten Weltkrieg im Unterwasserschwimmen trainierte, war es, der 1949 die Quelle des Weeki-Wachee-Flusses für sein Geschäftsmodell wählte. Im kleinen Ort vor dem Golf von Mexiko liess er ein Unterwassertheater bauen, in dem Meerjungfrauen Shows zeigten. Über einen Schlauch wurde das Wasser mit Sauerstoff angereichert. Später übernahm die American Broadcasting Company das Theater, drehte darin zahlreiche Filmszenen, und Elvis Presley kam als Besucher. Weeki Wachee wurde zum Touristenort und ist es bis heute.

Werden Sie nicht manchmal belächelt für Ihre Schwimmschule?
Tatsächlich müssen wir um Anerkennung kämpfen. Deshalb bieten wir auch Mermaid-Rettungsschwimmkurse an, in denen die Mermaids lernen, andere Schwimmer zu retten.

Ob das helfen wird, wird sich zeigen. In Paulis Kursen erhalten alle ein Zertifikat und ein Abzeichen, das aber nicht vom Schwimmverband anerkannt wird. Die Kursrückmeldungen sind gut, viele Mädchen wollen fortan nur noch mit der Flosse schwimmen. Melissa Dawn hat genau das getan: Die amerikanische Freitaucherin, die fünf Minuten unter Wasser die Luft anhalten kann, lebt vom Meerjungfrau-Sein und heisst nun auch im Pass Mermaid Melissa.

Wie fest sind Sie Meerjungfrau? Im All
tag nicht mehr oft, aber in Gedanken und im Unterbewusstsein permanent. Letzthin habe ich geträumt, jemand hätte mich unter Wasser gezogen und ich hätte einfach so weitergeatmet – durch Kiemen. Das war mein schönster Traum. Schön wärs, er würde wahr. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 23.06.2017, 20:08 Uhr

Corina Pauli


Leiterin Bubble-Swim

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