Wenn mit der Einladung auch die Ausladung kommt

Gehört es sich, auf einer privaten Einladung anzugeben, wann die Gäste das Haus wieder zu verlassen haben? Oder ist das einfach nur bünzlig?

Hätten die Gastgeber bloss gesagt, wann Schluss ist: Peter Sellers im Kultfilm «The Party» (1968). Foto: Sunset Boulevard (Getty Images)

Hätten die Gastgeber bloss gesagt, wann Schluss ist: Peter Sellers im Kultfilm «The Party» (1968). Foto: Sunset Boulevard (Getty Images)

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Schmeissen Sie mal einen Gast, einen, den Sie mögen dazu, charmant raus. Gar nicht so einfach!

Ringer ginge es doch, die Gäste wüssten bereits vor ihrem Eintreffen, wann von ihnen ein Abgang erwartet wird. Ob es nur einen Apéro (vielleicht nicht einmal riche) gibt. Ob sie um 23 Uhr noch einen zweiten Schnaps erwarten dürfen. Ob sie den Anlass satt verlassen oder sich einen Platz in ihrem Lieblingsitaliener reservieren sollen.

Sie finden das bünzlig? Man darf in dieser Frage gespalten sein.

Anstoss, die Frage zu stellen, gab die renommierte Verhaltensökonomin Iris Bohnet. Die Zürcherin lehrt seit zehn Jahren in Boston. In den USA, sagte Bohnet in einem Interview mit der NZZ, sei es oft der Fall, dass auf einer Einladung stünde: «von 19 bis 21 Uhr». Sie findet, man gehe dann eher hin, «weil man weiss, dass es nicht spät wird». Und weil das Ganze unkomplizierter sei.

Ist es okay, um 20 Uhr aufzutauchen, wenn ab 19 Uhr eingeladen wurde?

Aber eben, ist es nicht auch bünzlig, seine eigenen Freunde mit der Einladung auch gleich wieder auszuladen?

Fazit einer Miniumfrage: Die weit aufgerissenen Augen der Kolleginnen und Kollegen, die man danach fragt, signalisieren «Gaht s no?». Ja, eigentlich schreien sie «Büüüüünzli!».

Benimmpapst nimmt es locker

Christoph Stokar ist in dieser Frage meinungslos. Noch. Denn der Zürcher Benimmpapst lässt sich darauf ein. Er sitze gerade auf der Kleinen Scheidegg an der Sonne, sagt er unanständig fröhlich am Telefon (für einen Benimmpapst lacht er dazu ziemlich dreckig). Er sei noch nie an einen Anlass eingeladen worden, der nicht nur «von vorne her» begrenzt gewesen sei. Aber «wenn ich mir das so überlege»: Schon da begännen die Schwierigkeiten. «Das Wort ‹ab› hat es in sich», meint Stokar. Das stelle einen als Gast vor gewisse Fragen: Ist es okay, um 20 Uhr aufzutauchen, wenn ab 19 Uhr eingeladen wurde? Sogar um 20.30 Uhr? Oder ist es viel eher unhöflich, vor 19.30 Uhr aufzutauchen?

Umfrage

Ist es ok, auf einer privaten Einladung anzugeben, wann die Gäste wieder gehen sollen?




Ohnehin weise das Zeitfenster doch eigentlich ganz viele Vorteile auf. Etwa die Möglichkeit, gar nicht aufzutauchen. Sie sei viel «einfacher zu wählen», wenn es sich für eine halbe Stunde nun wirklich nicht mehr lohne. Viel schlimmer fände er es – «und das kommt oft vor!» (man stellt sich Stokar nun mit weit aufgerissenen Augen auf der Kleinen Scheidegg vor) –, wenn auf 18 Uhr eingeladen werde und es dann nichts zu essen gäbe.

Fazit Stokar: Unhöflich ist ein Zeitfenster nicht, vor allem, wenn es sich um Veranstaltungen wie Kaffee und Kuchen oder Apéro am Nachmittag handelt. Am Abend hingegen müsse man sich den Vorwurf, bünzlig zu sein, gefallen lassen. Das sei etwa ebenso charmant, wie nach dem Dessert trotz eisiger Temperaturen richtig durchzulüften.

Das Ende wird immer wichtiger

Das Ende des Anlasses, also der Zeitpunkt des Endes, wird mit zunehmendem Alter wichtiger. Früher, als der Autor dieser Zeilen noch 10, 15 Jahre jünger war, war es einfacher: Die Länge war alleiniges Qualitätskriterium einer Party. Bis 1 Uhr: okay. Bis 3 Uhr: gut. Bis 4 oder 5 Uhr: grandios! Die grosse Frage lautete damals: Wann gehe ich hin? Und nicht: Wann gehe ich wieder heim?

Ein grosser Schritt auf dem Weg zum Erwachsenwerden ist denn auch, gehen zu können. In der Nacht ist es zudem einfacher als am frühen Abend, eine Party oder ein Nachtessen zu beenden. Mit Nebenbemerkungen lässt sich das meist bewerkstelligen.

Das Zeitfenster als Affront gegenüber seinen Freunden und Gästen? Nein, sagt Hanspeter Vochezer. Er baut als Knigge-coach und ehemaliger Butler auf eine langjährige Erfahrung in der internationalen Hotellerie und sagt: «Eine Einladung darf fast alles.» Eine gute Einladung mit den richtigen Informationen bringe für beide Seiten Entlastung und beantworte die wichtigen Fragen. Was erwartet man von mir als Gast? Was darf ich vom Gastgeber erwarten? Dasselbe gelte auf für Zeitfenster. «Zeitliche Begrenzungen sind bei uns zwar nicht verbreitet», sagt Vochezer, «sie sind aber keinesfalls unhöflich.»

Ähnlich sieht das Lisa von Werdenberg. «Der Gastgeber bestimmt. Über alle Freiheiten und eben auch über alle Begrenzungen», sagt die Kniggefachfrau, die redet, wie es das Klischee verlangt: sehr ruhig und gepflegt. In der Schweiz erhalte man selten zeitlich begrenzte private Einladungen, «der Zürcher lädt am meisten zum Znacht ein». Da gebe es implizit die Erwartung, dass die Gäste irgendwann gehen würden. Üblicherweise nach dem Schnaps.

Fazit der Experten: Die Möglichkeiten, die eine Einladung bietet, werden zu wenig ausgeschöpft. Das lässt Raum für Enttäuschungen und Missverständnisse. Etwa, dass man sich an seinem eigenen Cocktailabend an der Garderobe der Gäste stört. Oder eben findet: Jetzt wäre langsam Zeit, dass sie gehen.

Der beste Taktfahrplan der Welt

Die Restaurants haben das Zeitfenster übrigens auch entdeckt. Bei der Reservation gilt es immer mehr, einen Slot zu wählen. Im Restaurant Josef beispielsweise stehen am Abend zwei «Seatings» zur Auswahl: 18.30/19 Uhr bis 21 Uhr, die zweite Runde startet um 21.15 Uhr. Das gibt den Restaurants die Garantie, ihre Tische zweimal verkaufen zu können, ohne die Gäste der ersten Runde unangenehm mit einem Kaffee aufs Haus und der Rechnung rauszukomplimentieren.

Man kann jetzt tief seufzen und sagen, das «Verhocken» gehöre immer noch zur Ausgehkultur in dieser Stadt. Oder es sehen wie der Kollege, der Restaurants bevorzugt früh abends aufsucht: «Das gibt einem die Gewähr, dass man anständig und aufmerksam bedient wird.»

Fazit: Was nach Effizienz tönt, das möchte man aus seinem Privatleben verbannt wissen. Obwohl das typisch Zürich wäre: Zürich ist eine schnelle, gut organisierte Stadt mit schnellen, gut organisierten Bewohnern. Das Zeitfenster auf Einladungen entspricht uns eigentlich. Bloss ist Zürich dafür vielleicht (noch) etwas zu cool. Weil man sich (noch) nicht eingestehen will, dass auch das Privatleben dem besten Taktfahrplan der ganzen Welt gleicht.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.01.2017, 11:15 Uhr

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