«Wer Geld hat, wird bewundert»

Der Zürcher Glücksforscher Bruno S. Frey sagt, dass es mehr brauche als viel Geld, um zufrieden zu werden. Man solle aufhören, sich ständig zu vergleichen.

«Reiche müssen nicht ans Geld denken», sagt Bruno S. Frey.

«Reiche müssen nicht ans Geld denken», sagt Bruno S. Frey. Bild: Samuel Schalch

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Fast alle Menschen in der Schweiz haben mehr als genug Geld zum Leben. Trotzdem wollen die meisten reicher werden. Warum?
Die Menschen vergleichen sich mit denen, die mehr haben als sie selber. Und in der Schweiz gibt es halt viele, die sehr viel besitzen. An diesen misst man sich. Es ist erstaunlich, was sich Menschen leisten, die reich geworden sind. Sie fliegen etwa erste Klasse. Das ist sehr teuer und bringt fast nichts. Aber man glaubt, dass es die anderen beeindruckt.

Geht es mehr um Status als um Geld?
Genau. Und je höher hinauf man kommt, desto höher setzt man den Status, den man übertreffen will.

Hört das nie auf?
Eigentlich nicht. In der Biografie des griechischen Milliardärs Aristoteles Onassis erfährt man, dass er sich nicht als besonders reich wahrnahm. Denn es gab noch ein paar Griechen, die mehr Geld und eine längere Jacht hatten.

Ist es intelligent, stets nach oben zu schauen?
Nicht nur. Manchmal wäre es klüger, sich gegen unten zu orientieren – an Menschen, die nicht so gut vorankommen. Oder an jenen, die in armen Ländern leben. So merkt man, wie viel man selber hat. Das hebt die Zufriedenheit.

Umfrage

Wie stark ist Ihr Streben nach mehr Geld?





Aber man tut es nicht. Wieso?
Der Drang nach oben steckt tief in uns Menschen. Er zeigt sich in vielen Bereichen. Ich forsche auch über Orden: In England etwa gibt es Leute, die haben schon über 20 davon, aber sie wollen immer mehr. Das ist nicht nur negativ. Vielleicht haben wir uns deshalb von den Tieren abgekoppelt, weil es uns immer nach oben gezogen hat. So entsteht immer wieder Neues und Schönes.

Manche Menschen geben sich mit ihrem Lohn zufrieden. Ist das eine Charakterfrage?
Es gibt Unterschiede: Menschen, die sich wirklich für eine Sache interessieren, für Kunst oder Wissenschaft etwa, werden eher selten richtig reich. Jenen, die nach Geld streben, ist es dagegen völlig egal, womit sie reich werden. Aber bei dieser Frage spielt das Umfeld wohl eine grössere Rolle als der Charakter.

Wie meinen Sie das?
Es kommt stark darauf an, wo man gross wird. Nehmen Sie mich als Beispiel: Ich wuchs in einem Mittelstandsquartier auf, wir hatten ein Häuschen und ein Auto, wie alle anderen rundherum. Das reichte. Diese Stimmung hat mich geprägt. Ich ging in die Forschung, nicht auf die Bank, wo ich besser verdient hätte. Wäre ich aber an der Goldküste aufgewachsen und hätte eine Privatschule besucht, wären die Eltern meiner Kollegen immer erster Klasse geflogen, dann hätte ich wahrscheinlich gedacht, dass ich das alles auch haben muss.

Ärmere Leute in der Schweiz sehen überall Reichtum. Wie ist das?
Der allgegenwärtige Wohlstand – etwa die vielen teuren Autos auf den Strassen – setzt viele Menschen unter Zugzwang.

Ist dieser Zugzwang auch nützlich? Ihre Forschung hat ja ergeben, dass Geld tatsächlich glücklich macht.
Das Schlimme am Armsein ist, dass man sich ständig ums Geld kümmern muss. Denn dieses fehlt immer. Wenn die Waschmaschine kaputtgeht oder eine Zahnarztrechnung reinkommt, wird es sofort eng. Das verursacht viel Stress. Wer dagegen zum oberen Mittelstand gehört, kann sich sorglos seiner Freizeit­gestaltung widmen. Der Luxus am Reichsein besteht darin, nicht immer ans Geld denken zu müssen.

Gleichzeitig sagen Sie, dass Geld ab einer bestimmten Menge nicht mehr viel zum Glück beiträgt. Wie gross ist dieser Betrag?
Er lässt sich nicht genau beziffern. Die Studien sind aber eindeutig: Wenn ärmere Leute mehr Geld verdienen, steigt ihre Zufriedenheit deutlich. Ab einem bestimmten Punkt aber, wenn die Grundbedürfnisse gedeckt sind und man relativ komfortabel lebt, flacht die Kurve stark ab. Mehr Geld schafft dann kaum mehr zusätzliches Glück. Es kann sogar unglücklicher machen.

Wieso?
Reichtum bringt auch Nachteile mit sich. Um ein Vermögen muss man sich ständig kümmern, sonst verschwindet es. Ein grosses Vermögen erschwert auch persönliche Beziehungen. Reiche wissen nie ganz sicher, ob ihre Freunde sie wirklich mögen oder nur des Geldes wegen ihre Nähe suchen. Wohlhabende werden zudem stark beneidet. Alle wollen, was sie haben. Und in vielen Ländern schirmen sie sich ab, weil sie Entführungen oder Überfälle fürchten.

Dann lohnt es sich nicht, noch reicher zu werden, wenn man schon einen anständigen Lohn hat?
So einfach ist es nicht: Reichsein bietet auch viele Vorteile. Es schafft Sicherheit für die letzte Lebensphase, ermöglicht ein sorgloses Alter. Ebenfalls wichtig ist: Wer Geld hat, wird bewundert. Besitz macht Erfolg sichtbar, diese Sprache verstehen alle. Reiche können ausserdem politischen Einfluss ausüben oder als Mäzene Künstlerinnen fördern.

Was überwiegt? Vor- oder Nachteile?
Im Urteil der meisten Menschen: die Vorteile. Aber man muss aufpassen, dass man vor lauter Geldscheffeln nicht andere Glücksfaktoren vernachlässigt.

Welche?
Gesundheit, Freunde, Familie. Kranke oder einsame Menschen bezeichnen sich selten als glücklich, da können sie noch so viel Geld haben. Um Zufriedenheit zu erreichen, ist es entscheidend, mit Freunden oder Verwandten eine gute Zeit zu verbringen. Auch die Gesundheit sollte man nicht dem Geldverdienen opfern. Das lohnt sich nicht.

In der Schweiz hört man oft: Die Menschen in armen Ländern sind glücklicher, weil sie sich weniger um Materielles kümmern müssen.
Dieses Klischee beruht auf einer Riesentäuschung. Es ist verständlich, dass sich Menschen aus ärmeren Ländern gerne fröhlich geben, wenn sie sich um Touristen kümmern. Das wird von ihnen erwartet. Das gibt mehr Trinkgeld. In Wahrheit lebt man in armen Ländern sehr nahe am Abgrund. Ein Unfall oder eine Krankheit reichen, um das Leben zu zerstören. Dazu kommt eine extreme Ungleichheit. In der Schweiz fühlt man sich als Normalbürger den Reichen und Mächtigen nicht unterlegen, man hat ja die gleichen Rechte wie sie. In ärmeren Ländern dagegen müssen sich die unteren Schichten sehr demütig verhalten. Das alles führt dazu, dass sich solche Länder in den Zufriedenheitsstatistiken immer am unteren Ende befinden.

Beobachtet man die Gesichter in den Schweizer Trams, scheint auch hier nicht viel Freude zu herrschen.
Finden Sie? Ich sehe auch viele fröhliche Gesichter, vor allem bei den Jungen. In den Glücksrankings erreicht die Schweiz immer die obersten Plätze, gemeinsam mit den skandinavischen Ländern.

Die sind auch alle wohlhabend.
Das ist eine zentrale Voraussetzung. Wichtig ist aber auch, dass das politische System funktioniert und Bürger die Möglichkeit haben mitzubestimmen. Totalitäre Regierungen machen so unglücklich wie Armut.

Die Schweiz ist eines der reichsten Länder, die es je gegeben hat. Und sie wird immer noch reicher. Wäre es nicht Zeit zu sagen: Es reicht?
Viele Schweizer rennen nicht mehr allein dem Geld nach. Die meisten jüngeren Menschen, die ich treffe, haben andere Ziele, als bei einer Bank einzusteigen, um viel zu verdienen. Dieser Ansatz wirkt schon fast veraltet. Die Jungen suchen nach einem Sinn in der Arbeit und achten darauf, genug Freizeit zu haben. Trotzdem: Das Wirtschaftliche bleibt extrem wichtig. Das Streben nach mehr Geld wird nie verschwinden.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 06.08.2017, 18:19 Uhr

Artikel zum Thema

Drei Eltern, zwei Kinder, eine Familie

Bellevue Grosses Glück unter dem Regenbogen: Wie zwei Lesben und ein Schwuler zusammen zwei ­gemeinsame Buben grossziehen. Mehr...

«Ist die Brüllphase vorüber, folgt nahtlos die Pubertät»

Bellevue Unvorstellbar, aber doch einen Gedanken wert: Eine dreifache Mutter und ein kinderloser Papa tauschen die Rollen. Mehr...

Bruno S. Frey

Pionier der Glücksforschung

Der Wirtschaftsprofessor lehrte lange in Zürich und ist heute ständiger Gastprofessor an der Universität Basel. Frey zählt zu den Pionieren der ökonomischen Glücksforschung. Der 76-Jährige hat zahlreiche Bücher veröffentlicht; das jüngste («Wirtschaftswissenschaftliche Glücksforschung», Springer- Gabler-Verlag) bietet eine kompakte Zusammenfassung seiner Erkenntnisse. (bat)

Sommertraum vom Geld (1/6)

Die Sommerferien sind der ideale Zeitpunkt, um zu träumen. Um seinen Gedanken nachzuhängen. Und sich seinen Wünschen hinzugeben. Und so widmen wir uns in den kommenden Wochen sechs Träumen. Dem Traum von der Jugend, vom Ruhm, von der Familie, vom Geld, von der Freiheit – und zum Schluss dem Traum vom Traum.

Tauchen Sie ein in unsere Traumwelt. Schöne Ferien, schöne Träume!

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

TA Marktplatz

Kommentare

Weiterbildung

Lehrstellen

Sich zu bewerben heisst für sich werben

Die Welt in Bildern

Affentheater: Ein Kapuzineraffe begutachtet das neue Primatengehege im Zoo Servion (VD). (13. Dezember 2017)
(Bild: Jean-Christophe Bott) Mehr...