Wie Einstein zum Zürcher wurde

Fünf skurrile Trouvaillen der Zürcher Alltagsgeschichte, die ein Projekt des Staatsarchivs zutage bringt.

War einst Sans-Papiers in Zürich: Albert Einstein, wie wir ihn heute kennen.

War einst Sans-Papiers in Zürich: Albert Einstein, wie wir ihn heute kennen. Bild: Keystone

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Was haben ein Sans-Papiers namens Albert Einstein, ein betrunkener Polizist und ein in Frauenkleidern flüchtender Militärkader gemeinsam? Nicht gerade viel, aber: Der Zürcher Regierungsrat hat in den vergangenen 200 Jahren über ihr Schicksal entschieden. Seit der Gründung des Kantons Zürich 1803 fasst die Regierung Beschlüsse, die das Leben in Zürich regeln. Das Staatsarchiv digitalisiert seit 2009 eine halbe Million Seiten von Regierungsratsbeschlüssen und Kantonsratsprotokollen.

Der Aktenbestand gehört neben der offiziellen Gesetzessammlung und dem Amtsblatt zu den zentralen Serien im Staatsarchiv. «Sie sind der Spiegel der jüngeren Zürcher Geschichte», sagt Beat Gnädinger, Staatsarchivar des Kantons Zürich. Nun steht das Transkriptionsprojekt kurz vor dem Abschluss. Die digitalisierten Beschlüsse und Protokolle können mit einer Volltextsuche durchforstet werden – zumindest jene, die keiner Schutzfrist mehr unterliegen. Wir haben im Folgenden fünf besonders skurrile Aktenfunde zusammengefasst.

Zürcher trinken zu viel Bier

Im Herbst 1826 hat der Regierungsrat angeregt, eine zusätzliche Abgabe auf das Bier zu erheben. Der Grund dafür war, dass «der Consum von fremdem und inländischem Bier in hiesigem Kanton sint einiger Zeit überhand» genommen habe, wie es im entsprechenden Beschluss heisst. Die Regierungsräte dachten dabei jedoch nicht etwa an einen Beitrag, um Sozialversicherungen zu finanzieren, wie das heute mit der Alkoholsteuer der Fall ist. Besorgnis erregte vielmehr, dass die Zürcherinnen und Zürcher Bier statt Wein tranken. Der Wohlstand der Weinbauern im Kanton stehe auf dem Spiel, warnte der Regierungsrat.

Verschleppte Abstimmungsresultate

Ob der Polizeisoldat Leimbacher an einem Abstimmungstag im Juli 1888 zu viel Wein oder Bier getrunken hat, ist nicht überliefert. Er war aber auf jeden Fall zu betrunken, um die Abstimmungsresultate abzuholen, wie die Direktion des Innern gegenüber der Gemeinde Ossingen im Zürcher Weinland einräumte. Ossingen hatte gegen eine Ordnungsbusse von zehn Franken rekurriert, die ihr die Regierung auferlegt hatte. Doch die Einsprache nützte nichts, denn die Abstimmungsresultate hätten ohnehin nicht rechtzeitig vorgelegen.

Ordnungsbusse für die Gemeinde Ossingen im Jahr 1888. Bild: Staatsarchiv Zürich

Dazu hatte die Gemeinde eine zweite Ausrede: Der zuständige Gemeinderatsschreiber sei erst am Montagabend spät heimgekehrt – drei Tage nach dem Abstimmungstag. Auch dafür zeigte die Regierung kein Verständnis. Übrigens: Eine der Abstimmungsvorlagen drehte sich um «das Gesetz betreffend das Wirthschaftsgewerbe und den Kleinhandel mit gebrannten Wassern», es wurde mit über 60 Prozent angenommen.

Unruhen wegen Schulbüchern

Nicht abgestimmt hatte das Zürcher Stimmvolk über eine Schulreform in den 1830er-Jahren. Umso mehr sorgten neue Lehrmittel im Sommer 1834 für Unmut. In der Gemeinde Stadel im Zürcher Glatttal stürmten 150 bis 200 Frauen und Männer die Bezirksschule und zerstörten die neuen Schulbücher. Der Regierungsrat beschloss, den örtlichen Polizeikräften «15 bis 20 Landjäger» beiseite zu stellen. Die aufgebrachte Bevölkerung liess sich davon nicht aufhalten. Die Proteste weiteten sich auf andere Dörfer aus. Ein «Haufen von Leuten» machte sich dazu auf, Verhaftete in Stadel zu befreien, heisst es in einem Beschluss.

Nun schickte der Regierungsrat weitere Sicherheitskräfte nach Stadel, namentlich: «1 Bataillon Infanterie, 1 Compagnie Artillerie, 1 Compagnie Scharfschützen und ½ Compagnie Dragoner.» Daraufhin beruhigte sich die Situation, und der Regierungsrat beschloss, die «gebrauchten Landjäger eine angemessene ausserordentliche Löhnung für den strengen Dienst verabfolgen zu lassen». Die aufgebotenen Militärtruppen wurden ebenfalls wieder abbestellt, nachdem 133 Bürger der Ortschaften Stadel und Schüfen eine «Gehorsamserklärung» unterzeichnet hatten.

In Frauenkleidern geflüchtet

Nicht bändigen konnte die Zürcher Kantonsregierung den Aufstand der Landbevölkerung am 6. September 1839. Tausende Bauern zogen bewaffnet gegen die freisinnige Regierung. Dabei war vom «heiligen Krieg» die Rede. Die kantonale Miliz stellte sich den Bauern entgegen, 15 Menschen starben. Vor dem Gefecht geflüchtet war ein «Herr Sulzberger aus Pfäffikon». Als Oberinstruktor der Infanterie verliess er seine militärische Stellung und flüchtete «in Weiberkleidern», wie es in einem Beschluss heisst. Grund genug für das Militär, Sulzberger zu entlassen.

Gegen diesen Entscheid rekurrierte er 1840 beim Regierungsrat. Dieser war in der Zwischenzeit neu bestimmt worden, denn die Zürcher Regierung hatte sich dem Willen der aufbegehrenden Masse 1839 fügen müssen und war zurückgetreten. Deutsche Medien sprachen damals vom «Züriputsch». Seither hat sich das ursprünglich nur in der Schweiz verwendete Wort «Putsch» auf der ganzen Welt verbreitet.

Sans-Papiers mit Weltruhm

Ebenfalls die ganze Welt geprägt hatte zu Beginn des 20. Jahrhunderts der Physiker Albert Einstein. Dass er seine Dissertation 1905 an der Universität Zürich einreichte, verdankte er unter anderem auch dem Regierungsrat. Dieser hatte ihm 1897 bis 1900 jeweils jährlich eine Aufenthaltsbewilligung gewährt. Denn der in Ulm geborene Einstein lebte damals als Sans-Papiers in Zürich, wie aus mehreren Regierungsratsbeschlüssen hervorgeht.

1901 verlieh ihm die Regierung definitiv das Zürcher Bürgerrecht. Der Regierungsrat unternahm auch in den folgenden Jahren viel, um Einstein an der Universität Zürich zu halten. 1909 schuf er eine auf Einstein zugeschnittene Professorenstelle und bezahlte die Kosten von 225 Franken für dessen Umzug von Bern nach Zürich. Als die Universität Prag den Physiker 1910 abwerben wollte, erhöhte der Regierungsrat Einsteins Jahresgehalt von 4500 auf 5500 Franken. Es nützte alles nichts. Der Professor folgte dem Ruf nach Prag und verliess Zürich 1911, was die Erziehungsdirektion mit Bedauern feststellte. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 03.10.2017, 17:02 Uhr

Digitalisierte Zürcher Geschichte

Seit acht Jahren transkribieren Studenten sämtliche Regierungsratsbeschlüsse und Kantonsratsprotokolle von 1803 bis 1995. Der Datenbestand umfasst 500 000 Seiten in 720 dicken Buchbänden. Bis Ende des 19. Jahrhunderts noch handschriftlich, danach in gedruckter Form. 2008 hatte der Zürcher Kantonsrat beschlossen, den Aktenberg zu digitalisieren, und dafür 4,1 Millionen Franken aus dem Lotteriefonds gesprochen.

Insbesondere die Transkription der handgeschriebenen Dokumente ist aufwendig. Zählt man die Stunden, die mehrere Dutzend Studenten aufgewendet haben, kommt man auf fast sechs Jahre. Im Schnitt tippen die Studierenden 5000 Zeichen pro Stunde. Deutlich geringer ist der Aufwand für gedruckte Beschlüsse und Protokolle. Diese können mit Programmen der optischen Texterkennung transkribiert, müssen danach aber noch überprüft werden, da die Texterkennung nicht fehlerfrei ist.

Das Projekt steht nun kurz vor dem Abschluss. Im Lauf des kommenden Jahres sollen alle Dokumente online ver­fügbar sein, sagt Staatsarchivar Beat Gnädinger. Bereits heute ist der grösste Teil der Regierungsratsbeschlüsse und Kantonsratsprotokolle über eine Volltextsuche auf der Internetsite des Staatsarchivs einsehbar. Vom Angebot wird ­gemäss dem Staatsarchiv rege Gebrauch gemacht: Unter den Nutzern vermutet Gnädinger Wissenschaftler, Journalisten, die Kantonsverwaltung, aber auch Privatpersonen. Restriktionen gibt es einzig bei Dokumenten, die Personendaten enthalten. Dabei gilt eine Schutzfrist von 30 oder 80 Jahren.

Die Themenvielfalt ist gross. Die Zürcher Regierung beschäftigte sich sowohl mit grossen Fragen wie Aussenbeziehungen oder Infrastrukturprojekten als auch mit Details wie der Anschaffung einer Schreibmaschine oder den Behandlungskosten eines Kranken aus dem Kanton Glarus.

www.staatsarchiv.zh.ch

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