Wie Miss Diva zum Bünzli wurde

In den 90er-Jahren war Branko B. Gabriel eine der extremsten Dragqueens von Zürich. Nach etlichen Alkohol- und Drogenabstürzen krempelte er sein Leben um.

Das wilde Partyleben ist Vergangenheit: Branko B. Gabriel als atemberaubende Dragqueen und heute, in seinem neuen Leben. Fotos: TV3, Doris Fanconi

Das wilde Partyleben ist Vergangenheit: Branko B. Gabriel als atemberaubende Dragqueen und heute, in seinem neuen Leben. Fotos: TV3, Doris Fanconi

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«Schätzli, ich bin kein arme Siech», sagt Branko B. Gabriel (41). Das hört man selten von einem, der die typische Heimkinderkarriere hinter sich hat. Der lange vergessen wollte (oder musste), dass er nie eine richtige Familie hatte. Der als Dragqueen Miss Diva Zürichs Partykönigin war; 20 Jahre lang, bis zum Umkippen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Wir treffen uns im Restaurant Viadukt. Gabriel trägt einen roten Strickpullover, ein enge graue Hose, Designer-Turnschuhe. Mit der Hand schiebt er ein Päckchen Zigaretten auf dem Tisch hin und her, schaut zum Fenster hinaus, dahinter Dunkelheit. Die Erinnerung an wilde Nächte in den Clubs nah und fern kehrt zurück. Spider Galaxy. Labyrinth. Aera. Cabaret. T&M. Kaufleuten.

Miss Diva war eine atemberaubende Dragqueen. Die Lippen feuerrot, Puder und Wimperntusche, Leopardenkleid, Plateaustiefel, fummeln, bis die Perücke hält. «Als Miss Diva konnte ich mir alles erlauben», sagt er. «Ich hatte den Ruf, eine elegante, eingebildete Zicke zu sein.» Fehlte der Champagner in der Garderobe, war die Hölle los, ohne Cüpli ging Miss Diva nicht auf die Bühne.

In diesen Jahren genoss Branko B. Gabriel die ungeteilte Aufmerksamkeit. Und er bekam, was er in der Kindheit selten hatte: Anerkennung. Denn der kleine Branko wurde «ständig herumgeschubst», wie er sagt – die Mutter ging anschaffen, der Vater war eine bekannte Grösse im Zürcher Nachtleben, die wenigen schönen Kindheitsjahre erlebte er bei der Grossmutter. Mit 8 kam er ins Waisenhaus Sonnenberg. Er rebellierte, flog von der Schule. Zum Glück war da «Fräulein Sandra». Sie arbeitete als Betreuerin im Waisenhaus, hin und wieder durfte er bei ihr die Wochenenden verbringen, in ihrem Schrank wühlen, alles anprobieren: Blusen, Röcke, Stöggis. «Wenn die Schranktür aufging, war ich glücklich.» Und dann, eines Tages, wagte er sich zum ersten Mal «als Lady» auf die Strasse; fand es faszinierend, ohne zu verstehen, weshalb.

Fasziniert von Joan Collins

Branko B. Gabriel redet schnell, ist humorvoll, schlagfertig, setzt sich gerne in Szene. Im Waisenhaus wehrte er, der Schmächtige, sich lieber mit Worten statt mit Fäusten. Später fing er eine Lehre als Uhren- und Schmuckverkäufer an. Mit 16 hatte er sein Coming-out, mit 20 ging er zum ersten Mal im Fummel in Zürich in den Ausgang. Er liebte die TV-Serie «Denver Clan», war fasziniert von Joan Collins. Sie spielte das Biest Alexis, sie wickelte Männer um den Finger. Er wollte das auch können.

Zürichs Partyleben wurde in den 90er-Jahren immer wilder. Und als Dragqueen hatte man viele Vorteile: Miss Diva ging auf Partys und wurde dafür bezahlt. Dabei war Gabriel kein zwanghafter Transvestit, keine Tunte im Glitzerkleid, eher eine Lichtgestalt im Dienste der Schönheit.

Es war eine gute Zeit – bis Ecstasy und Kokain Einzug hielten. Die erste Linie zog er 1995 auf der Kaufleuten-Toilette hoch: «Ein Schnupf, und ich hob ab. Ich tanzte die Nacht durch. Ich liebte es. Gleichzeitig war mir klar: Kokain tut mir nicht gut.» Er nahm es trotzdem, backstage gab es das Zeug meist gratis, für Miss Diva sowieso. Bald war er fast ständig drauf, die Nächte rasten und rauschten vorbei; er soff und sniffte sie weg, hemmungslos, rettungslos.

1998 kam der erste Zusammenbruch. Er wies sich selber in eine Entzugsklinik ein, fing an, über sein Leben nachzudenken, und realisierte: «Ich bin auf der Suche nach der Liebe, die ich als Kind nicht bekommen habe.» Nach drei Wochen ging er heim, glaubte sich über dem Berg. Am Abend der Heimkehr tanzte er bereits wieder auf einer Party. Als ihm jemand «etwas für die Nase» anbot, konnte er nicht widerstehen.

Bald darauf wurde Miss Diva zur Moderatorin der Erotiksendung «Lust und Liebe» (TV3) – und landesweit bekannt. Daneben stöckelte Branko weiter durch Partynächte. Und schleppte Typen ab, hatte ungeschützten Sex, steckte sich mit HIV an. Einmal schaute er bei sich zu Hause zu, wie einer sein Schmuckkästli leerte. «Wie hätte ich mich mit 20 Drinks und drei Gramm Kokain in der Birne noch wehren sollen?»

Obwohl das Nachtleben von Branko B. Gabriel dem Drogen- und Drinks-Takt unterworfen war, hatte er sich tagsüber noch einigermassen im Griff. Und gründete 2011 eine PR-Agentur, bei der auch sein VIP-Netzwerk zum Tragen kam. Er versorgte Miss Diva in der Mottenkiste, gegen das morgendliche Dröhnen im Kopf half Alka-Seltzer, notfalls schickte er eine Assistentin zum Termin. Und er versuchte es mit kontrolliertem Trinken.

Dreimal pro Woche Fitness

Vergeblich. 17. April 2013: Totalabsturz. Im Bett liegend, erinnerte er sich an eine Kollegin, die ihm von den Anonymen Alkoholikern (AA) berichtet hatte. Am nächsten Abend ging er zum ersten Treffen, fühlte sich am total falschen Ort – und sprach eine Viertelstunde später in der Runde doch die Worte: «Ich, Branko B. Gabriel, alkoholkrank . . . » Nach drei Monaten soff und schnupfte er erneut.

17. Juli 2014. Wieder ein Totalabsturz. Wieder ging er zu den AA-Treffen. Und ist jetzt seit 330 Tagen trocken. Auch, weil er sein Leben nachhaltig umkrempelte: Er arbeitet nun als Geschäftsführer einer Modeboutique, leitet daneben seine PR-Agentur, geht dreimal pro Woche ins Krafttraining. Viele der alten Freunde aber trifft er nicht mehr; stattdessen sitzt er jetzt auch einmal zu Hause und liest ein Buch.

Oder wie er es in seinen eigenen Worten formuliert: «Schätzli, ich bin auf dem besten Weg, ein Bünzli zu werden.»

Erstellt: 12.06.2015, 01:52 Uhr

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