Wo das Leben den Atem anhält

Wenn die Angst mit der Hoffnung ringt, schweigen die Menschen. Im Wartezimmer einer Zürcher Notfallpraxis wünschen sich alle, dass nichts passiert: bitte keinen Alarm, bitte keine Überraschungen.

Auf Wiedersehen wünscht sich niemand an diesem Ort: Wartezimmer einer Arztpraxis. Foto: Getty Images

Auf Wiedersehen wünscht sich niemand an diesem Ort: Wartezimmer einer Arztpraxis. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Das Traurigste sind die Kinder. Der Knabe mit den glasigen Augen, der mit den Beinen baumelt, weil der Stuhl, in dem er sich versteckt, für Erwachsene gebaut worden ist. Er, der nicht da sein sollte, wäre die Welt gerecht, wimmert leise. Seine Mutter versucht ihn zu trösten, sie streichelt sein Haar. Die Glocke ist ihr Zeichen, C203 ist endlich an der Reihe, bitte in Zimmer 2. Die Mutter nimmt den Knaben in den Arm und verlässt den Raum: «Uf Wiederluege.» Niemand erwidert den Gruss, niemand wünscht sich ein Wiedersehen an diesem Ort.

Ein Wartezimmer in einer Zürcher Praxis an einem Frühlingstag: sauber geputzter Parkettboden, ein verlebter Farn in einer roten Vase, zwölf Spots an der Decke, zwei davon defekt, leere Abfallkübel. Ein Fenster ist geöffnet, trotzdem ist es warm. Im Regal Broschüren über Schlafstörungen, Empfängnisverhütung und Prostatavergrösserung. Zur Zerstreuung eine alte «Annabelle», die «Schweizer Illustrierte» und die «Schweizer Familie», auf deren Titel Moderator Nik Hartmann mit Hund Oshkosh sagt: «Wir pinkeln keinem ans Bein.» In einer Ecke eine Kiste mit Bilderbüchern, «Der kleine Eisbär» und «Leo Lausemaus», der nicht zum Arzt will.

Online mit der Virenschleuder

Die Glocke ist ein Zweiklang, der an den Anfang eines Songs der britischen Musikgruppe Radiohead erinnert: «No alarm and no surprises», kein Alarm, keine Überraschungen. Thom Yorke beklagt darin die Monotonie, das ereignislose Leben. Hier aber hofft man auf Entwarnung. Zehn Schritte sind es vom Wartezimmer bis zum Zimmer 2. Bitte keinen Alarm, bitte keine Überraschungen.

Nachdem die Mutter und der kleine Bub gegangen sind, kehrt wieder Ruhe ein im Wartezimmer. Eine Frau mit Schal blättert im «Tagblatt», ein Mann im Anzug starrt auf sein Handydisplay, irgendein Spassvogel hat sein WLAN Virenschleuder genannt. Vielleicht checkt der Mann die Börsenkurse, die sich einen Deut scheren um seine Fieberkurve, oder er textet seiner Geliebten, dass es nichts werde mit dem Treffen heute Abend unter dem Hafenkran. Wer weiss das schon. Die Blicke der restlichen Wartenden treffen sich auf dem Parkettboden. Zu hören ist nur das Surren und Blubbern des Wasserspenders. Eden heisst das Modell, Paradies, und obendrauf liegt – man weiss ja nie – eine Schachtel mit blütenweissen Papiernastüchern.

Hoffentlich ist es nichts

Das Wartezimmer ist wie die Schalterhalle in der Post. Man holt sich eine Nummer und wartet, ängstlich und hoffnungsvoll: Kommt der eingeschriebene Brief vom Betreibungsamt? Hoffentlich passen die im Internet bestellten Schuhe. Ist der Knoten unter der Haut vielleicht doch bösartig? Hoffentlich ist es nichts.

Ein Mann mit dunklem Anzug und einer lila Krawatte betritt das Wartezimmer, nimmt Platz, schlägt die Beine übereinander und die Zeitung auf. «Die Schweiz wird zur Weltmacht im Krebs­geschäft», steht da. Der Mann wirkt entspannt, hat sich entweder mit dem Schicksal versöhnt oder hat bloss einen Termin, um sich ein neues Rezept für den Asthmaspray zu holen. Vielleicht ist die Lässigkeit auch gespielt. Keine Überraschungen. Hoffentlich ist es nichts.

Jetzt hustet der Mann mit der lila Krawatte aber. Die Frau mit den weissen Spitzenhandschuhen neben ihm wendet sich ab und rutscht nervös auf ihrem Stuhl hin und her. Sie kramt ihr Handy aus der Handtasche hervor, drückt ein paar Tasten, wartet. Weils eigentlich verboten ist, der Hinweis auf der Glastür ist unmissverständlich, flüstert sie ins Gerät: «Gebe dir Bescheid, sobald ich mehr weiss.» Hoffentlich ist es nichts.

Die Glocke: B102 in Zimmer 7 bitte.

Die Angst vor Ansteckung

Das Wartezimmer hat eine Fläche von vielleicht 20 Quadratmetern. Ein junges Paar gesellt sich zu den Anwesenden. Sie sagt leise «Grüezi» und hält sich den Bauch, der leicht gewölbt ist, er vermisst den Raum, und nimmt in grösstmöglicher Distanz zu den anderen Wartenden Platz. Wie im Zug, wo nur jedes zweite Abteil besetzt ist, wenn das Passagieraufkommen das erlaubt. Bloss, dass der Mensch hier nicht den Sockengeruch seiner Mitmenschen fürchtet, ihre stinkenden Lunchboxen oder zu laut aufgedrehten MP3-Player, sondern deren Krankheiten.

Öffnet sich die Glastür, dringen typische Arztpraxengeräusche ins Wartezimmer: Stimmen voller Mitgefühl, Schubladen, die auf- und zugehen, ein Laserprinter oder das aggressive Klacken des Bostitchs.

Der Nächste ist ein alter Mann. Er holt sich eine Zeitung, setzt sich neben den Wasserspender, der munter blubbert und doch von allen ignoriert wird, könnte er ja doch verseuchtes Wasser beinhalten. Als ob ihn längst nichts mehr anhaben könnte, befeuchtet der alte Mann vor jedem Blättern in der Zeitung seinen Daumen mit der Zunge.

Die Glocke: A108 in Zimmer 3.

Das Leben findet draussen statt. Trams rattern vorbei, Vögel zwitschern, Teenager balgen, Halbstarke drücken aufs Pedal, Lastwagenfahrer hupen. Drinnen hält das Leben den Atem an: kein Alarm, keine Überraschungen.

Ertönt der Zweiklang, schrecken alle auf, blicken auf den kleinen Zettel in der Hand, dann auf den Flachbildschirm, als ginge es um die Verkündung der Lottozahlen. Dem Gewinner lockt ein Satz: «Das geht vorbei.» Zwölf Schritte sind es bis zu Zimmer 3. Bitte keinen Alarm, bitte keine Überraschungen.

Meistens hastet jemand aus dem Wartezimmer, während die anderen, sofern die Kräfte ausreichen, seufzen, und genervt auf die Uhr am Handgelenk schauen. Nur wenn nach dem Zweiklang niemand aufsteht, streckt kurze Zeit später eine Ärztin oder ein Arzt in weissem Kittel den Kopf ins Wartezimmer und fragt: «Herr Müller? Auch nicht da?» Schweigen.

C305 in Zimmer 1 bitte.

Niemand blutet aus der Nase

Der alte Mann legt die Zeitung zurück in den Ständer und geht. Der Mann mit der lila Krawatte schaut ihm verächtlich nach. Wegen der feuchten Zeitung? Oder weil er vor ihm aufgerufen wurde? Nach welchem System die Tickets vergeben werden, bleibt für immer rätselhaft. Vielleicht ein geheimer Code? A sind jene mit guten Prognosen, B jene auf der Kippe und C die hoffnungslosen Fälle? Wer zu viel wartet, kommt nur auf dumme Gedanken.

Niemand blutet aus der Nase, niemand trägt Gips, niemand ein Pflaster auf der Stirn. Was die Menschen plagt, sieht man ihnen im Wartezimmer nicht an. Dass sie etwas plagt, spiegelt sich in den Gesichtern: geschlossene Lippen, traurige Blicke. Wie bei einer Fahrt im Tram, morgens um 7 Uhr an einem regnerischen Montag, bloss existenzieller.

A104 in Zimmer 4 bitte. Das junge Paar ist nun an der Reihe.

Hoffentlich ist es ein Mädchen.

Erstellt: 03.05.2014, 10:46 Uhr

Aus dem Grossraumbüro

Damned, jetzt ist auch Pistol Pete abgehauen!

Ist das nicht eine unglaublich grossartige Lektüre, werte Leserinnen und Leser? (Genau, gemeint ist die grosse Story auf dieser Seite, die da drüben links.) Karg, leise und pointiert ist der Sound dieser Worte, der Autor spielt die Klaviatur der Sprache präzis, aber zurückhaltend; es klingt fast so wie das Piano bei Erik Saties «3 Gymnopédies». Und doch wühlt die Geschichte auf wie «Breaking News» über abgestürzte Flugzeuge, Highschool-Massaker oder wütende Tsunami – obwohl ja eigentlich erschreckend wenig passiert in diesem elenden oder mindestens beelendenden Wartezimmer. Genau das war eben eine (von vielen!) «Spezialitäten» unseres Herrn Aeschlimann: Wie kein Zweiter in unserer holzigen Redaktionsstube verstand er es, ein nächtliches Nichts oder eine endlose Ereignislosigkeit in einen dringlichen, berührenden oder packenden Bericht zu verwandeln. Geradezu prototypisch für diese eigenwillige Kunst war seine Reportage «Nacht im Angstraum» über die scheinbar unheimliche Klopstockwiese; wer diesen Artikel gelesen hatte, konnte (und wollte!) ihn nicht mehr vergessen.

Wie die Leserschaft inzwischen bestimmt bemerkt hat, wird hier oft die Vergangenheitsform benutzt. Das ist, leider, kein Zufall: Dieser Text ist nämlich Peter Aeschlimanns (vorläufig) letzter für den Tagi – dass das bei solch ultimativen Zeilen gebräuchliche Böxli «Mit diesem Artikel verabschiedet sich . . . » fehlt, ist seiner Bescheidenheit, nicht seiner Vergesslichkeit geschuldet.

Was gibts noch zu sagen? Sicher dies: Wir sind verdammt traurig, dass nach (gg) nun auch (pa) aus unserer «Bellevue»-Crew abgehauen ist, die stets auch ein bisschen Familienersatz war. Erwähnenswert ist ausserdem, dass Herr Aeschlimann eine rekordverdächtige Zahl an Pseudonymen auf sich vereinte; die bekanntesten waren «Pistol Pete» (weil er schneller tippte, als Lucky Lukes Schatten ballerte) und «Hafe­chran-Päsche» (er brannte für dieses eiserne Ungetüm, wie einst der weidwunde deutsche Chefromantiker Joseph Karl Benedikt Freiherr von Eichendorff für Sehnsuchtsliebe brannte).

Wärs das? Fast. Bevor wir dem tollen Kumpel für seine Zukunft das Allerbeste wünschen, seien noch beiläufig die zwei Bücher genannt, die er in seinem sonst sauber ausgeräumten Büroregal stehen liess. Das eine: «Die Nati – Geschichte der Schweizer Fussballnationalmannschaft». Das andere: «Vom Nehmen und Genommenwerden – für eine neue Beziehungserotik». Er war manchmal eben schon ein Sürmel, unser Peter. (thw)

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Mit CallDoc clever und flexibel versichert

Lassen Sie sich rund um die Uhr medizinisch beraten – und sparen Sie dabei! Profitieren Sie vom Prämienrabatt der Grundversicherung. Jetzt Offerte anfordern.

Kommentare

Weiterbildung

Lohncheck in Pflegeberufen

Qualifiziertes Pflegepersonal ist rar. Eine Pflegeinitiative setzt sich darum für höhere Löhne ein.

Die Welt in Bildern

Bitte lächeln: Frankie die Bordeauxdogge stellt sein Löwenkostüm zur Schau. Er nimmt mit seinem Herrchen an der Tompkins Square Halloween Hundeparade in Manhattan teil (20. Oktober 2019).
(Bild: Andrew Kelly) Mehr...