Zürichs geheimnisvollster Abenteurer

«Schund!» Niemand will die Jim-Strong-Heftli gelesen haben. Und doch bewegten sie die Stadt – obwohl bis heute keiner weiss, wer dahintersteckt. Sie auch nicht?

«Ehemalige Mitschüler streiten bis heute ab, ‹Jim Strong› gelesen zu haben», erzählt Heftli-Sammler Robert Weideli. Foto: Jim Strong

«Ehemalige Mitschüler streiten bis heute ab, ‹Jim Strong› gelesen zu haben», erzählt Heftli-Sammler Robert Weideli. Foto: Jim Strong

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Ohne ihn gäbe es die moderne Zivilisation wahrscheinlich gar nicht: Jim Strong hat in den Jahren zwischen 1945 und 1952 die Welt vor dem Bösen gerettet – wie oft ihm dies gelang, lässt sich mit keinem Abakus errechnen. Überliefert sind über 40 Einsätze in Form von kurzen Heftchen von durchschnittlich 40 Seiten Länge.

Der sportliche, braun gebrannte kalifornische Abenteurer ist die Kreation von unbekannten Zürcher Autoren. Dies macht «Jim Strong» zum einzigen rein schweizerischen Romanheft. Im Zürich der Nachkriegsjahre gab es die Abenteurer für 45 Rappen am Kiosk zu kaufen. Allerdings nicht einfach so ohne weiteres: Strongs Geschichten waren verpönt, verboten, verrufen als Schund. Denn Abenteuer­romane im Heftchenformat galten als schmutzig und jugendverrohend.

Wer sie kaufen wollte, musste sich mit der Kioskfrau gut stellen. «Ich weiss noch gut, wie ich in den Fünfzigerjahren jeweils in Schwamendingen an den Kiosk ging, um die zweite Serie von ‹Jim Strong› zu kaufen», berichtet der passionierte Romanheftsammler Robert Weideli. Man habe links und rechts geschaut, ob gerade kein Erwachsener komme. Dann sei man zur Kioskfrau hin und hat im Flüsterton gefragt: «Ist der neue ‹Strong› schon da?» Es musste schnell gehen: Kontrollblick ihrerseits, Austausch von Geld gegen Heft. Und dann hiess es meist: «So, und jetzt mach, dass d furtchunsch! Nöd, dass di no einä geseet!» Eine Transaktion, als ginge es um den Austausch von Waffen oder Drogen.

Dr. Satan und Dr. Zodiak

Um ein Suchtmittel ging es allemal: Die Heftli waren damals das Unterhaltungsmedium schlechthin. Sie hatten den Status, den später das Fernsehen und heute Netflix-Serien haben. Sie beflügelten die Fantasie, sie öffneten das Tor zur grossen weiten Welt – auch wenn Jim Strong nicht wirklich existierte und seine Macher Zürich wohl ebenfalls höchstens mal für einen Italienurlaub mit dem Auto verliessen.

Dann ging man nach Hause und ­verschlang die neue Story sofort, wie Weideli berichtet. Die gelesenen Exemplare wurden anschliessend getauscht: An der Langstrasse, in dunklen Hinterzimmern, konnte man zerfledderte Heftli aus zweiter Hand kaufen.

Man darf «Jim Strong» nicht als Einzelphänomen betrachten. Er steht in der Tradition von Abenteuer- und Kriminalgeschichten wie «John Kling», «Tom Shark» und vielen mehr. Vor dem Krieg las man «Buffalo Bill» oder «Nick Carter». Der Markt blühte damals. Durch die Hefte erfuhr man von neuen technischen Ent­wicklungen, las von Robotern, von Helikoptern, von Kugelblitzen, radioaktiver Strahlung und Magnetfeldern. Sie ­spielten im zeitgenössischen Amerika, im Jetzt.

Die Gegenspieler von Jim Strong hiessen Dr. Satan, Dr. Fu Manchu, Dr. Zodiak oder Bent Tugger und waren oft anderen amerikanischen Geschichten entlehnt. Um eigene Bösewichte zu entwickeln, blieb im Zweiwochenrhythmus keine Zeit. Wenn den unbekannten Zürcher Verfassern kein Name mehr in den Sinn kam, verwendeten sie halt einen aus der Filmgeschichte: So taucht plötzlich etwa Red Butler aus «Vom Winde verweht» auf.

Um das Phänomen der Romanheftchen zu verstehen, muss man sich in die Zeit Ende der Vierziger-, Anfang der Fünfzigerjahre zurückversetzen: Im Radio liefen die Nachrichten und volkstümliche Musik. Fernsehen gab es noch längst nicht in jedem Haushalt. Kino war in Zürich erst ab 18 Jahren zugelassen. So war die Literatur das Einzige, was einem als junger Mensch blieb, um in andere Welten abzutauchen.

Seltsamerweise wurde klar unterschieden: Bücher sind gut, Heftli sind Schund. Die Indianergeschichten von Karl May waren gut, erbauend, edukativ, «Jim Strong» war des Teufels und verrohte die Jugend. Die Medien, die Kirche, die Lehrerschaft opponierten geschlossen. Pressetitel wie «Der Beobachter» oder die NZZ schossen scharf gegen den Schund (beispielsweise 1911: «Wider die Schundliteratur», 1947: «Die Schundliteratur der Kolportageromanhefte übertrifft an Umfang, Schmutz und Gemeingefährlichkeit alles Gedruckte und Gesprochene . . . »).

Ein wichtiger Grund dafür waren wohl die Titelbilder. Sie zeigten spannungsgeladene, schwarz-weisse Illustrationen von Szenen der Romane: gespenstische Gestalten, Gefangene auf dem elektrischen Stuhl, Verfolgungs­jagden, Messerattacken, Faustkämpfe, Kampfflugzeuge. Dabei war der Inhalt, gemessen an heutigen Standards, völlig harmlos. Derzeit ist wohl jede Vorabendserie mit mehr Blut und Action gespickt.

Das Mysterium lebt

Doch sich als «Jim Strong»-Fan zu outen, war unmöglich: «Es gab dann Umtauschaktionen in der Schule: Wer dem Lehrer ein Schundheftli abgab, bekam zwei SJW-Heftli, voll mit irgendwelchen Larifari-Geschichten, die niemanden interessiert haben. Wir wollten wissen, was Dr. Satan wieder verbrochen hat», sagt Weideli. Die öffentliche Ächtung ging so weit, dass viele junge Menschen ihre geheime Leidenschaft nicht mal ihrem Umfeld anvertrauten: «Ehemalige Mitschüler streiten bis heute ab, ‹Jim Strong› gelesen zu haben.»

Autoren und Verlag operierten im Geheimen. Niemand wusste, wer sich wirklich hinter den «Jim Strong Editors Zürich» verbarg – und das Geheimnis ist bis heute nicht gelüftet. Auf der zweiten Umschlagseite jedes Heftchens findet sich dann auch noch der Hinweis auf eine angebliche englische Originalversion: «Der amerikanische Titel dieses Berichtes lautet: Satanic business.» Und darunter der Vermerk: «Es ist unmöglich, von Jim Strong nicht gefesselt zu werden!»

Dann tauchte der Leser sofort ein in ein neues Abenteuer von Jim Strong und seinen Freunden: «Eine schwüle, unheimliche Hitze lagerte über dem Tale, in dem Shaccles Village liegt. Die Luft über der breiten asphaltierten Chaussee zitterte und flimmerte.» So beginnt etwa Band 33 mit dem Titel «Das Todesserum des Prof. Nagoya», in dem aus ihrem ewigen Schlaf geweckte Vampire sich des strahlenintensiven Radium­präparats des ehrenwerten Professor Nagoya bemächtigen, um daraus ein furchtbares Todesserum herzustellen. Ohne den Einsatz von Jim Strong und seiner Freunde Sam Costello und O’Conell wäre die Welt – Sie können es sicher bereits erahnen – dem Untergang geweiht.

Leider war den Zürcher Verfassern aufgrund des öffentlichen Drucks kein Erfolg beschert – obwohl man alles versuchte, inklusive Tarnumschlägen. Zwischen 1947 und 1950 pausierte die Serie; anschliessend nahm sie mit einem neuen Verlag einen nächsten Anlauf. Doch die Auflage stagnierte. 1952 war Schluss.

All dies macht die Geschichte um Jim Strong zu einem eigenen Abenteuer. Ein Mysterium, das heute noch unter den Romanheftsammlern weiterlebt.

Mehr Information zu «Jim Strong» unter: artusverlag-romanheftsammler.ch

Aufruf: Wissen Sie etwas zur Autorenschaft der «Jim Strong Abenteuer»? Dann schreiben Sie uns bitte eine E-Mail: bellevue@tages-anzeiger.ch. Merci!

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.05.2019, 16:01 Uhr

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