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Acht zärtliche Schrankgeschichten

Im Gewerbemuseum Winterthur dreht sich eine Ausstellung um den Schrank. Langweilig? Mitnichten.

Was man darin nicht alles verstauen kann: Das Gewerbemuseum Winterthur widmet sich einem verkannten Möbelstück. Foto: Julia Gröning
Was man darin nicht alles verstauen kann: Das Gewerbemuseum Winterthur widmet sich einem verkannten Möbelstück. Foto: Julia Gröning

Das grundsätzliche Schrank-Problem

Der Schrank an und für sich ist ein physikalischphilosophisches Problem, vergleichbar etwa mit dem quantenmechanischen Paradoxon von Schrödingers Katze. Es geht so: Man hat Kram im Raum und möchte ihn weghaben. Man kauft sich deshalb einen Schrank, in dem man diesen Kram versorgen kann. Nach kurzer Zeit ist der Schrank vollgestopft, und man braucht einen zweiten. Und einen dritten, vierten, fünften, sechsten. Irgendwann sind die Schränke der neue Kram im Raum – man braucht einen neuen Raum. Irgendwann ist auch dieser Raum voll, und man braucht eine neue Wohnung, ein neues Haus und so weiter. Das philosophische Problem «Schrank» ist noch ungelöst. (lsch)

Zwei Türen, neun Tore

Es gibt zwei Leidensgeschichten, die mich mit dem Kleiderschrank verbinden. Die erste handelt davon, dass er überquillt – schon seit langer Zeit und vermutlich für noch viel länger. Die zweite Geschichte ist etwas dramatischer: Mein älterer Bruder, wir waren beide im Primarschulalter und mussten uns an einem Sonntag miteinander beschäftigen, war gelangweilt. Nicht gut. Er rollte mich in einen Teppich ein und bugsierte mich in den Kleiderschrank unserer Eltern. Türe zu. Als ich aus eigener Kraft wieder rauskam, weinend wohl, wollte ich meinen Bruder zur Rede stellen. Aber wie immer schaffte er es, mich abzulenken – er bot an, mit mir zu spielen, und lockte mich mit einem Fussballmatch. Und neun Toren Vorsprung. (slm)

Liebe aus dem Kellerschrank

Wärs ein Häschen gewesen oder ein Dächslein, ein Gürteltier, ein Hundi oder von mir aus auch ein niedliches Rattenbaby, so wäre mein Lieblingstier heute wohl der Hase, der Dachs, das Dasypoda, der Golden Retriever oder eben die Ratte. Doch das, was ich im zarten Bubenalter im sogenannten Bananenschrank des Restaurantkellers meiner Grosseltern zur Welt kommen sah, waren Kätzchen. Das Süsseste hätte ich ohne rettendes Eingreifen meines Grossmuetis vor Liebe wenige Minuten nach seiner Geburt beinahe erwürgt, doch es hat überlebt und wurde die ganze Kindheit hindurch zu meinem treuen Gefährten. Seither bin ich vernarrt in alte Schränke – und vor allem in Katzen. (thw)

Krieg der Schwärme

Mein Schrank ist ein Sauhund. Er hat sich über Monate Motten gezüchtet, die fett wurden und Löcher gefressen haben in beste Wollware. Ja, der Schrank ist alt und aus Holz. Darum mag ich ihn. Doch eben, er war Grund für die Mottenplage und diese für eine militärische Aufrüstung im Haushalt. Chemiewaffen mussten her. Giftige Sprays, noch giftigere Tücher. Die Streitkraft war irgendwann so gross, dass die Motten elend verreckten. Seither fühl ich mich als Kriegsherr und Massenmörder. Schränke machen schlimme Dinge mit Menschen. (czu)

In den Schrank weisen

Ich hätte natürlich auch diese Schrankgeschichte erzählen können: An einem rauschenden Fest verwechselte ein Mann im Rausch den Kleiderschrank mit der Toilette. Aber was hätten wir davon? Deshalb: Im Französischen gibt es ein schönes Wort für eine nicht so schöne Sache. Placardisation, la. Benutzt wird es vor allem in Bezug auf die Arbeit und bedeutet, dass jemand kaltgestellt wird. Ab in den Schrank! Dort steht schon der Mob – aber mobbing, le... nicht so schön. Auch als Wort nicht. (bra)

Mit dem Schrank im Schrank

Da stand ich dicht vor ihm in der Dunkelheit. Mein Bauch an seinem, mehr Platz war da nicht. Es roch nach Holz und erinnerte mich an früher. Die Leute grölten. Ich war verwirrt, alles war so schnell gegangen. Er sagte, alles sei gut. Da erst realisierte ich: Ich war mit Mike Müller in einen Kasten gesperrt, mit einem Schrank in einem Schrank. Mitten in einem Theaterstück. Und flugs durch die Hintertür schon wieder draussen. (ema)

Schnaps auf Schnapsidee

Das Ganze trug sich in einer Zeit zu, in der es noch keinen Trittschallschutz gab und die Wände aus Papier zu sein schienen. Alles konnte man hindurch hören – in diesem Fall zum Glück! Denn so haben wir die Hilferufe der Dame in ihrem Hotelzimmer vernommen. Die Arme war gefangen unter dem im Zimmer verkeilten Schrank. Sie habe den Leuten im darüberliegenden Zimmer zu verstehen geben wollen, dass sie keine Freude an ihrem Lärm habe. Leider war sie zu klein, um mit ihrem Stock bis zur Decke zu reichen. Also nutzte sie den Schrank als Leiter... Die Dame kam ohne Blessuren, aber mit einem gehörigen Schrecken davon. Der verflog, als wir sie mit der besten Medizin für solche Fälle versorgten: einem guten Gutsch Schnaps. (tif)

Der Einbahneinbauschrank

Der Schrank stand in einem Ferienhäuschen, das umgebaut werden sollte. Weil er unpraktisch war, sollte er den Besitzer wechseln. Nur: Der Schrank passte weder durch die Tür noch durch das Fenster, egal, wie man ihn auch drehte und wendete. Auseinandernehmen liess sich das alte Bauernmöbel auch nicht. Also baten die Besitzer den Schreiner, der mit dem Umbau beauftragt war, sich mit dem guten Stück zu arrangieren. Nach den ersten Umbautagen war der Schrank verschwunden. Der Schreiner wunderte sich. Hatten die Besitzer das Ding am Ende in Kleinholz verwandelt? Zersägt, zerhackt? Des Rätsels Lösung war viel einfacher. Der Schreiner hatte im Zuge des Umbaus einen Türrahmen entfernt. Damit wurde die Türöffnung um die entscheidenden Zentimeter grösser, sodass der Schrank haargenau durchpasste. (leu)

Cupboard Love, Der Schrank, die Dinge und wir; Gewerbemuseum Winterthur; Eröffnung Samstag, 16 Uhr; bis 22. April.

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