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Achtung: Türmchen

Stimmig wirkt dieses Schloss bei Neftenbach wohl einzig auf jene, die das Mittelalter nur aus Videospielen kennen.

Marius Huber
Gutshaus mit Turm: Schloss Wart bei Neftenbach. Bilder: Urs Jaudas
Gutshaus mit Turm: Schloss Wart bei Neftenbach. Bilder: Urs Jaudas

Es gäbe zu diesem Haus viel zu sagen, aber wir müssen mit dem Turm beginnen. Sonst wäre das, als würden wir krampfhaft versuchen, die riesige Warze auf der Nase unseres Gegenübers zu ignorieren. Die Warze ist in diesem Fall dieser penetrante Erker, der sich an den spitzhütigen Turm klammert. Diese Kombination macht das Haus bei Neftenbach so einzigartig. Absolut authentisch und himmelschreiend fake zugleich.

Stimmig wirkt so was sicher auf jene Generation, die das Mittelalter nur aus Videospielen kennt. Dort wimmelt es von Türmchen mit Anhängsel. Andere werden einwenden, dass diese Videospielschlösser bloss die Kopien von Kopien sind. Die Anhängseltürmchen aus den Games ahmen jene von Disneys Märchenschloss nach, das sie wiederum beim Bayernkönig Ludwig abgeschaut hat, der Ritterburgen mochte und daher Neuschwanstein so bauen liess, wie er sich so eine Burg vorstellte. Das ist nur 150 Jahre her.

Alles wurde zusammengepappt

Der Historismus war ja diese schräge Epoche im 19. Jahrhundert, in der das Bürgertum dank Kapitalismus und industrieller Massenproduktion in die Zukunft aufbrach, sich aber konsequent mit Bauten umgab, die aussahen, als wären sie von vorgestern. Romanik, Gotik, Renaissance: Alles wurde zusammengepappt, dann ein Anhängseltürmchen obendrauf – ein verlässliches Warnzeichen, dass etwas nicht so alt ist, wie es tut. Das gilt auch für das Landesmuseum in Zürich genau wie für die Villa namens Schloss Wart, um die es hier geht. Beide entstanden in den 1890er-Jahren.

Das schlossähnliche Gebäude bei Neftenbach haben wir einer Familie zu verdanken, die in dieser Kolumne schon einmal Thema war wegen der exzentrischen Wahl ihrer Wohnsitze. Damals ging es um die Baronin Fanny von Sulzer-Wart, die es schaffte, das grandiose Schloss Charlottenfels bei Neuhausen gegen das pompöse Schloss Au zu tauschen und trotzdem Armutspanik zu haben – sie war später eine der ersten Patientinnen von Sigmund Freud.

Die Lage des Schlosses hatte für die Gattin des Barons zu wenig Klasse.
Die Lage des Schlosses hatte für die Gattin des Barons zu wenig Klasse.

Diesmal geht es um Fannys jüngeren Bruder Max, der sich ebenfalls Baron nannte und in seinem Schloss auch nicht glücklich wurde. Schon der Adelstitel war eine Anmassung im jungen Bundesstaat, in dem laut Verfassung alle Schweizer gleich waren. Sulzers Grossvater, Spross einer Winterthurer Familie, hatte den Titel einst am bayerischen Königshof verliehen bekommen, wo er als Salzkommissar die Basis fürs üppige Familienvermögen legte. Er war es auch, der aufs Wartgut bei Neftenbach umzog, benannt nach einer Adelsfamilie, die 500 Jahre zuvor wegen Blutrache verschwunden war. Es gibt bessere Omen.

Baron Max jedenfalls liess sich an dieser Stelle ein neues Haus bauen, ein Mini-Neuschwanstein. Architekt war Ernst Georg Jung, der Onkel des Psychologiepioniers Carl Gustav Jung. Es ist bezeichnend für die Zeit, dass die «Bauzeitung» damals in einer Würdigung zwar die Zentralheizung und die 150 Glühbirnen erwähnte, nicht aber das spleenige Türmchen.

Das goldene Käfig

Leider hatte die Lage des Schlosses für die Gattin des Barons zu wenig Klasse. Und er selbst war kaum je zu Hause, weil: Weltenbummler, Kartenspieler, Jäger, Waffensammler, begeisterter Velofahrer (als solcher Gründer des Zürcher TCS) und Autofahrer (als solcher Gründer des Zürcher ACS). Deshalb wuchs die gemeinsame Tochter Margarethe allein in Schloss Wart auf, umgeben von Wappenscheiben, Rüstungen und Dienstboten. Vielleicht blickte sie manchmal vom Turmzimmer sehnsüchtig in die Welt hinaus. Viel scheint ihr nicht am goldenen Käfig gelegen zu sein: Nur zwei Jahre nach dem Tod des Vaters verkaufte die damals 22-Jährige das Schloss.

Nun zog ein böhmischer Fabrikant ein, der aber im Ersten Weltkrieg sein Vermögen verlor. Es folgte der geltungssüchtige Divisionär Fritz Gertsch, der sich mit Drills und «Todesmärschen» einen üblen Ruf gemacht hatte – und nur Tage nach dem Kauf des Anwesens vom Kommando enthoben wurde. Er verkaufte das Schloss später mit Verlust, viel Inventar landete im Museum. Seit 1935 kümmern sich die Philanthropen um das Haus, ein religiöser Männerbund. Diese erhalten das Schloss und lassen es gerade renovieren. Immerhin sie scheinen damit glücklich geworden zu sein.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

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