Alles für «dä Feeling»

Ein Könner, der viel zu lang ein Phantom war: Rapper Sulaya hat sich und seiner Heimatstadt ein musikalisches Denkmal gesetzt.

Sein Rap ist abgedreht und punktgenau: Thomas Zolliker alias Sulaya. Foto: Thomas Egli

Sein Rap ist abgedreht und punktgenau: Thomas Zolliker alias Sulaya. Foto: Thomas Egli

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Schaffhausen ist eine kleine Stadt am Rande der Schweiz. Wenn man die Grenze nach Deutschland passieren will – etwa, um im Schwarzwald eine Kneippkur zu machen –, streift man sie fast zwangsläufig. Sonst hört man nicht sonderlich viel von ihr. Und: In den Seiten des Lokalbundes einer Zürcher Tageszeitung hat sie normalerweise sowieso nicht viel verloren.

Hier soll sie nun aber dennoch pro­minent aufspielen. Hier, in diesem Text, und in diesem für Mundartrap so wichtigen Jahr spielt sie plötzlich eine der Hauptrollen. Weil Thomas Zolliker (34) – was an seinem Dialekt unschwer erkennbar ist, wie bei allen Schaffhausern – eng mit ihr verknüpft ist. Und weil er – Künstlername Sulaya, Wohnort Zürich –, seit mehr als 15 Jahren zugleich Fixstern und Phantomschnuppe am Mundart­-rap-Himmel, ein Lied über sie aufgenommen hat.

«Ich han dich scho vermisst, Schaffhuuse»

Ein Lied, das zuerst klingt wie ein Liebeslied. Da jaulen Gitarren wie in einer Hardrock-Schnulze, da schmelzen die Herzen der Frauen dahin. Gleich, jetzt dann gleich, wird Sulaya ihren Namen nennen. Und ihr endlich erklären, wie sehr er sie doch liebt und wie sehr er doch alles bereut. Es könnte eine Hymne werden, voller Tiefgang, voller Liebesschwüre. Doch so weit kommt es nicht. Er beklagt ihre langweiligen Wochenenden, ihre kalten Winter, ihre Tristesse, die Friedhofspfützen, den Fakt, dass er nie wirklich warm geworden ist mit ihr. Und er endet dann dennoch mit: «Ich han dich scho es bitz vermisst, Schaffhuuse.»

Eine Hymne, die keine ist. Das hat es im Mundartrap noch nicht gegeben.

«Das ist halt eine Hassliebe», lautet Sulayas schlichter Kommentar dazu. Aber es geht eben gar nicht um die Kleinstadt am Hochrhein. Es geht um Herkunft, um Lebensläufe, um Ankerpunkte, um Aufbrüche und Spurenelemente. Und vor allem: um einen Rapper, der irgendwie quer in der Schweizer Hip-Hop-Landschaft steht.

Das zynischste Lied ever

Wir treffen uns vor dem Palestine Grill bei der Longstreet Bar an der Zürcher Langstrasse. Ein Ort, mit dem er sich identifiziert, wie er sagt. Hier holt er sich öfter mal etwas zu essen, hier schaut er mittwochs manchmal vorbei, um DJ K-Rim auflegen zu hören. Seit zwei Jahren wohnt er in der Stadt. Ein «Szeni» ist Thomas Zolliker in dieser Zeit nicht geworden. War er nie, wird er wohl nie sein. Er wirkt eher zurückhaltend und bescheiden. «Kann schon sein, dass ich irgendwann mal mit der grossen Karriere geflirtet habe. Aber das ist lange her. Und irgendwie hat dafür immer der Ehrgeiz gefehlt.»

Im Jahr 2002 nahm erstmals eine grössere Öffentlichkeit von ihm Notiz. Für einen Gastauftritt auf dem Album «Dorfgschichta» der erfolgreichen Formation Sektion Kuchikäschtli persiflierte er hörspielartig das Paarfindungsgebaren der Sendung «Swiss Date» – und begab sich zugleich in die Rollen von Showmasterin Patty Boser und eines versauten Kandidaten.

Bereits drei Jahre vorher, präzis am 17. September 1999, hatte er die Hip-Hop-Szene von seinem Talent überzeugt: Bewaffnet mit einem Rucksack und ganz viel Chuzpe, errang er auf der Bühne des X-tra in Zürich den Sieg in einem nationalen Rap-Battle. Diese Legende erhält er vor allem selber – auch das ist Hip-Hop – fleissig aufrecht.

«Ich glaube, ich wollte lange gar nicht den grossen Fame. Und als ich ihn dann vielleicht mal wollte, stimmte das Umfeld nicht.»Sulaya

Trotz dieser vermeintlichen Zündtriebwerke nahm seine Karriere dann nie so richtig Fahrt auf. Sie blieb ein Stückwerk, ein loser Flickenteppich: da mal ein Gastauftritt, hier mal eine Strophe. Die beiden Alben, die er 2005 und 2011 veröffentlichte, waren gnadenlos unterproduziert und krankten an mangelndem Biss. Darauf angesprochen, tut sich Sulaya eher schwer mit einer Begründung: «Ich glaube, ich wollte lange gar nicht den grossen Fame. Und als ich ihn dann vielleicht mal wollte, stimmte das Umfeld nicht.»

Wir sitzen inzwischen in der Long­street Bar, hinter der grossen Leinwand. Auf ihr läuft das EM-Spiel Russland - Slowakei. Auch dabei: Patrick Nzezila alias Piment, Produzent aus Seebach, verantwortlich fürs gesamte musikalische Terrain von Sulayas Comeback. Wir fachsimpeln über die Hip-Hop-Geschichte, über monumentale Zäsuren wie das Aufkommen des Wu-Tang Clan oder des Dipset-Verbunds aus Harlem. Über die grossen Zürislang-Zeiten mit Bligg & Lexx und Gleiszwei. Darüber, dass Rap aus Zürich oft recht wenig Unterstützung aus den eigenen Reihen findet.

Und natürlich über neue Stücke des Neuzürchers mit dem unabschüttelbaren Dialekt. Etwa «Sie so, ich so», das vielleicht zynischste Liebeslied, das je auf Schweizerdeutsch geschrieben wurde. Es besteht nur aus einem Hin und Her an Kontrasten. Statements, die besagen: Diese beiden, die passen hinten und vorne nicht zusammen. Ein Beispiel? «Sie so: Was machsch hütt Abig? Ich so: Huusufgabe. Sie so: Scho am Morge gsi go schwümme. Ich so: Ruusch usschloofe.» Oder: «Sie so: Schwarze Gürtel, Gingertee, Yoga, ohni Dressing. Ich so: d Hose voll Tabascosauce.» Doch statt des totalen Bruchs endet der Song mit dem ultimativen Liebesschwur: «Ich han nur a Sex glaubt, dasch ehrlich und effektiv, doch jetzt glaub ich glaub wieder a die wahri Liebi, will ich lieb dich, ich lieb dich, ich lieb dich . . .»

Video: «Sie so, ich so» von SulayaQuelle: Piment BeatzTV, Youtube

Sulaya kommentiert seine eigenen Stücke kurz und knapp. Warum auch mehr Worte verlieren? Ist ja alles da, alles gesagt. Er vertraut dem Hip-Hop-Fan, alles richtig verstanden zu haben.

Nonsens gespickt mit Sense

Das Interview geht irgendwann in einen gemütlichen Fussballabend über. Nach ein paar Bier verlassen Journalist und Künstler ihr Rückzugsgebiet hinter der Leinwand. Im Euroland Frankreich duellieren sich jetzt nämlich nicht mehr Russland und die Slowakei, sondern die Schweiz und Rumänien, und das will niemand der Anwesenden verpassen.

Piment ist gleich tief im Spiel versunken. «Mec, dä muesch machä!», ruft er mehrmals, auch «Mec, bi Real wär dä dinne gsi!» ist ein häufig verwendeter Kommentar des flammenden Anhängers des weissen Balletts aus Madrid. Sogar seinen Lieblingsspruch «Es gaht um dä Feeling!» – sonst reserviert für die Beschreibung der richtigen Chemie beim Musikmachen – kann er hier platzieren; er nutzt ihn in Bezug aufs Teamgefüge. «Dä Feeling» verhilft der Schweiz zum Ausgleich gegen Rumänien. «Dä Feeling» hat ihr mittlerweile sogar zur Qualifikation zum Achtelfinal verholfen.

Video: «D' HipHopHäx» von SulayaQuelle: Sulaya SHS, Youtube

Dafür, dass «dä Feeling» zwischen Sulaya und Piment stimmt, ist das «SHS»-Mixtape ein eindrücklicher Beweis. Es ist ein rundes Ding geworden, eigentlich ein Album. Voll wonniglichem Nonsens gespickt mit Sense, voller Wortspiele und Wortwitz, voller griffig umgesetzter Beobachtungsgabe, voller guter Unterhaltung in typischer Hip-Hop-Manier. So wie Eminem das auf seinen ersten paar Alben zustande brachte – um jetzt mal sehr, sehr hoch zu greifen.

Es ist Beweis für ein Potenzial, das jahrelang brachlag, praktisch nur auf besagten Gastauftritten zum Tragen kam. Kurz, knapp, voll auf den Punkt. So zum Beispiel vor vier Jahren auf der Grosskollaboration «Dä Cypher» des Zürcher Duos MDMA. Unglaubliche 275'000-mal wurde das Video auf Youtube angeschaut – ohne Frage vor allem wegen Sulayas kurzer Strophe. So abgedreht, so überspitzt, so insiderisch und zugleich so pointiert ist Mundartrap nur ganz, ganz selten.

Das Momentum soll darum auch weiter genutzt werden: Die beiden haben beschlossen, sofort weiterzumachen und in Piments Wickelzimmer in Seebach neue Tracks aufzunehmen. Ohne grosse Ziele: «Einfach machen, für uns, fürs gute Gefühl. Wenn ich für die Tracks ein bisschen Respekt von den richtigen Leuten kriege, reicht mir das völlig.» Dann holt er sich noch ein Bier.

Das Mixtape «SHS» (Nation Music) von ­Sulaya ist über iTunes erhältlich.

Erstellt: 20.06.2016, 22:55 Uhr

Artikel zum Thema

Wer hat das Sagen im Hip-Hop-Land?

Hintergrund Hardliner wie Tommy Vercetti und Opportunisten wie Knackeboul streiten darüber, was Mundart-Rap sein soll und sein kann. Eine Bestandsaufnahme. Mehr...

Ein König zieht in die Ferne

Mundart-Rap Porträt Vor zwanzig Jahren erfand Thomas Bollinger alias E.K.R. den Mundart-Rap. Nun wendet er sich mit einem neuen Album dem Reggae zu. Mehr...

«Mein Freund lief unter Schock durch die Stadt»

Interview Kenner datieren den Beginn des Hip-Hops auf den 11. August 1973. Deshalb eine Zeitreise mit dem Schweizer Rap-Pionier EKR – es geht auch um öde Beastie Boys, Eminems Elvis-Syndrom, Sexismus und eine brutale Zäsur. Mehr...

Das Ressort Zürich auf Twitter

Das Zürich-Team der Redaktion versorgt Sie hier mit Nachrichten aus Stadt und Kanton.

Etwas gesehen, etwas geschehen?

Leser-Reporter

Haben Sie etwas Aussergewöhnliches gesehen, fotografiert oder gefilmt? Ist Ihnen etwas bekannt, das die Leserinnen und Leser von Tagesanzeiger.ch/Newsnet wissen sollten? Senden Sie uns Ihr Bild, Ihr Video, Ihre Information per MMS an 4488 (CHF 0.70 pro MMS).
Die Publikation eines exklusiven Leserreporter-Inhalts mit hohem Nachrichtenwert honoriert die Redaktion mit 50 Franken. Mehr...

Paid Post

Grosser Sammelspass für die ganze Familie

Perfekt für kalte Wintertage: Bei jedem Einkauf Marken sammeln und gegen exklusive «Disney Winterzauber»-Prämien von Coop eintauschen!

Kommentare

Blogs

Geldblog Vorsicht beim Verrechnungsverzicht!

Mamablog Nehmt euch Zeit fürs Kranksein!

Die Welt in Bildern

Zum Wiehern: Ein Pferd scheint sich in Feldberg im Schwarzwald über die weisse Pracht zu freuen. (18. November 2019)
(Bild: Patrick Seeger) Mehr...