Alles Gute zum 100., liebes Schulhaus Sihlfeld!

Das 1919 eingeweihte Schulhaus beim Hardplatz galt damals als «Palast». Auch heute imponiert der Bau des bekannten Architekten Friedrich Fissler.

Die Ostfassade des von Architekt Friedrich Fissler verantworteten Schulhauses Sihlfeld anno 1919. Foto: ETH, Baugeschichtliches Archiv

Die Ostfassade des von Architekt Friedrich Fissler verantworteten Schulhauses Sihlfeld anno 1919. Foto: ETH, Baugeschichtliches Archiv

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«Das Schulhaus an der Sihlfeldstrasse wurde am Nachmittag des vergangenen Donnerstags mit einer bescheidenen Feier von der städtischen Bauverwaltung in die Hand der Schulbehörden übergeben. Vertreter des Stadtrates, der Zentralschulpflege, der Kreisschulpflege III und der Lehrerschaft fanden sich mit den Personen, die das Werk geschaffen haben, in der zum Schulhaus gehörenden Turnhalle ein, wo die Stadträte Kruck und Dr. Bosshardt Ansprachen hielten.»

Dies ist der Einstieg eines Berichts, der am 13. April 1919 in der «Neuen Zürcher Zeitung» erschien. Wenn man ein wenig weiterforscht, findet man, dem fast allwissenden Internet sei Dank, heraus, dass dies ein Sonntag gewesen ist. Zwischen Sonntag und dem in der Zeitung genannten «vergangenen Donnerstag» liegen drei Tage … was frei nach Adam Riese bedeutet, dass das Schulhaus Sihlfeld am Nachmittag des 10. April 1919 eröffnet worden ist.

Und dieser 10. April, werte Leserinnen und Leser, jährt sich just morgen Mittwoch zum 100. Mal! Es wäre glaub ein wenig übertrieben, Sie deswegen in corpore zum gemeinsamen Kanonsingen eines Geburtstagsständchens aufzurufen. Aber das Gebäude in dieser Kolumne in all seinen Facetten zu würdigen, das darf und soll durchaus sein.

Fissler hinterliess auch anderswo Spuren

Wir übergeben dazu das Wort zuerst nochmals der «Alten Tante» von der Falkenstrasse (dies auch, weil wir im hauseigenen Archiv nicht fündig wurden), die in ihrem Artikel zur Eröffnung auch eine ziemlich euphorische architektonische Einordnung lieferte und zudem einen Blick in die Zukunft wagte.

Aber bitte, lesen Sie selbst: «Ein Rundgang bot den Teilnehmern Gelegenheit zur Besichtigung und Bewunderung des prachtvollen Gebäudes und seiner tadellosen Einrichtung, bei der alle modernen Anforderungen an den Bau eines Schulhauses berücksichtigt sind. Auch von aussen macht dieser Schulpalast einen vorzüglichen Eindruck; er leiht sich den vielen prächtigen Schulhäusern Zürichs würdig an. Das Quartier, in dem er sich erhebt, am ehemaligen Schrägweg und am Hardplatz, ist noch licht bebaut; dies wird sich aber schon in naher Zeit ändern, und zudem hat das neue Schulhaus einem ausgedehnten Wohnviertel zu dienen.»

Der Architekt, der hier ohne Namensnennung gelobt wird, heisst Friedrich Fissler. Gerade die «Sozialbauten» des 1875 im deutschen Pforzheim geborenen und 1964 in Zürich verstorbenen ETH-Absolventen und späteren Stadtbaumeisters prägen gewisse Stadtquartiere bis heute – so hat Fissler auch das Schulhaus Hans Asper und das Waisenhaus Entlisberg in Wollishofen, das Tramdepot Hard und die Badi Unterer Letten im Industriequarter sowie das Forschungsinstitut für Epilepsie im Kreis 8 realisiert.

Geplagt von einer Schülerbande

Doch gehen wir wieder zurück zum Schulhaus Sihlfeld, welches – das sei trotz Jubiläum nicht verschwiegen – auch die eine oder andere düstere Phase erlebte. Besonders die Jahre 1961/62 waren keine guten. Da nämlich trieb in Aussersihl eine Schülerbande ihr Unwesen. Polizeiermittlungen ergaben schliesslich, dass es sich bei den Deliquenten um Sihlfeld-Schüler handelte, vier der Sürmel gingen in die achte und einer in die siebte Spezialklasse.

In der Ausgabe vom 13. Januar 1962 listet die NZZ deren Taten akribisch auf: elf Garderobendiebstähle, sechs Ladendiebstähle, vier Einbruchdiebstähle, drei Einschleichdiebstähle, neun Diebstähle aus Autos, acht Diebstähle in Schulhäusern, drei Betrüge, drei Diebstähle ab Velos, neun Motorfahrrad- und sieben Velodiebstähle, verteilt auf die Stadtkreise 3, 4 und 9. Besonders unverfroren: Einem Sihlfeld-Kameraden klaute die Bande das Büchergestell, «das er im Holzkurs in langer Arbeit selber verfertigt hatte».

Tempi passati, die 250 Primarschüler und 120 Kindergärtler, die heute im mehrfach renovierten und modernisierten Sihlfeld zur Schule gehen, seien mehrheitlich wohlerzogen, hört man. Das 100-Jahr-Jubiläum werden sie übrigens im Juni mit einer Themenwoche feiern, die mit dem Zirkus Pipistrello durchgeführt wird. Und zum Schluss noch die Frage, die sich bei jedem Schulhaus stellt: Wer war der berühmteste Schüler? Wir sagen (ohne Gewähr): David «Piu» Da Costa, früher Goalie beim FCZ, heute bei Lugano zwischen den Pfosten.

Die wöchentliche Kolumne «Bauzone» widmet sich den vielen ausgefallenen, spannenden, hässlichen oder irgendwie schrägen Häusern, die überall im Kanton Zürich stehen. Sämtliche über hundert bisher erschienenen Beiträge finden Sie hier: bauzone.tagesanzeiger.ch

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.04.2019, 12:55 Uhr

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